Über ein feministisches Wohnprojekt, in dem keine Männer gefressen werden

Die erste Frage, die man sich stellt, wenn man in Kagran aus der U-Bahn steigt: Kann man ein Haus, das von Frauen für Frauen gebaut wurde, von weitem erkennen? Und wenn ja – woran?

Wer die Anton-Sattler-Gasse entlaggeht, den Blick über die Fassaden schweifen lässt, kann gar nicht anders, als den Klischees im eigenen Kopf zu begegnen. Vielleicht stehen besonders viele Kinderwägen davor? Oder sind die Fensterbänke mit besonders prächtigen Blumen geschmückt? Ein Frauenwohnhaus könnte betont bescheiden ausschauen, oder betont stolz. Besonders bieder oder besonders ausgeflippt.

Aber dann steht man auch schon davor. Nein, rosa ist es nicht, obwohl es „ro*sa“ heißt. Die der Straße zugewandte Seite ist in warmen Tönen gehalten. Beige und dunkelgraue Eternitplatten wechseln einander ab, das wirkt leicht, warm und gleichzeitig edel.

Nein, das Haus verrät sich nicht von weitem. Es versteckt sich nicht, aber es fordert seine Umgebung auch nicht zum Kampf heraus. Wer nichts von ihm wissen will, den lässt dieses Haus in Ruhe. Man muss schon näherkommen, sich einlassen, um zu erfahren, was seine Besonderheiten ausmacht.

„ro*sa Donaustadt“ ist keine alternative WG. Es ist kein Frauenhaus, in dem misshandelte Frauen Schutz finden. Und anders als manche Böswillige behaupten, ist es auch keine gefährliche Höhle, in der Männer gefressen werden. 40 Wohnungen hat dieses Modellprojekt, zwei Drittel davon wurden an Frauen vom Verein „ro*sa Donaustadt“ vergeben. Um die am häufigsten gestellte Frage gleich zu beantworten: Ja, Männer dürfen in diesen Wohnungen wohnen; als Söhne, Freunde, Lebensgefährten. Aber den Vertrag unterschreiben – das sollten sie eher einer Frau überlassen.

„ro*sa Donaustadt“ ist kein freifinanziertes Luxusprojekt, sondern Teil des geförderten Wiener Wohnbaus. Absichtlich. Denn die Frauen, für die es gedacht ist, gehören nicht zu den privilegierten Gruppen am Wohnungsmarkt. Die meisten sind alleinstehend, viele über 60 Jahre alt, einige alleinerziehend. Sie sind Archäologin oder Buchhalterin, Krankenschwester oder Künstlerin. Sozialer Wohnbau heißt, dass man nicht mit Gleichgesinnten unter sich bleibt. Das verbleibende Drittel der Wohnungen wird daher vom Wohnservice vergeben; nach deren Kriterien. Meist an Familien mit mehreren Kindern. An Menschen, die oft gar nicht genau wissen, worauf sie sich hier einlassen. Was meistens kein Problem ist. Manchmal aber schon.

„Ja, einige Begegnungen waren seltsam“, erzählt Mariana Potocnik, die ehemalige Vereinsobfrau, eine Bewohnerin der ersten Stunde, die seit Dezember 2009 mit ihrer Katze im Erdgeschoß wohnt, gleich neben dem schwarzen Brett. Sie erinnert sich an einen vom Wohnservice vermittelten Mieter, „sooo ein Riegel war der. Der hat ständig versucht hat, sich gegen die Frauen durchzusetzen. Der ist aber recht bald wieder ausgezogen“, sagt sie, und kann sich beim Nachsatz das Grinsen nicht ganz verkneifen. Mit den zwei chinesischen, einer philippinischen und einer indischen Großfamilie, die über das Wohnservice hierherkamen, verstehe man sich hingegen prächtig.

Frau Potocnik ist 67 Jahre alt und pensionierte Kindergartenpädagogin. Ihr ganzes Berufsleben lang hat sie für Sozialvereine gearbeitet, und wenn sie spricht, aufmerksam, lebhaft und gleichzeitig besonnen, merkt man ihr die gelernte Kommunikatorin an.

Das war wahrscheinlich von Vorteil in dem langen, aufregenden, bisweilen mühsamen gruppendynamischen Prozess, der sie hierhergeführt hat. Viele Jahre lang hat sich die Gruppe bei wöchentlichen oder monatlichen Vereinstreffen über feministische Wohnutopien ausgetauscht. Hat die gesellschaftlichen Bedingungen diskutiert, die Frauen von einem selbstbestimmten Leben abhalten. Hat Grundrisse skizziert und wieder verworfen, Finanzierungsmodelle durchgerechnet, gestritten und sich gegenseitig wieder motiviert, ehe aus der abstrakten Idee dieses konkrete Haus aus Beton wurde.

Doch jetzt ist Frau Potocnik, samt Katze, angekommen. Führt durch ihre 54 Quadratmeter, Wohnküche, Schlafkabinett, Bad. Auf ihrer kleinen Terrasse steht ein Nordsee-Strandkorb, mit Blick auf prächtige Sonnenblumen. Die knapp bemessene Wohnfläche, sagt sie, sei „völlig ausreichend für eine Person wie mich“. Zumal der Raum, auf dem sie lebt, ja nicht an ihrer Wohnungstür endet.

