Die Katastrophe in Somalia zeigt, wie eng politisches Chaos und humanitäres Elend miteinander verknüpft sind. Und wie wichtig Sicherheit sein kann.

Sibylle Hamann

Ja, die Hungerkatastrophe am Horn Afrikas hat mit dem Wetter zu tun. Mit der Dürre. Dem fehlenden Regen. Doch sie hat nicht nur mit dem Wetter zu tun. Hunger ist, in Afrika wie überall, immer auch eine Frage der Sicherheit.

Es ist kein Zufall, dass das am schwersten betroffene Land Somalia ist; jenes Land, das in den letzten Jahren zum Inbegriff von Rechtlosigkeit geworden ist. Der Staat ist inexistent, seit Jahren bekriegen einander rivalisierende Clans, ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendetwas. Derzeit ist in Mogadishu eine hilflose, und korrupte Übergangsregierung an der Macht. In weiten Teilen des Landes haben die islamistischen al-Shabaab-Milizen das Sagen, die – wie einst die Taliban – der al-Qaida Unterschlupf bieten. Und die Küste ist fest in der Hand von steinreichen, skrupellosen Piratengangs.

„Sicherheit“ ist in Europa ein diskreditiertes Wort. Hier wird es benützt, um Stillstand zu rechtfertigen, um Bequemlichkeit und Feigheit schönzureden, oder um Überwachungsgesetze einzuführen.

Doch an Orten wie Somalia entfaltet das Wort seinen ganzen Zauber. Hier klingt es wie ein fernes, verlockendes Versprechen. Und hier kann man wie unter einem Brennglas beobachten, was die totale Abwesenheit von Sicherheit mit Menschen macht.

Sicherheit bedeutet, vorausplanen zu können. Für Bauern und Viehzüchter überall auf der Welt ist das überlebensnotwendig. Wenn man sät, ist es gut zu wissen, dass man zur Erntezeit noch am selben Ort sein wird, und dass niemand die Ernte rauben wird. Wer als Nomade mit seinen Tieren herumzieht, muss die Wanderrouten nach dem Wetter und den besten Wasserstellen richten können. Und nicht danach, marodierenden Banden bestmöglich auszuweichen.

Sicherheit bedeutet, dass Menschen mit ihrer Arbeit ein Einkommen erzielen können. Ob sie Bauern sind oder Viehzüchter, Schmiede, Köche oder Tagelöhner: Sie brauchen Märkte, auf denen sie ihre Waren und Dienste anbieten können, und Märkte wiederum brauchen sichere Transportwege und Verkehr. Wenn jeder, der eine Waffe hat, einfach eine Straßensperre errichten und von den Reisenden willkürlich abkassieren kann, werden die Menschen sich hüten, Waren oder Geld von einem Ort zum anderen zu bringen. Die Transportkosten explodieren, der Handel liegt brauch, die Waren verderben, und niemand verdient Geld.

Sicherheit bedeutet, dass sich Menschen im Dorf und im Familienverband organisieren, aufeinander verlassen, einander beistehen können. In Ländern wie Somalia ist das das einzig exisierende soziale Netz, für Krisen, Krankheit, Alter, Notfälle aller Art. Wenn Menschen von plündernden Milizen aus ihren Dörfern vertrieben werden, zerreißt dieses Netz. Auf der Flucht kann man seine Versprechen nicht halten, seine Schulden nicht zurückzahlen, nicht zurückgeben, was man sich ausgeborgt hat. Man verliert seine Verbündeten, seinen Status, sein soziales Kapital. Die Menschen, die derzeit hungernd in den Lagern ankommen, erleben das Schrecklichste, was einem in Afrika passieren kann: Sie sind vereinzelt und auf sich allein gestellt.

Logistisch ist es derzeit schwierig, den hungernden Somalis Nahrungsmittel zu bringen. An der Küste lauern die Piraten, im Landesinneren Milizen, die Tribut fordern. Aber verglichen mit der langfristig wichtigeren Aufgabe, ihnen Sicherheit zu bringen, ist es noch relativ einfach. 

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