Veronika ist außer Atem. Die Mittagssonne sticht, es ist staubig, aber sie wollte ganz schnell die Fotos holen. Das ist sie, die Mama, sagt Veronika stolz, und zeigt auf eine großgewachsene Frau mit langen, dicken, dunkelblonden Haaren. Die Frau steht lächelnd vor der Markise einer Trattoria. Anfang dreißig wird sie sein. Auf einem anderen lehnt sie lässig an einem Geländer an einem Kanal. Venedig?, fragt Veronika, aber nein, Venedig ist es nicht. Ein Foto im glitzernden Schnee, die Moonboots der Frau haben tiefe Löcher hineingedrückt. Sie blinzelt gegen die Sonne, im Hintergrund eine Almhütte. Südtirol vielleicht? Ein Ausflug, von Meran oder Bozen aus?

Veronika ist 11. Sie hat die gleichen geraden, dicken, dunkelblonden Haare wie die Frau auf dem Foto. Sie weiß, dass ihre Mutter in Italien ist. Dass sie dort bei einer alten Frau wohnt, und sie pflegt. Aber Veronika weiß nicht, in welcher Stadt, und außer diesen Fotos hat sie keine Spur.

Vergangenen Herbst, als die Mama zu Besuch war, hat das Mädchen vergessen, sie danach zu fragen. Es war so verwirrend. Es war so viel zu sagen und gleichzeitig so wenig. Wenn man seine Mutter zum ersten Mal seit über vier Jahren sieht, weiß man nicht recht, wo man anfangen soll. Was wichtig ist, und was unwichtig. An den Tag, an dem sie wegging, erinnert sich Veronika genau. Es war ihr erster Schultag.

Der blonde, stille, achtjährige Eugen erinnert sich nicht. Er war zwei, als seine ging, fast noch ein Baby. Auch sie arbeitet in Italien, als Haushälterin bei einer Familie, und hat versprochen, ihn heuer im Sommer besuchen zu kommen. Sie wird es zumindest versuchen, hat sie gesagt. Eugen kennt seine Mutter nur vom Bildschirm. Sie skypen einmal in der Woche. Eugen ist das einzige Kind im Dorf, das einen Computer hat.

Das Dorf Vilcineti Calarash liegt eineinhalb Autostunden von Chisinau entfernt. Rundherum Hügel, Getreidefelder, Wein und blühende Obstbäume. Über die unbefestigte Dorfstraße laufen Hühner und Gänse. Bei Regen, erzählen die Kinder, bleiben die Flip-Flops immer im Schlamm stecken. Hier und dort rülpst gelangweilt eine Kuh.

Veronika und Eugen sitzen auf einer Zeltplane in der Wiese. Es soll heute ein Picknick geben, organisiert von jugendlichen Freiwilligen, die manchmal ins Dorf kommen, um sich der Kinder ein paar Stunden lang anzunehmen. Sie machen Aufgaben, basteln, spielen, reden. Denn Eltern stehen dafür nur wenige zur Verfügung.

Veronika und Eugen sind mit ihren Familienverhältnissen in Vilcenti Calarash nämlich nicht die Ausnahme. Neben ihnen auf der Plane sitzt die elfjährige Alexandra, die bei ihrer Patentante wohnt; die Mutter arbeitet in Portugal, der Vater in Russland. Da ist die neunjährige Sanda mit ihrer kleinen Schwester Alina, um die sich die Großmutter und eine 18jährige Kusine kümmern. Nur Lanuza wohnt bei ihren leiblichen Eltern. Leider, sagt die Sozialarbeiterin. Denn die sperren sie immer ein, um ins Wirtshaus zu gehen.

Moldawien ist das einzige Entwicklungsland Europas. Ein Drittel der Erwerbsfähigen ist arbeitslos. Es gibt keine nennenswerte Industrie, kaum Investionen, kaum Exporte. Jeder vierte Moldawier und jede vierte Moldawierin ist daher über die Grenze gegangen. Nach Italien zum Putzen, Pflegen und Babysitten. Nach Spanien zur Feldarbeit. Nach Russland auf den Bau.

