Wozu ist die Straße da? Zum Spazieren. Und die Fahrbahn? Zum Fahren.
Wenn die städtische Verkehrspolitik auf einen grünen Zweig kommen will, muss sie die Häuser niederreißen. Oder den Platz dazwischen neu verteilen.
Sibylle Hamann
Prinzipiell wäre gegen Nummerntafeln für Fahrräder gar nichts einzuwenden. Aus zwei Gründen. Erstens ist es prinzipiell gut, wenn man für seine Handlungen Verantwortung übernimmt. Wenn man für das, was man tut oder sagt, geradesteht, statt sich in der Anonymität zu verstecken und klammheimlich davonzustehlen.
Für rempelnde Rowdies im Straßenverkehr gilt ähnliches wie für rempelnde Rowdies in den Internet-Foren: Wer sicher sein kann, dass er oder sie unerkannt bleibt, lässt schnell den niedrigsten Instinkten freien Lauf. Wer damit rechnen muss, dass nachgefragt wird – Hast du mitgekriegt, was du eben getan hast? Hier steht die Person, die du verletzt/gefährdet/erschreckt/beleidigt hast, darf ich vorstellen? Warum machst du sowas eigentlich? – wird normalerweise schlagartig respektvoller und umsichtiger.
Praktisch stehen wir bloß vor dem Paradox, dass Nummerntafeln auf Autos genau diesen Effekt bisher nicht gezeigt haben. Warum sollten sie es dann bei Fahrrädern tun?
Der zweite prinzipielle Grund, der für Nummerntafeln spräche: Sie würden deutlich sichtbar machen, was ein Fahrrad ist. Es ist kein Spielzeug wie ein Hula-Hoop-Reifen. Kein Sportgerät wie ein Tennisschläger. Kein Freizeitaccessoire wie ein Badeschlapfen. All das kann ein Fahrrad zwar ebenfalls sein – genau das macht seinen Charme aus. Aber sobald es sich im Verkehr bewegt, ist es ausschließlich eines: Ein Fahrzeug. Das dazu dient, jemanden von A nach B zu bringen. Und zwar das effizientenste, umweltfreundlichste und stadtverträglichste, das die Menschheit bisher erfunden hat.
Weil Fahrräder Fahrzeuge sind, gehören sie prinzpiell dorthin, wo Fahrzeuge fahren. Nicht auf den Gehsteig, nicht auf gemeinschaftliche Fußgänger- und Radwege, sondern auf die Fahrbahn. Das führt uns zum praktischen Paradox Nummer zwei: Wenn Fahrräder Fahrzeuge sind, warum werden sie von der Wiener Verkehrspolitik dann permanent auf Flächen geschickt, auf denen Fahrzeuge nichts verloren haben; auf Gehsteige und gemeinschaftliche Fußgänger- und Radwege? Und man verpflichtet die Fahrer sogar, diese zu benützen?
Womit wir zum schlichten Grundproblem kommen, das all die Emotionen erklärt, die verlässlich immer dann aufschäumen, wenn der Radverkehrsanteil in Wien erhöht werden soll: Für die gleichberechtigte Nutzung durch Fahrräder, Autos und sonstige Fahrzeuge ist, so wie die Fahrbahnen derzeit ausschauen, zu wenig Platz; schon allein deshalb, weil parkende Autos etwa die Hälfte davon blockieren. Auf die gleichberechtigte Nutzung durch alle Fahrzeuge sind sehr viele Autofahrer zudem emotional nicht eingestellt, weil sie die Fahrbahn für “ihr” Revier halten und jedes andere Fahrzeug für einen störenden Eindringling.
Genaugenommen gibt es nun drei Möglichkeiten: Wir reißen die Häuser aller österreichischen Städte ab und bauen sie so wieder auf, dass für jede Art von Verkehr ausreichend Platz bleibt. Oder wir schaffen die Gehsteige ab, ersetzen sie durch Radwege, und verbieten allen Menschen, sich fahrzeuglos fortzubewegen.
Oder wir lassen die Fußgänger endlich in Ruhe und verteilen den Platz auf der Fahrbahn gerecht – auf alle Fahrzeuge. Was wahrscheinlich bedeuten wird, dass Autobesitzer entscheiden müssen, ob sie den ihnen zur Verfügung stehenden Anteil lieber fürs Parken oder für die Fortbewegung verwenden.
Beides, sorry, wird sich jedoch nicht ausgehen.
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