Bildungsnahe Eltern nehmen die Entscheidung über die richtige Volksschule für ihr Kind sehr ernst. Oft noch ernster als notwendig.

Kommentar: Sibylle Hamann

Wer ein Kind im Vorschulalter hat, weiß, was in diesen Tagen los ist: Es ist Anmeldezeit für die Erstklässler. Seit Monaten schon kommt kein Kindergeburtstag und kein Plausch beim Billa ohne das alles bestimmende Thema aus. Und, wieviele habt ihr schon angeschaut? Wisst ihr schon? Bei manchen Eltern setzt die Schulpanik schon ein, kaum dass ihr Kind eine Sandschaufel halten kann: A. hat gehört, in der Schule B. sei eine besonders engagierte Direktorin am Werk. Schule C. hingegen sei nicht mehr so gut wie ihr Ruf. Neulich hat D. eine arge Geschichte aus der Schule E. erzäht. Was, echt? Und ob es was bringen würde, noch einmal persönlich bei Direktorin F. auf der Matte zu stehen, um ganz sicher zu gehen, dort in drei Jahren einen Platz zu kriegen?

Nein, es ist keine leichte Entscheidung. Schließlich will man alles richtig machen, und es scheint unendlich viele Möglichkeiten zu geben, alles falsch zu machen.

Meine Lieblingsgeschichte dazu ist die von Freundin K. und ihrem aufgeweckten, aber nicht ganz einfachen Sohn Leo. Nach konfliktträchtigen Jahren in verschiedenen Kindergärten (vielleicht braucht er Montessori) meldete sie Leo in der kirchlichen Privatschule an (vielleicht tun ihm die klaren Strukturen gut). Nach konfliktträchtigen zwei Jahren flog er raus, und K.  wollte es bang in der Lernwerkstatt versuchen, einer der begehrtesten öffentlichen Reformschulen (vielleicht hilft fortschrittliche Pädagogik). Auf dem Weg dorthin verirrte sie sich, fragte eine Passantin nach dem Weg „zur Volksschule“, die schickte sie zur No-Name-Schule ums Eck, wo man sofort freudig die Anmeldung entgegennahm. Leo geht es seither prächtig.

Was diese Geschichte verrät? Dass es normal ist, „das Beste“ für sein Kind zu wollen. Dass es aber nicht ganz leicht ist, im Vorhinein zu erraten, was dieses Beste sein wird. So viele Tage der offenen Tür man auch besucht – worauf soll man dabei achten? Ist der schöne Garten wichtiger als die Zahl der Akademikereltern? Sind die vielen Muttersprachen ein Pro oder ein Kontra? Integrationsklasse oder Mehrstufenklasse?  Und wieviel Montessori darfs denn sein?

Erstens sind Kinder verschieden. Zweitens ist das, was Eltern gefällt, selten deckungsgleich mit dem, was ihrem Kind gefällt. Und drittens kann sich alles, was man bei der Schulwahl besonders wichtig genommen hat, als völlig irrelevant herausstellen – weil später etwas ganz anderes den Alltag und das Seelenleben des Kindes dominiert. Der Konflikt mit einem anderen Kind, zum Beispiel. Eine besonders tolle oder besonders destruktive Gruppendynamik in der Klasse. Der Straßenlärm in der Förderstunde. Die Hitze im Dachgeschoß. Die überforderte Freizeitbetreuerin. Oder der Hund am Heimweg.

Zentral ist der Klassenlehrer, die Klassenlehrerin. Welche/r das sein wird, ist jedoch ein Geheimnis, das keine Schule bei der Anmeldung preisgibt. Ja, es gibt gute und schlechte Lehrer. Aber es gibt auch Lehrer, die für ein Kind genau richtig sind, und für ein anderes total falsch. Und selbst wenn man die Idealperson Jahre im Voraus ausgespäht hat, kann es vorkommen, dass sie in den Sommerferien plötzlich schwanger wird und ausfällt.

Viele Zufälle sind also im Spiel. Was die Sache für Eltern, die nichts – und schon gar nicht ihr Kind – dem Zufall überlassen wollen, nicht einfacher macht.

Zur Enspannung kann da vielleicht eine Langzeitstudie aus Chicago dienen, die Steven Levitt und Stephen Dubner in ihrem Bestseller „Freakonomics“ beschrieben: Ursprünglich mussten Kinder in Chicago die Schule ihres Sprengels besuchen, im Jahr 1980 gab die Stadt die Schulwahl frei. Etwa die Hälfte der Kinder bewarb sich daraufhin um Plätze an einer Schule außerhalb des eigenen Sprengels. Der Andrang bei „guten Schulen“ war klarerweise riesig. Um die Auswahl fair zu gestalten, wurden die Plätze dort verlost.

Ergebnis war ein riesiger statistischer Datenpool, aus dem man die Auswirkung der Schulwahl auf den weiteren Bildungserfolg der Kinder ablesen kann – erleichtert dadurch, dass Schulleistungen in den USA standardisiert abgetestet werden und deswegen gut vergleichbar sind. Die Erkenntnis war überraschend. Die Statistik zeigte nach mehreren Jahren nämlich tatsächlich einen deutlichen Leistungsunterschied. Allerdings nicht zwischen jenen Kindern, die die Lotterie gewonnen, und jenen, die sie verloren hatten. Sondern zwischen jenen, die an der Lotterie überhaupt teilgenommen, und jenen, die einen Schulwechsel von vonherein überhaupt nicht in Betracht gezogen hatten.

Offenbar war nicht die „bessere Schule“ für die besseren Leistungen verantwortlich, sondern die Tatsache, dass die Kinder aus einer bildungsnahen, an in ihrem Wohlergeben interessierten Familie kamen, in der man sich über Schulfragen Gedanken gemacht hatte.

Nein, das Chicagoer Paradox ist nicht hundertprozentig auf österreichische Volksschulen übertragbar. Aber es entspricht dem, was erfahrene Pädagogen und Pädagoginnen oft erzählen: Dass Kinder Anregungen brauchen, um ihre Intelligenz zu entfalten. Dass sie aber, wenn sie daheim Fragen und Neugierigsein und Selbsvertrauen gelernt haben, in der Lage sind, sich diese Anregungen aus den unterschiedlichsten Umfeldern zu holen.

Den größten Unterschied macht die „richtige Schule“ für jene Kinder, die bildungsfern aufwachsen. Bei denen jedoch wird darüber am wenigsten nachgedacht.

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