Dort 700 oder 800 Euro im Monat zu verdienen – verglichen mit dem moldawischen Durchschnittslohn von 200 Euro klingt das verlockend. Doch die Rechnung geht nicht immer auf. Denn die Reise kostet. Da sind Visavermittler, Jobvermittler, Wohnungsvermittler, Leute, die einem beim illegalen Grenzübertritt helfen – und alle wollen Geld. 3000, 4000 Euro Schulden haben sich angehäuft, noch ehe Mama und Papa zu arbeiten beginnen. Essen, Wohnen und Bustickets im Ausland sind teurer als vermutet. Mit Schulden heimkehren geht nicht. Jeder Grenzübertritt ist ein Risiko, denn man könnte erwischt werden. Also bleibt man noch ein Jahr, und noch eines.

Und irgendwann im letzten Jahr dämmerte den Moldawiern, dass etwas Wichtiges im Land nicht mehr stimmte. Man schaute sich in der Nachbarschaft um, im Klassenzimmer, in der eigenen Verwandtschaft – und stellte fest, dass da hunderttausende Kinder ohne ihre Eltern aufwuchsen. Manchmal in der Obhut überforderter Verwandter. Oft sich selbst überlassen. Mit Geld, Gameboy und Markenklamotten versorgt, die mit der Post kamen, aber ohne Unterstützung im Alltag. Verführbar, gefährdet.

Der Entrüstungssturm richtete sich zunächst gegen die egoistischen, verantwortungslosen Mütter die schnödem Geld hinterherjagen, statt ihre Kinder zu behüten. Zeitungskommentatoren forderten harte Strafen. Das Fernsehen berichtete von Selbstmordversuchen. Der Staat rief einen nationalen Aktionsplan aus, auf den Straßen wurden Kampagnen mit traurigen Kindergesichtern plakatiert. Talkshows führten Mütter und ihre fernen Kinder via Skype vor laufenden Kameras zusammen. Es gab viele Tränen.

Doch mit wohlfeilen Empörungsgesten war das Problem nicht gelöst. Schließlich kann man Eltern kaum vorwerfen, dass sie versuchen, mit Arbeit ihre Kinder zu ernähren. Es wurde Zeit, grundlegende Fragen zu stellen: Wie verändert sich eine Gesellschaft durch die massenhafte Abwanderung der arbeitsfähigen Generation? Was fehlt tatsächlich, wenn die Eltern fehlen? Und wie wirkt sich das langfristig auf die Alten und auf die Kinder aus? Moldawien dient für all das als Forschungsfeld. Und in Pirita, einem Dorf in seiner Mitte, kann man es sich genau anschauen.

Pirita sind eigentlich zwei Dörfer. Das „normale“, und das Dorf der Kinder. Pater Josef Sporschill, der österreichischen Öffentlichkeit durch seine Hilfe für rumänische Straßenkinder bekannt, hat das Gelände eines ehemaligen Jugendpionierlagers hier in ein weitäufiges Kinderheim umbauen lassen. 11 schlichte Häuschen stehen da in Reih und Glied, in jedem wohnen 18 bis 24 Kinder unterschiedlichen Alters. Es sind Wohngemeinschaften mit jeweils einer Betreuerin.

Zu Mittag gibt es heute Gerstensuppe. Die 16jährige Adriana hat die schwere Schüssel hereingetragen, ihre zwei kleinen Schwestern und der Bruder haben den Tisch gedeckt. Bevor alle zum Löffel greifen, hält man sich an den Händen und spricht ein Gebet. Die älteren schubsen die jüngeren auf die Stühle hinauf und schenken ihnen Wasser ein. Am Schluss helfen alle beim Abräumen. Es ist sehr leise. Regeln seien das Wichtigste, erklärt Irina, die Betreuerin. Regeln, Struktur, Vertrauen, Sicherheit.

