Die Sechzigerjahre waren nicht ganz so sexy, wie man denkt
“Mad Men” ist eine tolle TV-Serie. Aber nicht etwa, weil sie so schön anzuschauen ist. Sondern weil sie die Brutalität einer Ära offenbart.
Sibylle Hamann
In diesen Tagen wird viel geschrieben über eine Fernsehserie, die in Österreich gar nicht zu sehen ist. Das spricht einerseits gegen den ORF, der uns wichtige Kulturgüter vorenthält. Andererseits spricht es für die Kreativität und Strahlkraft der amerikanischen Filmindustrie. Was die dortigen TV-Sender nämlich in den letzten 10, 15 Jahren hervorgebracht haben (von “West Wing” über “The Sopranos” und “The Wire” bis hin zu “Treme” und “Mad Men”), übertrifft an thematischem Mut, handwerklicher Präzision und gesellschaftspolitischer Analyse alles, was öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten im deutschsprachigen Raum hervorbringen.
“Mad Men” also – jene Serie, die in einer New Yorker Werbeagentur der 1960er Jahren spielt. Hochglanzmagazine überbieten einander in Huldigungen und opulenten Fotostrecken. Sie loben die Eleganz der Büroeinrichtung, die gut geschnittenen Anzüge, die selbstbewusste Coolness, mit der man sich da traute, sich morgens um 9 schon einen Whiskey einzuschenken. Und die Frauen erst! Die klimpernden Wimpern. Die schmachtenden Blicke. Die hochhackigen Pumps. Die prachtvollen Busen und ausladenden Hinterteile. Soviel Sex, soviel Stil!
Flugs wurde ein Modetrend ausgerufen, seither wird Sixties gespielt. Christina Hendricks, die kurvige Darstellerin der Chefsekretärin Joan, wird als Stilikone und neues Rolemodel gefeiert, und Frauen machen es ihr nach. Die Taillien werden eng gezurrt, die Mieder ausstaffiert: Wie aufregend sich das anfühlt, wieder begehrenswert zu sein! Umgekehrt schwelgen Männer in der Phantasie, nach Jahrzehnten der Korrektheit endlich alle Rücksicht fahren zu lassen, um die Wette zu trinken, zu rauchen, Mädchen zu begrapschen, alles erlaubt, Hauptsache, man fragt vorher nicht. Muss das geil gewesen sein damals, als Männer noch richtige Männer, und Frauen noch richtige Frauen waren!
Den Modetrend kann man allerdings nur so erklären, dass jene, die sich an der “Mad Men”- Ästhetik berauschen, die Serie gar nicht gesehen haben. Oder dass das Schauen sie vom Zuhören abgehalten hat. Denn das Großartige an daran ist nicht etwa schwärmerische Nostalgie, sondern das totale Gegenteil: Wie auf dem Seziertisch legt “Mad Men” die Brutalität bloß, die in dieser Ära schlummert.
Sie zeigt das heulende Elend am Klo, wohin sich Sekretärinnen vor den dauernden Übergriffen und Kränkungen flüchten und tapfer versuchen, den Lidstrich nachzuziehen. Sie zeigt die perverse Sexualmoral, die Frauen nichts und Männern alles gestattete. Sie zeigt die Angst – vor Schwangerschaften, Mobbing, Ausgrenzung. Sie seziert die absurden Hierarchie- und Demütigungsrituale in der Arbeitswelt, die Rollenzwänge, die auch die Männer zu getriebenen, in Konventionen gefangenen Menschen machte. Und man ahnt, wie viel von all dem auch heute noch in unseren Köpfen drinsteckt. Insbesondere, was den Umgang der Geschlechter betrifft.
Man kann in “Mad Men” der frustrierten Hausfrau zuschauen, wie sie hochschwanger und kettenrauchend am Küchentisch sitzt und ihre Depression in Alkohol ertränkt. Klar kann man dabei, wenn man unbedingt will, ihre wunderschön ondulierten blonden Locken bewundern. Aber leben wie sie? Zurück in die Sechziger, weil die Menschen da sexier ausgesehen haben? Nein, lieber nicht.
Allein schon für diesen Aufklärungs- und Bildungszweck wäre Österreich geholfen, wenn der ORF “Mad Men” schleunigst ins Programm nimmt.
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Die sechziger waren bei Weitem nicht so rosig, wie die Presse die Allgemeinheit glauben lassen will.
Die Darstellungen in Mad Men sind teilweise schon grenzwertig, wenn auch in den meisten Fällen wohl noch “untertrieben”: Die Wahrheit ist wohl, dass Frauen in den 60ties wohl noch deutlich schlechter behandelt wurden, als in Mad Men dargestellt?