Das Privatfernsehen nimmt den Bildungsauftrag ernst. Während das öffentlich-rechtliche Fernsehen obskure Verschwörungstheorien verbreitet.

Sibylle Hamann

9-11 auf allen Kanälen. Wie oft hat ein durchschnittlicher Medienkonsument das jetzt schon gesehen, die Feuerbälle, die einstürzenden Türme, die fallenden Menschen, die Aschenwolke? Hundert mal, tausendmal gar? Wirklicher sind die Ereignisse von vor zehn Jahren durch die Wiederholungen nicht geworden, eher im Gegenteil: Sie sind ins Abstrakte entrückt. Ein Bruchstück der Szenerie reicht, um die ganze Assoziationskette abzurufen: George Bush, die Achse des Bösen, die Islamisten, der Afghanistan-Krieg, der Irak.

Wie kann, wie soll das Fernsehen mit diesem Problem umgehen? Drei Beispiele.

Der Abo-Sender „Biography Channel“ zeigte eine schlichte Doku. Zwei Menschen, Mustafa Ucozler und Simone Betz, erzählen in „Ich überlebte“ ihren ganz persönlichen 11. September. Er arbeitete als Anlageberater im 73. Stock des Südturms. Sie kam eben aus der U-Bahn-Station, als das Flugzeug in den Nordturm krachte. Nun sitzen sie vor einem schwarzen Hintergrund und berichten nüchtern und präzise, woran sie sich erinnern. Sie spekulieren nicht, übertreiben nicht, erfinden nichts dazu. Rundherum keine pathetischen Moderatorenstimmen, keine Computersimulationen, keine schwülstige Musik. Der Film trifft mitten ins Herz. Offenbar kann Schlichtheit die ikonisierten Ereignisse wieder lebendig machen.

Der ARD versuchte das Gegenteil und beauftragte den Recherche-Zampano Stefan Aust mit einem Opus Magnum. Der fuhr rund um den Globus, führte Interviews in den engsten Zirkeln der Macht, karrte aus allen Ecken der Welt neues Material heran, interne Akten, Dokumente, private Tonbandmitschnitte, Videos aus den Helmkameras von Soldaten. Das Ergebnis ist „9/11 – die Falle“: schnelle Schnitte, harte Fakten, große Thesen, journalistisches Fernsehen im „Spiegel“-Stil. Auch das ist gut und funktioniert.

Qualität lässt sich auf verschiedene Arten herstellen: opulent oder reduziert, teuer oder billig, analytisch oder persönlich. Der ORF allerdings hat sich gegen alle diese Varianten entschieden, und stattdessen für gezielte Desinformation. „9/11 Mysteries“, ein wirres Werk, das bisher nur im Internet unter Verschwörungstheoretikern herumgereicht wurde, wurde zum ORF-„dok.film“ geadelt. Könnte es sein, dass alles ganz anders war? raunt der Film. Könnten die Türme gesprengt worden sein? Vom Geheimdienst, von George W. Bushs Cousin, vom Immobilienentwickler Larry Silverstein? Um die Versicherung zu betrügen? Um geheime Dokumente zu vernichten? Ist es denn nicht verdächtig, dass es vor den Anschlägen einen Stromausfall gab? Und dass aus einer leerstehenden Etage „mysteriöse Geräusche“ kamen? Fragen über Fragen sind das, unterlegt von unheilschwangerem Dauerzirpen. Antworten gibt es keine – was Verschwörungstheoretiker aber bekanntlich noch nie irritiert hat.

Der Biography Channel ist kommerzielles Privatfernsehen. Die ARD-Doku wurde von Servus-TV koproduziert, ebenfalls kommerzielles Privatfernsehen. Beide tragen zur Aufklärung, zur Bildung bei. Der öffentlich-rechtliche ORF mit seinem Bildungsauftrag hingegen vernebelt, verwirrt, verblödet.

Aber vielleicht ist alles ja ganz anders. Könnte es sein, dass es am Küniglberg eine leerstehende Etage mit seltsamen Geräuschen gibt, wo der Sender manipuliert wird? Und die Weisen von Zion sind schuld?

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