Das Wohlergehen der ganzen Welt hängt offenbar am Wohlbefinden „der Märkte“. Warum überlassen wir ihre Betreuung dann rücksichtslosen Psychopathen?

Sibylle Hamann

Es gibt da ein paar Patienten, die ziemlich schwierig sind. Sie schwächeln in letzter Zeit. Sind anhaltend schlapp, und niemand weiß so recht, wie man sie wieder auf die Beine kriegt. Haben sich schon länger nicht mehr euphorisch gezeigt, nicht einmal fest sind sie mehr. Auch um ihre Psyche steht es nicht zum besten: Sie sind hektisch, nervös, orientierungslos, trüb gestimmt. Sie haben jedes Vertrauen verloren. Zeigen sich morgens in Missstimmung, gegen Abend folgt oft beinahe ein Zusammenbruch. Sie leiden. Offenbar gibt es etwas, das sie nach unten zieht: Sie sind belastet durch die Rohstoffe. Der Abfluss ist massiv. Sind das Vorboten des Verfalls?

Manchmal gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Bang beobachtet man die Signale, aber sie sind schwer zu deuten. Machen wir uns vielleicht zu viele Sorgen? Kann man vorsichtig aufatmen? Hellt sich die Stimmung ein bisschen auf? Alle warten auf kleines Lebenszeichen. Auf etwas, das sie nach oben ziehen könnte. Eine dauerhafte Kräftigung ist unwahrscheinlich, aber man kann wenigstens auf Stabilität hoffen. Brauchen die Patienten vielleicht einen Rettungsschirm? Würde der sie beruhigen? Oder macht der alles noch schlimmer?

Kaum schöpft man zaghaft Hoffnung, hat sich das Bild schon wieder gedreht. Das positive Gefühl war trügerisch. Die neuen Daten verfehlten leider allesamt die Erwartungen. Angst ist das bestimmende Thema. Die Patienten fürchten sich. Sie sind nicht zu beruhigen, sie wollen immer mehr. Sie müssen immer stärker gestützt werden. Verstärkt wird das durch den allgegegenwärtigen Pessimismus, dem laufend weitere Hiobsbotschaften folgen. Die Bewegungen der Patienten sind erratisch, nicht mehr nachvollziehbar. Sie spielen total verrückt. Das zeigt, wie viel Panik da ist. Sicherheit gibt es nicht mehr. Der steile Absturz der vergangenen Tage zeigt, dass alles noch viel schlimmer kommen kann.

Es handelt sich hier um wichtige Patienten. Sie heißen die Märkte. Unser gesamtes Wohl und Wehe, sagt man uns, hängt an ihrem werten Befinden. Wenn die Märkte leiden, gehts uns schlecht. Wenn sie zittern, schüttelt es uns durch. Ihren Zusammenbruch würden auch wir nicht überleben.

Eigentlich wäre es da nur logisch, dass wir die Pflege dieser kostbaren Patienten mit großer Sorgfalt betrieben. Wenn wir ihre Betreuung einem genauen Regelwerk unterwürfen, und nur den allerbesten Leuten anvertrauten. Umsichtigen, verantwortungsvollen Menschen, die im entscheidenden Moment Ruhe bewahren, stets das Gemeinwohl im Auge behalten und in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen.

Doch dann lesen wir von den betrügerisch verzockten Milliarden bei der UBS, die sich von den vielen vergangenen Zockerfällen kaum unterscheiden. Lesen von einer wissenschaftlichen Studie, die das Verhalten einer Gruppe von Aktienhändlern mit dem Verhalten einer Gruppe von Pschopathen verglich. Und zum Ergebnis kam, dass die Aktenhändler noch rücksichtsloser und unkooperativer handelten als die Psychopathen, und gleichzeitig nicht einmal erfolgreicher waren. Weil sie weniger den Gewinn im Auge hatten als die Schädigung des Gegners. Wie jemand, der mit dem Baseballschläger auf das Auto seines Nachbarn eindrischt, um selbst das schönste Auto in der Gegend zu haben.

Würden Sie solchen Leuten Ihr Schicksal anvertrauen?

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