Außer ihrer Wohnung hat sie zum Leben noch den breiten, leuchtend erbstwurstgrün gestrichenen Gang, der viel mehr ist als eine Verbindungsfläche zwischen den einzelnen Wohnungen. Er hat große Fensterflächen, mit gepolsterten Bänken in den Nischen, dort kann man sitzen, tratschen, lesen, die Kinder beim Spielen beobachten. Gleich neben ihrer Wohnung hat sie den großen Gemeinschaftsraum mit Sofa, Tisch, Kinderecke und Küche, wo gemeinsam gekocht und gegessen werden kann. Davor eine Gemeinschaftsterrasse, auf an Sommersonntagen meistens jemand einen Brunch herrichtet. Und den Garten.

Es kommt oft vor, dass Frau Potocnik auf Nachbarskinder aufpasst, wenn Bedarf besteht. Sie fragt immer, ob sie anderen etwas mitbringen soll, bevor sie aufs Rad steigt und zur Biobäuerin fährt. Sie hat dabei zwar die Erfahrung gemacht, dass es anderen nicht immer leicht fällt, Hilfe anzunehmen. Speziell alleinerziehende Mütter seien gewöhnt, sich allein durchzubeißen. „Doch man kann Gemeinsamkeit lernen“ sagt sie.

Diese Art zu leben passiert nicht zufällig. Dahinter steckt ein Konzept. Und eine Architektin, die sich das ganze Projekt ausgedacht und von Anfang an begleitet hat.

Sabine Pollak forscht und lehrt an mehreren Universitäten. Sie beschäftigt sich mit Feminismus und Wohnen, seit sie denken kann – theoretisch ebenso wie praktisch. „Die Geschichte moderner Architektur lässt sich als ein permanenter Prozess des Ausschließens von Frau und Weiblichkeit lesen“, schrieb sie in ihrem Buch „Leere Räume. Weiblichkeit und Wohnen in der Moderne“, das 2004 erschien.

Schon während ihres Architekturstudiums fiel Pollak eine grundlegende Schieflage im Wohnbau auf. Frauen verbringen im Durchschnitt viel mehr Zeit in Wohnungen als Männer. Sie arbeiten deutlich mehr im Haus. Doch bei der Auftragsvergabe, Planung und Ausführung von Wohnbauten haben sie normalerweise wenig mitzureden. Sowohl bei den etablierten Bauherren, als auch bei Finanziers und Architekten stellen Frauen bloß eine kleine Minderheit. All das, ist Pollak überzeugt, sehe man den Häusern am Ende an.

Sie selbst hat die Defizite am eigenen Leib erfahren, als sie in einem klassischen Wiener Zinshaus lebte, als alleinerziehende Mutter einer Tochter. Zu den Nachbarn gab es so gut wie keinen Kontakt. „Da war die klischeehaft grantige Hausbesorgerin, aber keine Ansprechperson“, erinnert sie sich. Was sich in der Hausarchitektur wiederspiegelte. Raum für Begegnungen war keiner vorgesehen. Nachbarn können in einem derartigen Setting kaum als Verbündete, sondern bloß als Störung wahrgenmmen werden: als Rivalen um knappen Platz, die einem mit Buggies oder Fahrrädern den Weg verstellen.

Im modernen sozialen Wohnbau sollte das eigentlich anders werden. Tatsächlich setzten die großen Gemeindebauhöfe im Roten Wien der Zwischenkriegszeit neue Standards: Plötzlich gab es Grünflächen zwischen den Wohnblöcken, Bibliotheken, Kindergärten und Veranstaltungssäle, gemeinsam benützte Waschküchen.

Doch auch aus dem Gemeindebau atmete das Geschlechterverhältnis der traditionellen Kleinfamilie. Jedes Zimmer hatte seinen klar zugewiesenen Zweck. Hier schliefen die Eltern, dort wurden die Kinder verwahrt, letztere meist in schmalen, schlauchartigen Zimmern; dazwischen enge Flure und viele Türen, um alle Bereiche sauber voneinenander zu trennen. Die Küche blieb ein „Restraum“, meist mit Blick auf den Hinterhof, gerade groß genug, dass ein Mensch allein darin arbeiten konnte, ohne die übrigen Familienmitglieder oder Gäste mit seinem Anblick oder gar Topfgeklapper zu belästigen.

Mittlerweile haben sich diese Prioritäten verschoben. Der große gemeinsame Koch-, Ess- und Wohnraum ist im gehobenen Wohnbau mittlerweile Standard. Er ist nicht nur praktisch, es tut auch sozial gut, wenn man die Kinder aus den Augenwinkeln beobachten kann, während man kocht. Und einem die Gäste gleichzeitig beim Gemüseschneiden zur Hand gehen können. „Der große Küchenblock, der mitten im Raum steht, gilt heute als schick, speziell wenn Männer hinter dem Herd stehen“, sagt Pollak.