Adriana, ein zartes, langbeiniges Mädchen mit Sommersprossen, hat sich alle ihre Regeln selbst gemacht, ehe sie hierherkam. Denn da waren die drei Kleinen, und außer ihr, der damals Neunjährigen, war niemand da. Der Vater hatte eine neue Freundin und ein neues Kind und wollte von seinen vier anderen nichts mehr wissen. Das Kindermädchen, dem die Mutter Geld aus dem Ausland schickte, steckte es ein, statt Essen zu kaufen. Die Patentante schlug zu. Also weckte Adriana die Geschwister morgens auf, machte sie für die Schule fertig, kochte, und schaute drauf, dass sie halbwegs gewaschen waren.

Seit sie im Dorf der Kinder lebe, habe sie plötzlich Zeit, sagt Adriana. Sie schreibt Gedichte. Sie will auf eine Kindergärtnerinnenschule gehen. Und dann? Kinderfrau werden, das wäre fein, sagt Adriana, am besten in Italien, so wie ihre beiden Kusinen. Irina, die Betreuerin, hat mitgehört, und wird plötzlich unwirsch. „Auf fremde Kinder aufpassen, statt auf die eigenen, für Geld, das ist doch nicht normal“, sagt sie.

Sie holt den zwölfjährigen Sascha ins Zimmer, an dessen T-Shirt-Zipfel die kleine Schwester Olga hängt. Die beiden steckten in völlig verdreckten Kleidern, als sie hierherkamen. Wenn sie Hunger hatten, rupften sie Pflanzen aus der Erde. Wie fragt man solche Kinder nach ihren Eltern?

Sascha nimmt es gelassen. Seinen Vater kenne er nicht, sagt er. Seine Mutter sei „irgendwo im Ausland, vor zwei Jahren war sie einmal hier und hat Obst und Süßigkeiten gebracht.“ Olga war noch ein Baby, da lebten sie schon bei den Großeltern, es gab Strom und einen Fernseher. Anfangs kamen auch Pakete mit fremden Briefmarken, in denen waren Jeans und Schuhe drin. Sascha weiß nicht, warum sie delogiert wurden. Er weiß nur, dass sie in den Baracken keine richtigen Betten und Decken hatten. Es war feucht und schimmlig. Die Großmutter war nierenkrank. Ein Onkel schickte Geld, davon kauften sie ihr ein Bett, drei Wochen später war sie tot. Dann trank der Großvater noch mehr als vorher. Bis Sozialarbeiter ihm die beiden Kinder endlich abnahmen.

Schlimme Geschichten über Großeltern hört man viele in Moldawien. Viel wird ihnen aufgeladen, und ihre Überforderung ist greifbarer als anderswo. In Pirita muss man bloß die Hauptstraße entlanggehen, bis zum große Maulbeerbaum, um das bestätigt zu finden. Dort ist eben ein Putztrupp in weißen Overalls im Einsatz, freiwillige Helfer aus dem Dorf der Kinder. Sie tragen scharf riechende Matratzen und schmutzverkrustete Blechtöpfe aus dem Häuschen heraus; die mottenzerfressenen Kleider haben sie schon zum Waschen gebracht. Doch erst als sie die Einweckgläser mit jahrzehntealten Gurken, Tomaten und Marmelade entdecken, verziehen sie das Gesicht.

Die kleine, dürre, zebrechliche Frau im Hauskittel, der die Töpfe, Kleider und Gurken gehören, kauert draußen auf der Rückbank ihres Autowracks, das so aussieht, als stünde es auch schon seit zwanzig Jahren da. Kurz heben sich immer wieder die knotigen Hände, als wolle sie eingreifen, doch dann reicht die Kraft wieder nur zum Seufzen. Irgendwann ist ihr alles zu viel geworden. Insbesondere, seit sie die Wasserkübel nicht mehr vom Brunnen tragen konnte, denn Fließwasser gibt es keines im Haus.

