15 Todesopfer, 22 Vermisste gab es auf dem Kreuzfahrtsschiff Costa Concordia. Sie sind nicht die einzigen, die vergangene Woche in den Wellen des Mittelmeers ertranken

Sibylle Hamann

Es ist eine Reise, der man monatelang erwartungsvoll entgegenblickt. Man muss rechtzeitig buchen, denn sonst kriegt man womöglich kein Ticket mehr. Es ist wie überall im Reisegeschäft: Wer mehr zahlt, kann mit mehr Platz rechnen, mit besser ausgebildetem Personal, mit professionellerem Service, und mit besserem Essen an Bord. Aber wie überall im Reisegeschäft ist auch hier der Preis keineswegs ein Garant dafür, dass man gut behandelt wird. Nepp und Betrug kommen ebenfalls vor.

Aber es wird schon alles gutgehen. Ein bisschen Glück wird man haben. Das bisschen Glück hat man sich verdient.

Ein unbezahlbarer Luxus für die Superreichen ist die Fahrt übers Mittelmeer nicht. Aber ziemlich teuer ist sie schon. Manche Passagiere haben sich das Ticket von einem wohlhabenderen Verwandten schenken lassen. Andere haben monatelang hart gearbeitet und Geld gespart, um sich diese Reise leisten, sich diesen Traum verwirklichen zu können. Einmal, nur einmal im Leben, wollten sie auch dort sein, wo die Reichen und Unbeschwerten sind.

Man hat es ja schon so oft im Fernsehen gesehen: Menschen, deren blonde Schöpfe im Wind wehen. Menschen mit sauberen Kleidern und interessanten Jobs und kleinen Alltagsverwicklungen, die sich locker, mit einem Scherz auf den Lippen, bewältigen lassen. Menschen, die Problemchen haben, aber keine existenziellen Krisen. Ach, muss der Moment schön sein, wenn man erst einmal an Bord ist, hat man sich gedacht. Wenn man das Festland mit allen Sorgen hinter sich lassen kann, und das Schiff endlich ablegt, hinaus aufs offene Meer.

Dass die Reise auch schief gehen kann – klar hat man das gewusst. Ängstliche Verwandte haben einen gewarnt, was alles passieren kann: Hohe Wellen, Maschinenschaden, Feuer an Bord. Sogar der Reiseveranstalter hat offen gesagt: Eine absolute Sicherheitsgarantie gibt es nicht. Es sind schon Menschen gestorben bei solchen Reisen. Unglücke können geschehen, und man weiß nie, wen es trifft. Aber es wird schon alles gut gehen.

Dann jedoch weht der Wind stärker als der Wetterbericht vorausgesagt hat. Das Schiff ist in einem schlechteren Zustand ist als vermutet. Man schlägt auf einen Felsen, die Bordwand leckt, das Schiff kippt. Im Moment der Seenot erweist sich die Professionalität des Reiseveranstalters. Wer Pech hat, sitzt auf einem Schiff mit unfähigem, panischem, überfordertem Personal, muss zuschauen, wie der Kapitän als erster über Bord geht, um sich in Sicherheit zu bringen. Und alle anderen Passagiere, Frauen, Männer, Jugendliche, Schwangere, kleine Kinder, im Stich lässt.

In aktuter Lebensgefahr steigt die Verzweiflung. Man sieht ganz in der Nähe Land, die rettende Küste, aber keiner kommt zu Hilfe, um einen aus dem Wasser zu fischen. Man sieht ganz in der Nähe Boote vorbeifahren: aber selbst wenn man ins Wasser springt und laut um Hilfe ruft, nützt das nichts. Die Beamten der Küstenwache holen einen nicht etwa an Bord, sondern drängen einen weiter ab – weg von der rettenden Küste, immer weiter hinaus in die tödlichen Wellen, aufs offene Meer. Wo man verdursten wird, ertrinken oder von Fischen gefressen, in irgendeiner Reihenfolge.

Nein, so schlimm war nicht bei den Passagieren der Costa Concordia. Aber genau so schlimm ist es bei anderen Passagieren auf dem Mittelmeer, wo nach Schätzungen des UNO-Flüchtlingshilfswerks jährlich etwa 1500 Menschen auf der Überfahrt von Afrika nach Europa zu Tode  kommen. 28 in jeder Woche. Vier jeden Tag.

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