Hausarbeit ist nichts, wofür man sich genieren und verstecken muss. Sie wird erträglicher, wenn sie sichtbar, gemeinsam und an freundlichen Orten erledigt werden kann: Aus dieser Idee spricht eine andere, zeitgemäßere Idee von Familie.

Man kann die Idee allerdings noch weiter denken. Sabine Pollak führt durchs Haus. Wie radikal sie die Verhältnisse vom Kopf auf die Beine gestellt hat, begreift man erst, wenn man im obersten Stockwerk ankommt. Dort, wo normalerweise das Penthouse liegt, mit Fernblick über die Dächer, thront die Waschküche. Nein, erzählt die Architektin, selbstverständlich war es nicht ganz einfach, den Bauträger zu überzeugen, dass man die wertvollsten Quadratmeter einer Liegenschaft einer derart profanen Tätigkeit wie dem Waschen widmen kann.

Erst auf den zweiten Blick erscheint es logisch, dass die nassen Leintücher hier oben viel besser trocknen als in einem feuchten, finsteren Keller. Dass man die Kinder hierher mitnehmen kann, damit sie inzwischen auf den umligenden Hochbeeten Tomaten ernten oder Erdbeeren naschen können. Und dass auch die gemeinschaftliche Sauna mit Fernblick wesentlich attraktiver ist als die Sauna neben der Garage, wohin sie üblicherweise gebaut wird. Speziell im Winter, wenn man nach dem Aufguss hinausgeht, in den Schnee auf dem Flachdach, und unten die Lichter der Stadt funkeln.

Auch bei den Wohnungsgrundrissen prallt eine Architektur, die die Bedürfnisse von Frauen in den Mittelpunkt stellt, auf die hartnäckige Macht von Gewohnheiten. Der Lebens- und Beziehungsalltag von Frauen ist vielfältig – in der Gesamtgesellschaft ebenso wie bei den „ro*sa“-Frauen. Die einen leben mit Männern, die anderen mit Frauen; die einen mit Beziehungspartnern, die anderen mit Menschen, die keine Beziehungspartner sind; die einen mit minderjährigen Kindern, die anderen allein. Im sozialen Wohnbau kommen all diese Wirklichkeiten bloß als Ausnahme vor. Dort dominiert immer noch die 70m2- Normwohnung für die Mutter-Vater-Kind-Normfamilie.

Wohnungen, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, müssen sich anpassen können. Verschiedenen Varianten von Patchworkfamilien, und sich verändernden Bedürfnissen einzelner Mitglieder. Um möglichst viele Nutzungen zu erlauben, sind alle Zimmer, die Pollak im „ro*sa“-Haus geplant hat, neutral. Hier kann man zusammenlegen, dort teilen, hier wäre Platz für eine Pflegerin, und wenn die Tochter erwachsen wird, kriegt sie eine eigene Eingangstür.

In der bürokratischen Praxis jedoch stieß die Architektin hier an Grenzen. Mehrere Wohnungen waren als WGs geplant; mit eigenem Schlaf-, aber gemeinsamem Essbereich. Im letzten Moment hat man dann doch noch Zwischenwände eingezogen und einzelne Kleinwohnungen draus gemacht. Zu schwierig war es, die Haftungsfragen in den Verträgen zu klären. Außerdem, meinen die Bewohnerinnen, habe die Genossenschaft an den dauerhaften Bestand des ganzen Projekts wohl nicht ganz geglaubt – und wollte verhindern, nach dem Scheitern auf unvermittelbaren Wohnungen sitzenzubleiben.

Wir schauen in die Bibliothek. Die ist eine Kleinwohnung im ersten Stock, die von den „ro*sa“-Frauen auch als Vereinslokal genützt wird. Ein Portrait von Johanna Dohnal hängt an der Wand. Liesl Fritsch, eine pensionierte Pharmazeutin, blättert durch die Folianten, in denen alles archiviert ist: die Protokolle der Vereinstreffen, die Debatten mit Gegnern und Neidern, die mediale Berichterstattung. Man hat sich abgearbeitet an Grundfragen der menschlichen Existenz. An der Linie zwischen Individualismus und Solidarität. An Alternativen zum Kapitalimus. An gesellschaftlichen Machtfragen und persönlichen Befindlichkeiten.

Vieles wurde hier angedacht. Wie man sich fortpflanzen kannn, ohne der Familie in die Falle zu gehen. Wie sich jene Generation, die einst die WGs erfunden hat, das Leben im Alter vorstellt. Wie man sich private Dienstleistungen teilen könnte, wenn man sich auf den Staat nicht verlassen will. „In vielem waren wir der Zeit noch voraus“, sagt Pollak; für vieles ist die Stadt rundherum noch nicht bereit.

Doch die Stadt rückt näher. Wenn man vom Dach hinunterschaut, sieht man die Kräne. Wo vor wenigen Jahren noch Werkstätten, Spenglerein und wilde, undefinierte Grünflächen waren, entsteht heute die „Kagraner Spange“, ein großes neues Wohngebiet.

Ob der Rest der Gesellschaft will oder nicht: Rosa rückt näher. Eigentlich sind wir schon fast mittendrin.

 

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