Revolte scheint ansteckend zu sein: Auch im Auge des Taifuns, an der Wall Street, wird gegen die Übermacht der Banken protestiert. Hier ist es die Generation der Dreißigjährigen, die aufbegehrt.

Sibylle Hamann

Massenaufstand ist es noch keiner. Seit drei Wochen halten ein paar hundert Menschen den Zuccotti Park in Downtown Manhattan besetzt, zeitweise wächst die Schar auf einige tausend an. Lang von den Medien ignoriert, sind nun die ersten TV-Übertragungswagen aufgefahren. Die Besetzer dringen in die öffentliche Debatte vor. Machen sich breit. Heute, Mittwoch, nachmittag wollen sie wieder marschieren.

Behalten wir diese Bewegung im Auge. Denn sie ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

1. Anders als Bürgermeister Michael Bloomberg insinuierte, hat sie nichts, aber auch gar nichts mit den wilden Plünderungen in Großbritannien zu tun. Die 700 jungen Leute, die am Wochenende festgenommen wurden, weil sie die Brooklyn Bridge blockierten, verhüllen sich nicht und schlagen keine Schaufensterscheiben ein. Sie wollen keine Gratis-Plasma-Fernseher, sondern mehr Demokratie.

2. Es ist die Generation der Dreißigjährigen, die hier aufbegehrt. Jahrelang wurden sie als brave, unpolitische Streber verhöhnt und von ihrer Elterngeneration mit paternalistischer Überheblichkeit aufgefordert, doch bitteschön endlich ein bisserl zu revoltieren. Doch den Zeitpunkt dafür wollten sie offenbar selbst bestimmen.

3. Sie repräsentieren nicht die Unterklasse, sondern die Mitte der Gesellschaft, wo in den letzten Jahren viele unter die Räder geraten sind. Auch in den USA gibt es Millionen junge Menschen, die trotz guter Ausbildung keinen Einstieg in den Arbeitmarkt finden. Wegen der Studiengebühren hoch verschuldet, schlagen sie sich mit Jobs zu Mindestlöhnen durch. Wer während der spanischen Jugendproteste noch behauptete, so etwas sei nur möglich, wo ein aufgeblähter staatlicher Sektor den Arbeitsmarkt verzerrt, wird hier eines Beseren belehrt.

3. Sie repräsentieren ein neues, demütigeres Amerika. Das sich nicht mehr anmaßt, der Welt zu zeigen, wo es langgeht, sondern sich, im Gegenteil, von außen inspirieren lässt. Manhattan nimmt sich Kairo zum Vorbild, coole New Yorker lassen sich von Muslimen der Dritten Welt den Weg weisen? Noch vor zwei Jahren wäre das unvorstellbar gewesen.

4. In diesem Sinn sind sie auch keine Anti-Globalisierungsbewegung mehr, sondern eine Weltbürgerbewegung. Chris Hedges, einer ihrer Wortführer, war 15 Jahre lang bei der „New York Times“ angestellt, als Kriegsreporter und Büroleiter im Mittleren Osten. Sein Lebensweg zeigt: Krieg und Korruption, die Demokratie in der Ferne und die Demokratie daheim hängen zusammen. Die USA sind kein gelobtes Land, sondern Teil eines großen Ganzen.

5. Auf originelle Art ist die Bewegung nicht digital, sondern analog; nicht virtuell, sondern handfest. Selbstverständlich sind Ipads, Handykameras und Laptops stets dabei. Sie helfen beim Kommunizieren. Aber sie sind kein Selbstzweck. Der Rest des Equipments ist altbewährt: Schlafsäcke, Gaskartuschen, handgemalte Plakate. Weil Soundverstärker im Park verboten sind, haben die Besetzer ein System menschlicher Verstärkung perfektioniert: Wer etwas sagen will, ruft, und wird Satz für Satz vom Chor wiederholt. Man verteilt „The Occupied Wall Street Journal“ mit 50.000 Auflage – eine klassische Zeitung, wie sie vor kurzem noch als „totes Holz“ verspottet wurde. Ab und zu zieht man sich nackt aus – was seit den Siebziger Jahren selten vorkam.

Ob sich bei uns die unter-70-Jährigen auch einmal aus der Deckung trauen?

 

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