Bin ich die einzige, die hier Gänsehaut kriegt?
Millionen Menschen reihen sich, weil sie ein halbstündiges PR-Video gesehen haben, in eine globale Armee ein. Es geht für das Gute und gegen das Böse. Und ist dennoch unheimlich.
Sibylle Hamann
Eine Auslandsredakteurin, die vor zehn oder fünfzehn Jahren in einer Zeitung einen Bericht über Uganda unterbringen wollte, brauchte Überredungskunst. Dass Joseph Kony, ein Warlord mit christlichem Sendungsbewusstsein, im Norden Ugandas Krieg führte, Zivilisten terrorisierte, Kinder entführte – das konnte man erklären. Aber auf die Killerfrage, die stets folgte, fiel einem nie eine Antwort ein: Warum sollte das die Menschen hier interessieren? Wo ist der Österreich-Bezug? Was geht uns das an? So kam es, dass Kony, Führer der Lord’s Resistance Army (LRA), als Kriegsverbrecher zwar seit 2005 auf der Fahndungsliste des internationalen Strafgerichtshofs steht, dem globalen Medienpublikum aber weitgehend unbekannt blieb.
Seit vergangener Woche ist das anders. 50, 60 oder gar schon 100 Millionen Facebook-Mitglieder haben da innerhalb weniger Tage ein 27minütiges Propaganda-Video gesehen und mit vor Ergriffenheit zitternden Fingern den „Teilen“-Button gedrückt. Seither lautet die Killerfrage anders herum: Wie, um Himmels willen, konnten wir bei diesen Verbrechen so lange wegschauen? Wo uns Jason Russell, der Filmemacher, und sein süßer Sohn Gavin daran erinnern, dass „wir alle“, in Norduganda, Nebraska und Niederösterreich, zusammengehören?
Ja, lautet Russells Predigt, wir können gegen das Unrecht etwas tun. Wir müssen nur wollen, sharen, liken, T-Shirts mit Kony-Aufdruck kaufen, Armbänder tragen, Plakate auf jede Hauswand kleben, Teil der großen Bewegung werden, und unsere Politiker so dazu zwingen, Soldaten nach Zentralafrika zu schicken, den Verbrecher zu schnappen, vor Gericht zu stellen und einzusperren. „So verändern wir, in diesem Moment beginnend, den Lauf der Geschichte.“
Utilitaristisch betrachtet, könnte man sagen: Manchmal funktioniert Außenpolitik tatsächlich genau so. Es hat schon Kampagnen für üblere Ziele gegeben, und wenn diese dazu führt, dass ein Massenmörder vor Gericht gestellt wird, geschieht nichts Verkehrtes.
Bang wird einem dennoch. Nicht, wo es um den bösen Kony, sondern dort, wo es um die Abermillionen Guten geht. Jene, die konsequent „wir“ genannt werden, weil wir, dem Internet sei Dank, „einander nun endlich sehen und einander beschützen können“. All jene, die einen wohligen Schauer dabei empfinden, wie „wir jetzt alle zusammenstehen“. Und sich von einem feschen, ihnen bis dahin jedoch völlig unbekannten Mann Sätze sagen lassen wie: „Das Spiel hat jetzt neue Regeln…Wir verändern die Art, wie die Welt funktioniert….Ich sage euch genau, wie…. Es gibt dafür ein paar ganz einfache Werkzeuge.“
Millionen Menschen propagieren, nachdem sie ein halbstündiges Video gesehen haben, eine militärische Intervention in einem fernen Land: Wie schnell das geht, kann einen erschrecken. Was, wenn sich die geballte Energie der nächsten Kampagne nicht gegen Kony, sondern gegen Bony oder Zony wendet? Reicht dann auch der Zeigefinger des süßen kleinen Gavin, der ihn zweifelsfrei als „bad guy“ identifiziert? Oder holen die Millionen dann zumindet noch eine zweite Meinung ein?
„Jene, die hoffnungslos waren, haben jetzt Hoffnung“, heißt es im Video. „Wir sind eine Armee junger Menschen….We will not stop, we will not fear….The better world is coming“. Bin ich die einzige, die solche Phrasen als Drohung empfindet?
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Sehr geehrte Frau Hamann! Ich habe heute Ihr Fragegespräch auf Radio Niederösterreich über Ihr neues Buch gehört. Sie sind eine kluge Frau. Mit besten Grüßen, Paul Rittler