Wer wird am inbrünstigsten gehasst? Wen verachtet man am meisten? Nicht die offensichtlich Anderen. Sondern jene „eigenen Leute“, die man „Verräter“ nennt

Sibylle Hamann

Eine Frage ist noch offen. Eine eigentlich naheliegende, dennoch habe ich sie noch nicht gehört. Sie lautet: Wenn der Attentäter von Oslo besessen vom Hass gegen Muslime war – warum schlug er dann nicht in einer Moschee zu, in einem islamischen Kulturzentrum, oder an sonst einem Ort, wo er möglichst viele Muslime hätte niedermetzeln können? Warum nahm er stattdessen den stramm nordischen und garantiert christlichen Regierungschef ins Visier, und Jugendliche, von denen nur wenige in sein Feindschema passten, die meisten jedoch umso blonder und blauäugiger waren?

Die Erklärungen, die der Attentäter selbst dafür gab, sind nicht sehr überzeugend: Weil der Regierungschef und die Jugendlichen einer Partei angehörten, die die Einwanderung gefördert – und damit, indirekt, die Islamisierung des Lands zu verantworten hätten, sagt er. Das klingt sehr umständlich. Über sehr viele Banden gespielt. Zu kompliziert. So kompliziert, dass es eigentlich unglaubwürdig ist.

Eine näherliegende Antwort wäre viel logischer: Womöglich ging es dem Attentäter gar nicht in erster Linie um den Islam. Womöglich sind die, die er am meisten hasst, gar nicht die Muslime, die Zuwanderer. Sondern die eigenen Leute.

Es gibt Indizien für diese Vermutung. Wer das Manifest des Täters querliest, dem fallen erstaunliche Diskrepanzen im Tonfall auf. Jene Kapitel, die sich mit dem Islam beschäftigen, wirken seltsam blutleer. Die aneinanderkopierten Textstellen dazu stammen fast alle aus zweiter Hand. Wie in einem altmodischen Geschichtsbuch reiht sich da Jahreszahl an Jahrezahl, es ist eine Aufzählung von Schlachten, Dynastien und historischen Ungerechtigkeiten, im Tonfall eines uninspirierten Volkshochschulvortrags. Ganz anders klingen jene Stellen, in denen es um autochtone Norweger und Norwegerinnen geht. Um die „politisch Korrekten“, die „Marxisten“, die „Feministinnen“, die „Mainstreamparteien“ und die „Meinungsdiktatoren“. Diese Stellen hat der Täter offenbar selbst geschrieben. Hier lässt er seinen Emotionen freien Lauf. Hier spürt man den Hass.

Einen ganz änlichen Eindruck bekommt man in den Foren der selbsternannten „Islamkritiker“. Auch hier bleiben die Muslime oft seltsam leblose Statisten. Permanent werden sie zwar, mit großer empörter Geste, auf die Bühne gezerrt. Doch wenn sie einmal dort stehen, dürfen sie bloß noch  die Bedrohungskulisse im Hintergrund abgeben.

Die eigentlichen Zielobjekte von Wut, Verwünschungen und Hohn hingegen sind auch hier die „eigenen Leute“. Menschen mit ähnlichem Aussehen, ähnlichen Voraussetzungen, ähnlichen Möglichkeiten und ähnlichem kulturellen Hintergrund wie man selbst. Die sich dennoch für ein anderes Denken, eine andere Art Leben entschieden haben. Wie eine tiefe Kränkung scheint sich das anzufühlen. Wie Verrat.

Vermeintlicher Verrat durch Menschen, die man für natürliche Verbündete hät, ist offenbar noch schlimmer auszuhalten als die Gegnerschaft der offensichtlich „anderen“. Diese Logik erklärt die besondere Grausamkeit von Bürgerkriegen. Es ist die Logik, die hinter Brudermorden steckt. Hinter Racheakten gegen Abtrünnige von Bewegungen, Sekten, Gemeinschaften. Hinter den sogenannten „Ehrenmorden“, und allen anderen Arten von Beziehungstaten.

All das könnte, sollte man sich genauer anschauen. Und die europäischen Muslime einfach eine Zeitlang aus dem Spiel lassen.

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