In feudalen Gesellschaften ist der Fürst die Quelle von Recht und Gesetz. Er allein bestimmt die Spielregeln. Und wehe, jemand maßt sich an, ihn in die Schranken zu weisen.

Sibylle Hamann

In Afghanistan kann man sich anschauen, wie Fürstentümer funktionieren. Der Fürst besitzt Grund und Boden. Samt allem was draufsteht, Wald, Steppe, Wüste, Berge, Felder, Weiden, je nachdem. Je fruchtbarer der Boden, desto besser für den Fürsten, denn desto mehr wirft das Land ab. Von Vorteil ist auch, wenn sein Land an einer strategisch wichtigen Stelle liegt. Ein Furt durch den Fluss, ein Gebirgspass – all das kann die Macht eines Fürsten steigern.

Traditionell gehören auch die Menschen und Tiere, die auf diesem Land leben, dem Fürsten. Sie bewirtschaften den Wald, die Äcker, die Gewässer, jagen und säen und ernten, legen dem Fürsten im Herbst die Erträge zu Füßen, und bekommen dafür Lob und etwas zu essen. Wenn es notwendig ist, bekommen sie Tadel und Liebesentzug. Seit die Leibeigenschaft abgeschafft ist, ist das nicht mehr ganz so. Nur noch ein bisschen.

Man darf nicht glauben, es sei leicht, ein Fürst zu sein. Um die tägliche scmutzige Bauernarbeit muss man sich zwar nicht kümmern. Aber man ist für alles drumherum verantwortlich; die Straßen, die Brücken, die Umgangformen. Wenn der Fürst will, dass die Untertanen Strom haben, muss er dafür sorgen, dass sich am Fluss ein Wasserrad dreht. Wenn er Sport und Spiele will, lässt er eine Arena bauen. Wenn er will, dass seine Untertanen gescheiter werden, holt er Lehrer ins Land. Wenn er nicht will, dass sie gescheiter werden, lässt er das bleiben und schenkt stattdessen lieber Gratisbier aus.

Außerdem muss der Fürst repräsentieren. Das ist nicht immer einfach. Er empfängt und bewirtet Fremde, hält die rivialisierenden Fürsten in Schach, verhandelt mit ihnen, und versucht, ihnen möglichst viel Schmuck und Gold abzuringen. Das verteilt er dann an seine Würdenträger und Statthalter, damit sie ihm wohlgesonnen bleiben. Er bezahlt auch seine Soldaten, sorgt dafür, dass sie jeden Tag zu essen bekommen, hält sie bei Laune. Doch er muss aufpassen, dass sie nicht von einem anderen Fürsten abgeworben werden, der mehr bezahlt und ihnen mehr Fleisch zu essen gibt. Denn Loyalität ist im Feudalismus immer eine Frage des Preises.

Der Fürst kann am Ende ein guter sein oder ein schlechter. Er kann weitsichtig taktieren, sodass seine Untertanen in Sicherheit leben und ihren Wohlstand mehren können. Oder er ist ein unberechenbarer, eitler, gieriger, reizbarer Heißsporn, der seine Untertaten von einem Konflikt in den nächsten hetzt.

Man kann Glück haben mit seinem Fürsten. Oder Pech.

So oder so gilt: Man kommt ihm nicht aus. Es führt kein Weg an ihm vorbei. Denn der Fürst ist die alleinige Quelle von Recht und Gesetz. Er schreibt die Regeln, die auf seinem Territorium gelten. Er bestimmt, welchen Göttern gehuldigt wird. Welche Sprachen genehm sind. Welche Sitten gepflegt werden, und welche geächtet. Er setzt den Tonfall, auf den das ganze Fürstentum eingestimmt wird. Wenn ein Fremder kommt, der Einlass begehrt, sagt er ja oder nein, und legt die Gegenleistung fest. Wenn es Streit gibt, richtet er.

All das ist part of the game, denn so geht das Spiel des Fürsten. Es ist sein Spiel. Bloß eines verträgt der Fürst gar nicht: Wenn er an Gesetzen gemessen wird, die für alle anderen gelten.

Wie anmaßend. Wie empörend. Wie kann man nur?

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