Wut entsteht aus Ohnmacht. „Wutbürger“ hingegen sind nicht ohnmächtig. Sie haben bloß die Chance verpasst, rechtzeitig zu handeln.

Sibylle Hamann

Wut ist kein produktiver Zustand. Wer wütend ist, hat keine Nerven übrig, um zu überlegen, wem man warum eigentlich böse ist, sondern schlägt wild um sich. Trifft trifft die Falschen. Wer wütend ist, ist meistens ungerecht.

Mir sind die vielen Menschen, die sich neuerdings stolz „Wutbürger“ nennen, ein bisschen suspekt. Doch warum eigentlich? Gut, dass Franz Walter, einer der renommiertesten Politikwissenschaftler Deutschlands, sich des Themas jetzt angenommen hat. Seine eben vom Göttinger Institut für Demokratieforschung veröffentlichte Studie hilft, den Wutbürger und die Kraft, die ihn antreibt, genauer zu fassen.

Der typische Vertreter dieser Spezies (befragt wurde er in seiner deutschen Variante) ist demnach über 50 Jahre alt, männlich und hat einen Universitätsabschluss. Er ist materiell gut situiert, zu drei Vierteln mit seiner persönlichen Situation zufrieden, nicht jedoch mit der Lage im Land. Mit großer Mehrheit spricht er sich für mehr direkte Demokratie aus. Nur zu einem Viertel jedoch wäre er bereit, sich dem Ergebnis einer Volksbefragung, das seiner Meinung widerspricht, zu fügen. Zu 96% hält sich der Wutbürger für einen „gute Demokraten“. Fortschritts- oder technikfeindlich ist er nicht. Sein Prototyp wäre ein pensionierter Ingenieur, der sachkundig über Handystrahlen diskutiert, beim Kampf gegen die Masten vor seiner Haustür allerdings vor allem den Wert seines Eigenheims im Auge hat.

Selbstverständlich hat so ein Mensch – wie jeder andere – das Recht, aufzubegehren. Für Protest gibt es in der real existierenden Parteiendemokratie jede Menge gute Gründe, für Einmischung, Zivilcourage, Ungehorsam und Bürgerinitiative ebenso. Aber wütend?

Wut ist die angemessene Reaktion der Machtlosen. Für alle, die nicht in der Lage sind, sich zu auf andere Art zu artikulieren. Für ein Kleinkind, das dringend ein Keks will, aber daran scheitert, sich verständlich zu machen. Für eine Jugendliche, die nicht ernst genommen wird, und umso mehr verzweifelt, je mehr man sich über sie lustig macht. Für Gedemütigte und Ausgegrenzte, Stumme und stumm Gemachte, für alle, die nicht wissen, wohin mit ihren aufgestauten Frustrationen, ist Wut das einzige Ventil.

Aber der wohlhabende, akademisch gebildete Bürger ist nicht machtlos. Wenn sein Eigenheim das Ergebnis eines verantwortungsvollen Arbeitslebens ist, dann hat er jahrzehntelang die Regeln, nach denen sein Land funktioniert, mitgestaltet. Wer sich in der Mitte der Gesellschaft befindet, gut situiert und ohne Existenzangst, hat täglich mehrmals die Wahl: Für oder gegen einen bestimmten Beruf, für mehr Geld oder mehr Selbstbestimmung, für einen Lebensstil, gegen einen Wohnort. Er wählt den Tonfall aus, in dem er seinen Nachbarn grüßt. An ihm liegt es, wie mit Untergebenen umgegangen wird, mit Kunden, mit dem Lieferanten, dem Lehrling.

Wenn einem Leistungs- oder Verantwortungsträger ein gesellschaftlicher Misstand auffällt, kann er konkret versuchen, etwas zu verändern. Wenn er nichts tut – nun, dann ist auch dies eine Entscheidung. Aber jahrzehntelang alles geschehen lassen, alles runterschlucken, immer mittun, und erst in der Pension, wenn man endlich Zeit hat, wütend auf den Tisch hauen? Das ist keine Bürgertugend.

Meine verehrte Kollegin Anneliese Rohrer hat ihren „Wutbürgersammtisch“ nun in „Mutbürgerstammtisch“ umbenannt. Gut so.

 

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