Im kollektiven Bewusstsein herrscht ziemliches Durcheinander. Und wir sind unfähig, präzise damit umzugehen: Zwei seltsame Szenen aus Österreich

Sibylle Hamann

Erste Szene: Die ORF-Show „Die Große Chance“. Als Nummer 25 betritt ein älterer Mann mit Mundharmonika die Bühne und spielt ein Lied. Mitreißend ist es nicht. Ob er denn noch ein anderes könne, fragt Sido, der Juror. Der Mann ziert sich, quält sich schließlich etwas ab. Sido ist misstrauisch. Das war doch jetzt die gleiche Melodie nochmal, nur langsamer? Ein Musiker, der bloß ein einziges Lied beherrscht, wie gibts das? Rapper Sido hätte seinem Gefühl trauen sollen: Was da im ORF-Hauptprogramm ertönte, war das Horst-Wessel-Lied; jene Nazi-Hymne, die seit 1945 verboten ist. Weder bei der Aufzeichnung noch in all den Tagen bis zur Ausstrahlung der Show, weder in der Redaktion noch beim Schneiden fiel das irgendjemandem auf. Erst nach fassungslosen Anrufen von Zuschauern wird sie Szene weggeschnitten, aus der TV-Thek gelöscht, mit keiner Silbe mehr erwähnt, so als hätte sie nie stattgefunden. War ja bloß Unterhaltung, ein Versehen, nichts Ernstes, nicht der Rede wert.

Statt eiliger Vertuschung hätte man jedoch auch genauer nachfragen können. Etwa: Was sagt es über das Land aus, wenn keiner mehr die Nazi-Hymne identifizieren kann? Entlarvt sich, wer sie kennt, als Ewiggestriger – oder als besonders wachsamer Bürger? Kann man Menschen vorwerfen, etwas nicht zu kennen, das seit Jahrzehnten nicht gehört werden darf? Ist das Verbot des Liedes der gesellschaftichen Wachsamkeit also zu- oder abträglich? Diese Diskussion wäre interessant gewesen, eine Fernsehanstalt mit Bildungsauftrag hätte sich ihr stellen können.

Zweite Szene: Ministerin Maria Fekter redet. Sie redet, wie so oft, einfach drauflos und lässt ihren Assoziationen freien Lauf: Mit der Hetze gegen die Reichen sei es so ähnlich wie mit der Hetze gegen die Juden damals. Die Empörung ist eilig, die Distanzierung auch, alles soll schnell wieder weg vom Tisch. War ja bloß so dahingesagt, ein Versehen, nichts Ernstes, nicht der Rede wert.

Auch hier hätte man sich die Gedankenkette genauer anschauen können. Oja, selbstverständlich gab und gibt es eine Art Kapitalismuskritik, in der Antisemitismus mitschwingt; in ganz rechten und auch in ganz linken Kreisen. „Ostküste“, „Finanzkapital“ und „Spekulanten“ werden gern als Codewörter benützt, wenn eigentlich „die Juden“ gemeint sind. Wie die Geschichte des Antiseminismus zeigt, wird reichen Juden ihr Reichtum zum Vorwurf gemacht, armen Juden ihre Armut, und durchschnittlichen Juden ihre Unauffälligkeit.

Gegenüber antisemitischen Untertönen wachsam zu sein, kann man niemandem vorwerfen, auch der Ministerin nicht. Die präzisere Frage an sie müsste allerdings lauten: Wie kommt es, dass sie „die Reichen“ durch Hetze eher gefährdet sieht als die Ausgegrenzten der Gesellschaft? Wie kann man extreme Sensibilität für Banker an den Tag legen, wenn man gleichzeitig Sensibilität gegenüber Flüchtlingen für lächerlich hält? Und wie ist es möglich, dass die Ministerin, wenn sie vor Hetze warnt, keine Parallelen zu ihrer eigenen Politik sieht, die sich jahrelang in der Ausgrenzung sogenannter „Ausländer“ manifestierte?

Die zwei Szenen haben etwa gleichzeitig stattfgefunden. Sie verraten dasselbe. Wie sehr Österreich – unausgesprochen und halb-bewusst – in seiner Nazi-Vergangenheit verwurschtelt ist. Und wie sehr es sich vor Klarheit fürchtet.

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