„Leistung zahlt sich aus“: Dieses Versprechen ist der Kitt, der die Marktwirtschaft zusammhält. Doch er zerbröselt – in den Armengettos ebenso wie an den Börsen.

Sibylle Hamann

Stellen Sie sich vor, Sie sind – zum Beispiel – die Besitzerin einer kleinen Brautmodenboutique im Londoner Arbeiterviertel Eltham. Ihre Eltern sind vor dreißig Jahren aus Bangladesh oder aus Syrien oder aus Jamaica eingewandert. Die Eltern hatten es nicht leicht, aber sie haben sich selten beschwert. Sie arbeiteten hart, und stets predigten sie den Kindern, was man tun muss, um hier, in London, in der neuen Heimat, Fuß zu fassen: Sei brav, streng dich an, schreib in der Schule gute Noten, achte die Gesetze, sei fleißig. Dann wirst du eines Tages dein eigenes Geschäft aufsperren, einen guten Mann heiraten, einen Hypothekarkredit für eine Wohnung aufnehmen und deine Kinder in bessere Schulen schicken können. Dann wirst du respektiert. Und eventuell kannst du dir irgendwann sogar einen einen Flachbildfernseher, Markenturnschuhe, einen Pauschalurlaub und ein Auto leisten.

Du hast dein Schicksal in der Hand, Leistung zahlt sich aus: Dieser Glaubensgrundsatz ist groß und wirkmächtig. Er hat ganze Generationen von Menschen angetrieben. Insbesondere in dynamischen Zuwanderergesellschaften, wie Großbritannien immer eine war.

Doch dann stehen Sie, die Besitzerin der kleinen Brautmodenboutique, vergangene Woche am Fenster, blinzeln bang durch die Jalousien, und schauen zu, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein paar Vierzehnjährige in Kapuzenjacken Ihr Geschäft aufbrechen und die Brautkleider davontragen. „Schlagt die Scheiben ein und holt euch, was ihr wollt“, lautete eine jener Nachrichten, die von Blackberry zu Blackberry flogen. „Stuff for free“ verprachen die Kids einander, beinahe wie beim Sommerschlussverkauf, nur noch billiger. Also rafften sie Brautkleider und Haarshampoo zusammen, Flachbildfernseher und Markenturnschuhe, Zigaretten und Fahrräder, Salami und Aspirin.

„Wir zeigen den reichen Leuten, dass wir tun können, was wir wollen“, antwortete eine Jugendliche im Fernsehen, als sie „warum?“ gefragt wurde.

Es langten offenbar auch Menschen zu, die normalerweise nicht stehlen gehen. Weil man halt zugreifen muss, wenn sich die Chance dazu ergibt. Weil es alle anderen ebenfalls tun. Weil es dumm wäre, nicht zu raffen, wenn man raffen kann. Weil ohnehin alles wurscht ist.

Und in diesem Moment waren nicht nur die Fensterscheiben kaputt. In diesem Moment wurde offensichtlich, dass auch der wichtigste Glaubensgrundsatz der Leistungsgesellschaft kaputt war. Nein, in den Armenvierteln können sehr viele Menschen offenbar längst schon nicht mehr dran glauben, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Dass man sich anstrengen kann, und dann dafür belohnt wird. Ob du dich anstrengst oder nicht, ist völlig egal – du bringst es ohnhin zu nichts, also scheißdrauf.

Seltsamerweise waren die Londoner in der vergangenen Woche mit diesem Ohnmachtsgefühl nicht allein. Während dort die Schaufenster klirrten, zuckten überall auf der Welt die Börsenkurse nervös auf und ab. Die USA schrammten an der Zahlungsunfähigkeit vorbei, die EU-Staatschefs schlingerten von einem Krisengipfel zum nächsten, Frankreich zitterte vor einem Großangriff durch Finanzspekulanten. Und da beschlich sogar wohlhabende, gebildete Mitglieder des Establishments die bange Ahnung, die Grundregeln, nach denen unser Wirtschafts- und Gesellschaftsgefüge funktioniert, nicht mehr wirklich zu beherrschen.

Auch in der ganz normalen Businesswelt ist nämlich das gute alte Leistungsprinzip mittlerweile außer Kraft gesetzt, samt Fleißgebot und Wohlstandsversprechen. Nein, auch dort kommt es immer weniger drauf an, was du eigentlich tust. Erfolg und Reichtum sind nicht mehr das Ergebnis von harter Arbeit, sondern von den Launen „der Märkte“. Nicht abhängig von Schweiß, Mut oder Ideen, sondern von Computeralgorithmen, Herdentrieb und Zufällen.

Hol dir soviel du kriegen kannst, und zwar sofort: So ähnlich lautet auch hier das derzeit einzige noch gültige Erfolgsrezept. Jetzt ist der Moment, in dem du zupacken musst, zusammenraffen, davontragen, soviel geht; egal, was es eigentlich ist, egal, wieviel anderes dabei zu Bruch geht; und jeder, der die Chance vorüberziehen lässt, ist ein jämmerlicher Idiot. „Wir zeigen allen, dass wir tun können, was wir wollen“: Eigentlich passt das Motto der brennenden Londoner Armenviertel ebensogut in den gläsernen Londoner Finanzdistrikt.

Wollten wir das so haben? Wer genau wollte es so? Oder ist es uns einfach passiert? Nicht einmal die Regierenden können derzeit den Eindruck vermitteln, sie wüssten das noch. Sie reden, sie legen die Stirn in Falten, sie fuchteln mit den Armen. Doch zwischen ihren hektischen Gesten blitzt immer öfter ihre Ohnmacht durch. Wer schreibt in diesem Spiel überhaupt die Regeln? Sind sie beeinflussbar? Wenn ja, von wem, wenn nicht von uns?

In Birmingham und in London, in Enfield und Eltham, gingen Menschen auf die Straßen, um sich den wütenden Plünderern entgegenzustellen. Sie haben das Brautmodengeschäft verteidigt und die Kebapstube, den Elektrodiskonter und den Gemischtwarenladen, das Leistungsprinzip, das Wohlstandsversprechen und die Spielregeln der traditionellen Marktwirtschaft. Nein, sie wollten sich dem Scheißdrauf nicht wehrlos ergeben. Vier von ihnen haben das bisher mit ihrem Leben bezahlt.

Im Establishment sind dieser Mut, diese Entschlossenheit bisher ausgeblieben.

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