Die bevorstehende Scheidung ist der gefährlichste Moment im Leben einer Frau. Überall auf der Welt. Mit dem Schicksal hat das allerdings nichts zu tun.

Sibylle Hamamn

Wie soll man es nennen, wenn ein Mann seiner Ehefrau ein Messer in den Hals rammt? Absichtlich, mehrmals, sodass sie stirbt?

Zweimal ist das in den vergangenen Tagen passiert, in beinahe exakt derselben Art. Einmal war es ein 52jähriger Mann in Gänserndorf, der seine 47jährige Ehefrau tötete, dann ein 62jähriger Mann im burgenländischen Parndorf, der seine 57jährige Ehefrau tötete. In beiden Fällen beging der Täter anschließend Selbstmord. In Parndorf schoss er sich mit einem Kleinkalibergewehr in den Kopf, in Gänserndorf erhängte er sich im Schuppen.

Die Zeitungen bieten, um diese Vorkommnisse zu beschreiben, mehrere Begriffsvarianten an: „Drama“, „Ehedrama“, „Beziehungsdrama“, Scheidungsdrama“, „Familiendrama“, gern in Kombination mit den Eigenschaftswörtern „blutig“, „tödlich“ oder „tragisch“.

Hauptsache Drama, also. Hauptsache, die ganze Sache klingt nicht wie ein Verbrechen, sondern wie ein Theaterstück.

In einem Theaterstück stehen nicht einfach Menschen auf der Bühne, sondern Darsteller, die Rollen spielen. Das Drama weist immer über die individuelle Geschichte hinaus; in der Rolle soll sich Allgemeinmenschliches abbilden. Wenn man beim Zuschauen ein kleines Stückchen von sich selbst wiedererkennt, ist das durchaus beabsichtigt.

In einem Aspekt sind die Ereignisse von Parndorf und Gänserndorf tatsächlich typisch:In beiden Fällen stand die Scheidung der Paare unmittelbar bevor. Wer in Frauernhäusern nachfragt, wird erfahren, dass genau dieses Muster sehr häufig vorkommt: Für eine Frau ist der gefährlichste Moment einer Beziehung jener, in dem sie die Beziehung beendet. Denn Männer, die zu Gewalttätigkeit neigen, verwinden offenbar nichts so schwer, wie die Vorstellung, die Frau könnte, nachdem sie ihn verlassen hat, weiterleben. Einfach so. Ohne Strafe. Ohne ihn.

Gleichzeitig führt das Wort „Drama“ jedoch in die Irre. Insbesondere, wenn es mit dem Zusatz „tragisch“ versehen wird. Denn das verleiht der ganzen Sache etwas Zwangsläufiges, Unausweichliches. Etwas, das „so kommen hat müssen“, wie man so schön sagt. In der antiken Tragödie spielte stets das Schicksal die Hauptrolle. Das Schicksal, das dem Helden vorherbestimmt ist, obwohl er sich dagegen aufzulehnen versucht. Die Zuschauer beobachten ihn dabei, wie er hadert, kämpft, der Katastrophe zu entrinnen versucht, aber immer nur noch stärker zu ihr hingezogen wird. Den Zuschauern ist von Anfang an klar: Der Held kann machen, was er will, es hilft alles nichts. Was geschehen soll, muss geschehen.

Was, in andere Worten, jedoch heißt: Eigentlich kann er gar nichts dafür. Frau will Mann verlassen, Mann bringt Frau um? So ist das halt. Muss so kommen. Wenn eine das Schicksal herausfordert…

Weltweit gesehen, ist familiäre Gewalt die Hauptursache für Tod und Gesundheitsschädigungen bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren; noch vor Krebs und Verkehrsunfällen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kann es noch genauer eingrenzen: 70 Prozent der weiblichen Mordopfer werden nicht von einem Bösewicht im Gebüsch, sondern vom eigenen Partner umgebracht. Die österreichischen Zahlen entsprechen diesem Schnitt ziemlich genau.

Wie nennt man es, wenn ein Mann seiner Ehefrau in Tötungsabsicht ein Messer in den Hals rammt? „Mord“ trifft den Sachverhalt ziemlich genau.

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