Man ist auf sie aufmerksam geworden, weil ihre beiden Enkel im ganzen Dorf ihre Kopfläuse verteilten. Alexej ist Mitte 20, hat Down-Syndrom und streunt den ganzen Tag freundlich lächelnd von Haus zu Haus, auf der Suche nach Gesprächen und Umarmungen. Nina ist zehn, hyperaktiv, und düst mit ihrem Fahrrad auf der Dorfstraße hin und her. Die Eltern haben beide vor ein paar Jahren einfach bei der Oma abgeladen. Sie haben nie nachgefragt, wie es denn geht. Und die alte Frau hätte nicht gewusst, wem sie es hätte sagen sollen, wenn es nicht mehr geht.

„Bei den Alten im Dorf spürt man oft so viel Resignation, so viel Misstrauen“, sagt Nicola Schlögl, die den Putztrupp in den Overalls anführt. „Die fühlen sich einfach übriggelassen. Abgehängt.“

Tatsächlich hat es allen, die heute über sechzig sind, mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems den Boden unter den Füßen weggerissen. Was sie gelernt hatten, wurde nicht mehr gebraucht; was sie für wichtig hielten, war nichts mehr wert. Ihnen blieben Monatsrenten von zwanzig, dreißig Euro, die baufälligen Häuschen, die eingesalzenen Tomaten und die Radieschen.

Die Jungen hingegen zogen los, um alles anders zu machen. Sie wollten hart arbeiten, Geld verdienen, für einen Wasseranschluss und ein Badezimmer, ein Auto, einen Computer mit Internetanschluss, sie würden nur kurz wegbleiben, dann würde alles besser daheim.

Dazwischen, zwischen den Alten und den Jungen, auf der Wiese im Dorf, sitzen derweil die Kinder, und warten, wie dieses Ringen ausgeht. Meistens freuen sie sich an der Oma-Welt, an den Küken im Garten, den Kälbern und den fetten Früchten vom Maulbeerbaum. Dann kriegen sie wieder ein Paket, einen Anruf, einen Brief, ein Foto, und werden ganz zappelig, wenn sie an Italien denken, die Trattoria, die Kanäle, die große Stadt.

Wenn Veronika und Eugen, Sanda und die kleine Alina Glück haben, halten die Eltern ihr Versprechen. Kriegen irgendwo in Europa eine Amnestie, die ihren Aufenthalt legalisiert, und holen sie nach. Wenn die Kinder Pech haben, scheitern ihre Eltern in der Fremde. Werden von ihren Dienstherren ausgebeutet, betrogen oder bestohlen, versenken ihr Erspartes in Spielautomaten, gründen eine neue Familie, oder geraten als Illegale in die Fänge der Polizei.

Gescheiterte kommen ganz selten zurück; zu groß ist die Scham, auch vor der eigenen Familie. Gescheiterte bleiben weg, länger und immer länger, vielleicht klappt es ja doch noch. Die Pakete werden seltener, die Briefe kürzer. Bis die Kinder irgendwann nicht mehr antworten. Weil sie die Vertröstungen leid sind. Weil sie nicht mehr angelogen werden wollen. Weil sie inzwischen groß sind.

In Pirita jedenfalls, im Dorf der Kinder, ist es schon beinahe so weit. Die Glocken läuten zur täglichen Abendandacht. Irina, die strenge Betreuerin, führt Regie, Adriana spielt Gitarre, man singt „Hava Nagila“, reihum sprechen die Kinder Fürbitten. Sie bitten, dass der Lehrer bald gesund wird. Dass Irina einen schönen Geburtstag erlebt. Dass es Mutter und Vater gut geht. Dass Mutter und Vater bald zurückkommen und sie nach Hause holen, darum bitten sie nicht.

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