Man muss sie nur vom Bahnnetz und jedem öffentlichen Verkehr abschneiden. Supermärkte auf die grüne Wiese stellen. Dann veröden die Dörfer ganz von selbst.

Sibylle Hamann

Das Burgenland ist sehr schön. Je weiter man nach Süden kommt, desto schöner wirds. Man kann jeden verstehen, den es dorthinzieht. Der davon träumt, unter den weißgetünchten Arkaden eines alten, sanft sanierten Streckhofs zu sitzen und den Abendwolken zuzuschauen, mit einem Glas Uhudler in der Hand.

Wenn man sich die Verkehrspolitik anschaut, dann kann man allerdings auch jeden verstehen, der fortzieht. Jeden, der es nicht mehr aushält, dass man ein Auto als Nabelschnur braucht, um überhaupt am Leben zu bleiben in diesem Land.

Oja, Straßen gibt es viele. Von Kranigraben nach Tschanigraben – kein Problem, alles breit genug ausgebaut, dass selbst zwei Hummer locker aneinander vorbeikämen, theoretisch. Jeder Feldweg kriegt seinen Asphalt, für den Fall, dass irgendwann vielleicht ein Auto vorbeikommt.

Aber Semmeln kaufen, eine Geburstagsparty besuchen, ins Schwimmbad fahren, zum Zahnarzt, zur Chorprobe? Ohne Auto? Sehr witzig. Ein Kind müssen Sie sein, dann kommen Sie morgens zur Schule und mittags wieder heim (aber wehe, Sie wollen nachmittags noch zum Basektballtraining oder die Freundin im Nachbardorf besuchen). Pendlerin, das geht auch noch. Da holt Sie der Doktor Richard frühmorgens in Oberwart ab. Abends führt er sie wieder heim, von der Triesterstraße, vorausgesetzt, Sie waren pünktlich mit der Arbeit fertig.

Aber Eisenstadt-Güssing? Vergessen Sies. Ist nicht vorgesehen. Dreieinhalb bis vier Stunden, dreimal umsteigen.

„Mit einem Schienenstrang aus Erz/Durch Feuersglut geflossen/Sei drum das Burgenländer Herz/An unser Herz geschlossen“: So schön gereimt steht es auf der Tafel, mit der am 15. November 1925 die Bahnlinie Friedberg-Pinkafeld eröffnet wurde. Friedberg – Pinkafeld heute? Wären zehn Minuten. Aber geht nicht mehr. Nur mit dem Bus, mit Umsteigen, und auch das nicht zum Hauptplatz, sondern zum Park&-Ride-Parkplatz an der Bundesstraße.

Dem Burgenländer sagt man: Draußen in Wien kannst du arbeiten. Drinnen, im Burgenland, sollst du dein Haus bauen und schlafen und am Wochenende im Garten grillen, aber ansonsten Ruhe geben. Was du für den Grillabend brauchst, kriegst du beim Billa in zehn Kilometer Entfernung, der hat einen großen Parkplatz, dann brauchst du eh kein Wirtshaus im Dorf mehr und keine Fleischerei und keine Trafik und keinen Autobus.

Die burgenländische Verkehrspolitik tut, als läge das Land immer noch an der Peripherie Europas. Dabei liegt es längst mitten drin. Szombathely, gleich hinter der ungarischen Grenze – das ist eine Stadt mit 80.000 Menschen. Dort gibt es Geschäfte, Schulen, Kaffeehäuser und auch Arbeit; zumindest mehr als im Burgenland.

Da hätte man sich was überlegen können. Hat man auch. Letztes Jahr hat man die Bahnstrecke Oberwart-Großpetersdorf-Rechnitz erneuert, neue Schwellen, neue Schienen, um ein paar Millionen Euro. Die Wiederherstellung der alten ungarischen Verbindung nach Szombathely wäre der logische nächste Schritt gewesen. Eine zukunftsträchtige, nachhaltige Infrastrukturinvestition. Aber was has man gemacht? Die Bahnverbindung nach Oberwart komplett eingestellt, per 1. August.

Über die schönen neuen Schienen wächst schon das Gras. Braucht keiner. Ist nicht vorgesehen. Stattdessen will die burgendländische SPÖVP die Ostautobahn sechsspurig ausbauen. Um noch schneller wegzukommen, nach Wien.

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