Über Alice Schwarzers „Lebenslauf“

Die meistgestellte Frage ist schnell beantwortet: Ja, sie hatte Hetero-Sex. Nicht zu wenig, offenbar. Sie hatte und hat Beziehungen, mit Männern und mit Frauen, sie hat immer gern gekocht und gegessen, sie hat getanzt, gekämpft, bis spätnachts gearbeitet, Party gemacht, schicke Kleider angezogen; und wahrscheinlich tut sie all das heute noch, mit und ohne Publikum. Sie weiß, wie es sich anfühlt, sich zu verlieben; sie kann wütend, frustriert und voller Selbstzweifel sein; manchmal ist sie auch einsam.

Um die vordergründige Botschaft dieses Buches kurz zusammenzufassen für alle, die es immer noch nicht ganz glauben können: Alice Schwarzer ist kein feministischer Kampfroboter, sondern ein Mensch. Für alle, die es noch detaillierter brauchen, liefert sie sogar noch die Maße vom 1. Oktober 1968 nach: 65 Kilo, Brustumfang 94, Hüftumfang 98 Zentimeter. “Bei einer Größe von 1,70 Meter sind das Traummaße, würde ich heute sagen.” Soviel Selbstironie muss sein.

Es macht Spaß, die eben erschienene Autobiographie von Alice Schwarzer zu lesen. Weil hier ein Profi am Werk ist, der nicht nur das Große, sondern auch das Kleine im Blick hat. Etwa wenn sie davon erzählt, wie sie in der hungrigen deutschen Nachkriegszeit mit den Großeltern Lebensmittel hamstern ging. Die Speckschwarten wurden in die Kleider einer Puppe eingewickelt, die die kleine Alice im Zug auf dem Schoß halten sollte. Es war ihr “unsäglich peinlich”. Aber nicht wegen des Specks, sondern weil sie Puppen nicht ausstehen konnte.

Alice war ein Kriegskind, ein ungewolltes, und wuchs bei den Großeltern auf, die sie “Mama” und “Papa” nannte. Da musste sie praktisch denken und anpacken. Fuzelte die Tabakreste aus den von GIs wegeworfenen Zigarettenstummeln, damit Mama und Papa etwas zu rauchen hatten. Stapfte mit fünfeinhalb tapfer allein durch den Wald, ins Nachbardorf, zum Markt. “Ich muss ein ziemlich unerschrockenes Mädchen gewesen sein”, stellt Schwarzer rückblickend fest, mit beinahe mütterlichem Stolz.

Die Robustheit wird sie brauchen, als sie später nach Paris geht und dort als Au-Pair Mädchen jobbt. Und später, als sie Reporterin wird. Berührungsängste hat sie dabei nicht. Sie lässt sie sich mit unverhohlenem Vergnügen von Udo Jürgens anbaggern (“ich habe reichlich Hände wegzuschieben von meinem Bikini”). Sie stellt sich ans Fließband. Portraitiert Modeschöpfer, Obdachlose und einen Zirkusdompteur namens Pablo, der mit einer eifersüchtigen Löwin namens Belle sein Bett teilt (“Soll ich sie rauslassen?”). Vor den steifen, zugeknöpften Hamburger Kollegen flieht sie in die Hafenkneipe “Fick” und verplaudert dort ganze Abende mit Prostituierten.

Es gibt die schöne Szene, wie sie 1970 ihr erstes Interview mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre führt. Er hat ihr 30 Minuten gewährt. Nach 20 Minuten dreht sich ein Schlüssel im Schloss, und Simone de Beauvoir steht in der Wohung. “Die Autorin vom ‘Anderen Geschlecht’, diesem Werk, das ich bis heute für die umfassendste Analyse des Feminismus halte. In Person. Und ich? Eine 28jährige Blondine, die in einem sehr hochgerutschten sommerlichen Minikleid mit bloßen Beinen vor Sartre sitzt (Kleid: Dorothée Bis). Was soll sie nur denken? Klar, was sie denkt!” Schwarzer schämt sich in Grund und Boden. Sie wird erst durch die innige Freundschaft mit Beauvoir erlöst, die ein Leben lang halten sollte.

In dieser Szene blitzt ein paradoxes Grundmotiv auf, das sich durch das Buch zieht wie durch Schwarzers ganzes Leben: Dass sie sich mit Männern eigentlich immer leichter getan hat als mit Frauen. Je stärker sie sich exponiert, EMMA gründet, feministische Bestseller schreibt, desto stärker  kommt dieser seltsame Widerspruch zum Vorschein.

Die Zeitungen nennen sie eine “Hexe mit stechendem Blick”, eine “frustrierte Tucke”, eine “Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne”. Das muss man erst einmal aushalten, aber Schwarzer hält es aus. Die Ablehnung durch Männer gehört irgendwie dazu. Die lässt sich einordnen in einen widerständigen Lebenslauf. Dass sich Menschen, die Privilegien zu verlieren haben, mit allen taktischen Mitteln wehren – das kann Schwarzer, selbst ein Alphatier, gut nachvollziehen, rückblickend zumindest.

Aber was sie bis heute nicht verwunden hat, was ihr bis heute richtig weh tut, sind die Angriffe von Frauen. Der Neid, die Boykottaufrufe, die Querschüsse, die mitten aus der Frauenbewegung kamen. Die Unterstellung, da wolle sich eine über die anderen erheben, sich zum Star aufspielen, Geld verdienen, sich profilieren.

Dass eine aufsteht, anpackt und einfach tut, was sie für richtig hält, scheinen viele Frauen ganz schwer auszuhalten. “Die deutsche Frauenbewegung hat sehr viel auf meinem Rücken austragen lassen”, schreibt Schwarzer.

Da spürt man, wie Bitterkeit hochsteigt. In diesen Momenten flüchtet sie sich in die Arbeit. Setzt sich zu den Touristen ins Kölner Dom-Restaurant, wo garantiert keiner sie kennt. Und geht spätabends tanzen, allein. “Da gibt es so einen schrägen Rock’n-Roll-Keller am Heumarkt, oder auch die Schwulen-Disco Pimpernel am Rudolfsplatz. Da sind wenigstens keine Frauen. Denn die bin ich in diesem Moment gerade mal so richtig leid.”

Dass Alice Schwarzer, so präsent sie stets war, stets eine Einzelne gewesen ist – das versteht man nach diesem Buch. Sie hat nie die Nähe von Gleichen gesucht, sondern stets die Nähe von Menschen, die anders waren als sie selbst. Nach zehn Jahren in Paris schaute von sie außen auf Deutschland. Als Journalistin war ihr der gestelzte, komplizierte akademische Diskurs fremd. Als Angehörige der “Heterofraktion” wurde sie in Lesbenzirkeln schief angeschaut.

“Alle tragen Hosen, nur Alice trägt wieder mal ein Kleid”, warf man ihr in den Siebzigerjahren vor. So hält sie das eigentlich bis heute.

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