…müssen sie auch geerntet werden. Von wem? Unter welchen Bedinungen? Bei den „Tagen des Zorns“ von Rosarno bekam Europa Einblick in ein gut gehütetes Geheimnis. Sibylle Hamann Sie standen immer an der Bundesstraße Nummer 18, knapp außerhalb des süditalienischen Städchens Rosarno, im diffusen Licht der Straßenlaternen. Abgerissene Gestalten, notdürftig eingewickelt in viel zu dünne Jacken gegen den feuchten Jännerwind. Im Morgengrauen fuhren immer die „Kapos“ mit ihren Pritschenwagen vor, um ein paar hundert der Männer zum Orangen- und Zitronenpflücken einzusammeln. 25 Euro boten sie für zehn Stunden Arbeit auf der Plantage, 5 Euro würden sie für den Transport abziehen; wer aufmuckte, bekam Schläge. Nichts wich am 8. Januar 2010 von der „alltäglichen Routine von Gewalt und Schikane ab, außer der Tatsache vielleicht, dass an diesem Morgen ein bisschen mehr Aggressivität zu spüren war“ als sonst. Wer Glück hatte, kletterte auf die Ladeflächen; wer Pech hatte, trottete heim ins trostlose Massenqaurtier in einer stillgelegten Fabrik: feuchte Schlafsäcke, offene Feuer, Müll. Doch an diesem Nachmittag sollte alles anders werden. Gegen 15 Uhr brach der Aufstand los. Die Nachrichten, die in den darauffolgenden Tagen aus Kalabrien nach Europa drangen, waren atemlos und verwirrend. Erst war von wütenden, brandschatzenden Afrikanern die Rede, die alles kurz und klein schlugen. Dann von einem rassitsichen Mob italienischer Bürger, die gezielt Jagd auf Afrikaner machten. Dann von den ausbeuterischen Plantagenbesitzern. Und schließlich von der Mafia, die den ganzen Aufruhr geschürt, oder gar von vorne bin hinten inzeniert haben sollte – zum eigenen Vorteil. Was ist hier passiert? Was verrät es über Italien, die europäische Einwanderungspolitik, und die Lebensmittelindustrie? Das eben erschienene Büchlein „Orangen fallen nicht vom Himmel“ versucht, darauf eine Antwort zu geben. Der Journalist und Schriftsteller Jean Duflot hat Augenzeugen befragt und Medienberichte analysiert, entwirrt die chaotischen Tage des Zorns und fördert dabei ein Geflecht aus Rassismus, ökonomischen Interessen und gezielter politischer Desinformation zutage. Beim Lesen fühlt es sich an, als würde man an der Hand gepackt und in eine finstere, unheimliche Zwischenwelt hineingezerrt. Wollen wir eigentlich wissen, warum uns die Orangen im Supermarkt im Winter kübelweise nachgeschmissen werden? Wollen wir wissen, wieviel der Produzent dafür bekommt (secht Cent pro Kilo)? Und wollen wir wissen, wer die Menschen sind, die sie pflücken; wo sie herkommen, wie sie leben, unter welchen Umständen sie arbeiten? Normalerweise nicht. Am 8. Januar lüftete sich ein Zipfel dieses bis dahin gut gehüteten Geheimnisses. Im strukturschwachen Kalabrien, das von seinen Platagen mit Zitrusfrüchten und Oliven lebt, hatte sich in den Neunzigerjahren ein raffiniertes Betrugssystem etabliert: Die Bauern erfanden fiktive Früchte, die sie niemals ernteten; bekamen dafür EU-Förderungen; stellten Arbeiter an, die niemals arbeiteten, aber stattdessen Ansprüche auf Arbeitslosengeld erwarben. Für die Produktion der real existierenden Orangen wurden stattdessen illegale Einwanderer aus Afrika zu Hungerlöhnen beschäftigt. Die Organisation all dessen, inklusive Bestechung der Behörden, besorgte die N’drangheta, und strich dafür auch die Profite ein. Jeder in der Region wusste Bescheid, im Schweigen und Kassieren war man verbündet, und jedem war klar, dass die etwa 6000 dunkelhäutigen Menschen, die in Ruinen und unter freiem Himmel kampierten, zur Aufrechterhaltung des Lügengebäudes notwendig waren. Es war ein System der institutionalisierten Ausbeutung, das dem Tatbestand der Sklaverei recht nahe kommt. Perfiderweise spielten ihm auch die Einwanderungsgesetze in die Hände – und nach der Lektüre dieser Dokumentation wird man den beunruhigenden Verdacht nicht mehr los, das sei kein unglücklicher Zufall, sondern womöglich sogar Absicht. Die Regeriung Berlusconi hat die Einwanderungsgesetze nämlich, wie Österreich, drastisch verschärft. Doch je stärker Einwanderer in die Illegalität gedrängt werden, je mehr Angst sie haben müssen, desto leichter sind sie zu erpressen und auszubeuten, desto billiger wird ihre Arbeitskraft. Und an der Nachfrage für billige Arbeitskraft hat sich weder in Österreich noch in Italien etwas geändert. In Rosarno entlud sich der aufgestaute Zorn. Die Afrikaner rotteten sich im Protest zusammen, die lokale Bevölkerung bestrafte sie dafür mit Verfolgungsjagden in der Art des Ku-Klux-Klans. Sie wurden mit Gummimunition beschossen, von Autos angefahren, ihre Elendsquartiere in Brand gesteckt. Doch als sie die Flucht ergriffen, konnte man paradoxe Szenen beobachten: Die Afrikaner wollten weg, bloß weg aus Rosarno, doch ihre Verfolger versperrten ihnen den Weg. Sie wollten, dass sie in Rosarno bleiben, damit man sie noch länger jagen konnte. Wenn man diese 130 Seiten gelesen hat, ahnt man: Die Festung Europa funktioniert im Großen nicht viel anders als Rosarno im Kleinen. Wir behaupten, wir müssten die EU gegen „die Fremden“ verteidigen, sie abwehren und loswerden. Während wir insgeheim wissen, dass uns ihre Anwesenheit sehr gelegen kommt und hochprofitabel ist. Berlusconis Italien ist für diese Doppelmoral bloß das schamloseste Beispiel. Man liebt die Menschen nicht, die einen mit der Nase auf Lügen stoßen. In Italien haben es in den vergangenen Jahren dennoch einige getan: Roberto Saviano mit seinen Enthüllungen über die Mafia, Fabrizio Gatti mit seinen Undercoverrecherchen über die brutale Ausbeutung der afrikanischen Einwanderer auf ihrem Weg durch die Sahara und übers Mittelmeer. Die Aufständischen von Rosarno könnten sich in diese mutige Garde einreihen, wenn man sie lässt. Saviano jedenfalls bittet sie darum. „Geht nicht zurück“, schreibt er. „Lasst uns nicht mit der Mafia allein!“

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