Sie wollen abnehmen? Die SVA wird Sie dafür belohnen. So wie die reuigen Sünder fast immer reicher belohnt werden als die Immer-schon-Redlichen.

Sibylle Hamann

Es gibt ein Gleichnis in der Bibel, das jedes Kind als verstörend empfindet. Es geht so: Ein reicher Vater hat zwei Söhne. Der eine bleibt zu Haus, hilft dem Vater, geht täglich aufs Feld, ist redlich und brav. Der andere lässt sich sein Erbteil auszahlen, geht weg, verprasst alles, und kommt erst reumütig zurück, als er pleite ist. Dafür wird er vom Vater fürstlich belohnt. Mit schönen Gewändern, einem rauschenden Fest und einem gemästeten Kalb. Das findet der brave Bruder unfair, und man kann es ihm nicht verdenken. „Das ist total gemein“, sagt das Kind.

Die SVA, die Versicherung der Gewerbetreibenden, hat ab Jänner ähnliches vor. Sie lädt ihre Schäfchen zum Gesundheitscheck ein. Dort werden sie abgewogen, bekommen ihren Blutdruck gemessen, und geben ihre Rauch-, Trink- und Bewegungsgewohnheiten zu Protkoll. Die braven, die täglich laufen gehen und Müsli essen, ebenso wie jene, die körperlichen Raubbau betreiben. Sie alle bekommen den Auftrag, sich zu verbessern („individuelle Gesundheitsziele“ heißt das). Wer diese nach einem halben Jahr erreicht, bekommt einen Bonus und zahlt künftig nur noch den halben Selbstbehalt.

Die SVA ist sichtlich stolz auf ihr Programm. Um nacktes ökonomisches Kalkül kann es ihr dabei nicht gehen – denn Menschen, die ihre Krankheiten (zu) spät erkennen und früh sterben, belasten unsere Versicherungssysteme bekanntlich weniger als jene, die steinalt werden. Dem Streben der SVA muss also echte Sorge um ihre Schäfchen zugrunde liegen. Oder sind es gar Rettungsphantasien? Ein verfetteter Kettenraucher bist du, hattest dich schon längst aufgegeben, aber wir von der SVA glauben an dich! Und je schlimmer dein aktueller Zustand, desto größer die Belohnung und die Freude, wenn du die Umkehr dennoch schaffst!

Es ist ein altes Motiv, das hier anklingt, eines, das schon Thomas Mann in „Doktor Faustus“ beschreibt: „Die felsenfeste Überzeugung des Sünders, er habe es zu grob gemacht, und selbst die unendliche Güte reiche nicht aus, seine Sünde zu verzeihen – erst das ist die wahre Zerknirschung, und ich mache Euch darauf aufmerksam, dass sie der Erlösung am allernächsten, für die Güte am allerunwiderstehlichsten ist!“

Wir stellen uns also den adipösen Versicherten vor, der sich die Stiegen hinauf in die Ordination schleppt. 5 Prozent seiner Kilo muss er loswerden, schon ist auch er dabei! Vorausgesetzt, er ringt sich „gelegentlich“ ein bisschen Bewegung ab und geht, zum Beispiel, künftig „zügig zu Fuß zur Arbeit.“ 1000 Kilokalorien in der Woche verbrennen, das sollte doch zu schaffen sein!

Wer nicht raucht und Normalgewicht hat, tut sich da schwerer. „Ihr werdet zugeben, dass der alltäglich-mäßige Sünder der Gnade nur mäßig interessant sein kann“, heißt es denn auch bei „Doktor Faustus“; „in seinem Fall hat der Gnadenakt wenig Impetus, er ist nur eine matte Betätigung.“ Wie der brave Sohn aus der Bibel darf der Gesunde weiterhin seine täglichen Runden im Park laufen, ohne dafür großes Lob zu bekommen. Würde er aus Gram darüber zu rauchen beginnen oder Kummerspeck ansetzen, wäre sein Bonus jedoch sofort dahin. Auch wenn ihn dann immer noch einen Zentner von seinem immer noch adipösen, aber reuigen Bruder trennt.

Ist das nicht total gemein? Ja, ist es. Aber Gott, Thomas Mann und die SVA haben das wohl eher metaphorisch gemeint.

 

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