War die Wende ein ein politisches Projekt? Eine großer Schmäh? Oder lief eh alles nach Plan? Im Licht der jüngsten Enthüllungen bieten sich vier Erklärungsmuster an.

Sibylle Hamann

Die erste Erklärungsvariante ist die brutalste. Dieser Lesart zufolge war “die Wende” nie eine politische Idee, sondern von Anfang an ein Vehikel zur persönlichen Bereicherung einzelner Cliquen. Privatisierungen waren demnach nicht ideologisch motiviert, sondern bloß ein Schmäh, um Brösel des Staatsbesitzes in die eigenen Taschen zu schaufeln. Für diese Variante spricht: Sie ist die einfachste. Sie gefällt allen, denen das Wort “Privatisierung” von jeher suspekt ist. Dagegen spricht: Kaum jemand kann sich vorstellen, dass ein Mann wie Wolfgang Schüssel derart primitiv funktioniert hätte. Der ist ganz offensichtlich keiner, den nackte Geldgier antreibt.

Zweite Variante: Der Wendekanzler hat den falschen Leuten vertraut. Als Christ hat er an die Redlichkeit der Menschen geglaubt, doch seine Verbündeten haben ihn benützt, getäuscht, betrogen. Bei alerten, smarten Verbündeten wie Jörg Haider oder Karl-Heinz Grasser kann man sich das tatsächlich vorstellen. Aber alert und smart waren die wenigsten. Der Großteil der blauen Wendetruppe war politisch unerfahren, benahm sich größenwahnsinnig bis tollpatschig und schien nicht von übermäßiger sozialer Intelligenz gesegnet. Die hätten einen mit allen Wassern gewaschenen Taktiker wie Schüssel täuschen sollen? Einen in ÖVP-interen Querelen gehärteten Machtmenschen, der auf seine schneidende Intelligenz stolz war?

Die dritte mögliche Variante: Dass mitschneiden und abkassieren in Österreich selbstverständlich zum System gehören. Dass es seit jeher etablierte Mechanismen und Kanäle gibt, um öffentliches Geld in Parteikasssen umzulenken – und dass diese einfach weiterbefüllt wurden, wie üblich. Schließlich muss man sich nur an die Bauskandale der 70er und 80er Jahre erinnern, um zu wissen, dass Schwarz-Blau das Mitschneiden nicht erfunden hat. Dieser These entspricht die Stammtischweisheit “eh alles Gauner, wurscht welche Partei”. Für diese Variante spricht das geringe Schuldbewusstsein bei den Beteiligten (“Was soll daran verboten sein? Machen doch alle!”) Es würde allerdings bedeuten, dass Österreich tatsächlich eine korrupte Bananenrepublik ist. Teilt Schüssel diese Einschätzung? Findet er das ok? Tut er heute als Parlamentsabgeordneter etwas dagegen?

Vierte Variante: Die Wende war der Masterplan eines genialen Strategen, und alles wäre wunderbar zum Wohle aller ausgegangen, hätten nicht ein paar ungeschickte Leute (Meischberger, Schiessler) alles vermasselt. Laut dieser Lesart wollte der Kanzler – aus hehren Motiven – Österreich umkrempeln und kalkulierte kühl den Preis ein, der dafür zu entrichten war: Ein paar Emporkömmlinge mit Pfründen ruhigstellen und jauchzend im Geld baden lassen, damit sie Ruhe geben und den Meister bei der Großen Transformation nicht weiter stören. Diese Lesart offenbart eine ziemlich große Verachtung für den damaligen Koalitionspartner.  Gleichzeitig offenbart sie, wie wenig der Meister von allen anderen Akteuren des Landes gehalten haben muss. Wähler, Medien, Justiz, Opposition, Öffentlichkeit: Allesamt würden sie zu dumm sein, zu verstehen, was gut für sie ist, und müssen deshalb hintergangen werden.

Es wäre für den Wendekanzler gut, wenn es noch eine fünfte Erklärung gibt. Für Österreich ebenfalls.

 

 

 

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