Der Bildungsvorsprung von Frauen wird sich in den nächsten Jahren in der Arbeitswelt niederschlagen. Zwangsläufig. Aber mit Widerstand ist zu rechnen.

Kommentar zum Frauentag

Es ist wieder einmal Frauentag. Am 8. März, wie jedes Jahr. Neu ist, dass zum Frauentag immer weniger von den „armen Frauen“ die Rede ist. Und immer mehr von den „armen Männern“. Sollten wir nicht endlich aufhören, über die längst beseitigten Benachteiligungen von Frauen zu reden, und uns den akut viel drängenderen Problemen widmen? Den armen Buben, die in den verweiblichten Schulen zu kurz kommen? Den armen Jungmännern, die zum Bundesheer müssen? Den armen Scheidungsvätern, die um ihre Kinder kämpfen? Und den armen Senioren, die ihr ermäßigtes Ticket für die Wiener Linien erst fünf Jahre später bekommen als die Seniorinnen? Sind all die nicht die wahren Verlierer in unserer Gesellschaft? Während die ewig jammernden Frauen Privilegien auf Privilegien stapeln?

Diese Tirade hört man oft. Man kann sie reflexartig beiseite wischen, mit einer so schlichten wie wahren Replik: Seid nicht so wehleidig. Schaut euch die Fakten an, bevor ihr lamentiert. Die Gehaltsschere, die Teilzeitstatistik, der Frauenanteil in Führungspositionen, der Männeranteil in Karenz, die Verteilung unbezahlter Arbeit, das Armutsrisiko: Weit und breit lässt sich aus all diesen Daten kein Indiz für systematische Männerbenachteiligung herauslesen. Wenn manche Männern schon dieser Zustand schmerzt, wie muss sich für die dann erst richtige Gleichberechtigung anfühlen?

Wenn man will, kann man das Lamento – und die dahinter verborgenen Ängste – jedoch auch ernster nehmen. Und, zumindest aus der Ferne, Zahlen heranschaffen, die es nähren. Zum Beispiel diese: In den Großstädten Amerikas verdienen Frauen, die jünger als 30 sind, mittlerweile mehr als gleichaltrige Männer, im Durchschnitt um 8 Prozent. Spitzenreiter sind Memphis und Atlanta (20%) im Süden, dann folgen New York City, San Diego und Los Angeles. In höheren Positionen stellen Frauen der jüngeren Generation dort mittlerweile knapp die Mehrheit. Das gab es in der Geschichte noch nie.

Theoretisch ist das eine völlig logische Entwicklung. Seit vielen Jahren schon machen Mädchen in den USA, ebenso wie in Europa, die Mehrzahl der höheren Schulabschlüsse, mit durchschnittlich besseren Noten als die Burschen, seit einigen Jahren schließen sie auch mehr Universitätsstudien ab. Dass sich dieser Ehrgeiz- und Qualifikationsschub irgendwann im Lohnniveau niederschlagen würde, war absehbar. In den USA, wo der Kapitalismus direkter funktioniert, und wo auf dem Jobmarkt Kosten kühler gegen Nutzen abgewogen werden, ging es schneller. In Österreich, wo Beziehungen, Gewohnheiten, Seilschaften und „das war schon immer so“ den Status Quo besser einzementieren, dauert es länger. Aber langfristig lässt sich der Zug auch hierzulande nicht aufhalten. In den nächsten zehn, zwanzig Jahren wird sich die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Arbeitswelt durchsetzen müssen.

Können wir uns nun also alle zurücklehnen, und ganz entspannt dabei zuschauen, wie der historische Fortschritt seinen Lauf nimmt, ganz von selbst? Nein, können wir nicht. Weil jede Umwälzung dieses Ausmaßes verstört. Weil jede Umverteilung zwangläufig bedeutet, dass irgendwem etwas weggenommen wird – sei es Geld, Macht, Status oder Zeit. Weil niemand, der selbstverständliche Privilegien genießt, diese sofort bereitwillig hergeben wird. Er kann ja nicht wissen, ob sich der Verzicht auszahlt, was man im Gegenzug dafür eventuell bekommt, und wie sich der neue Zustand am Ende anfühlen wird.

Mit Widerstand ist also zu rechnen. Und je hoffnungsloser er wird, je zwangsläufiger die Entwicklung, die er aufzuhalten versucht,  desto lauter werden normalerweise die Argumente, desto fieser die Tricks, und desto brutaler die Methoden. Mehrere Phasen hat der Feminismus da über die Jahrzehnte hinweg schon erlebt: Erst wurde er ignoriert, dann machte man sich über ihn lustig. Mal behauptete man, seine Forderungen seien maßlos, ein andermal, sie seien ohnehin längst erfüllt und daher überflüssig. Dann begann man, einzelne Feministinnen öffentlich zu verhöhnen, und Frauen gegeneinander auszuspielen. Seit auch das nichts mehr hilft, schaltet man neuerdings auf Ablenkung: Orientierungslose Buben, ratlose Männer, schwach, erniedrigt – habt ihr das wirklich so gewollt? Gefällt euch das? Plagt euch denn gar kein schlechtes Gewissen, angesichts des Elends, das ihr hier angerichtet habt?

Zielsicher finden die Betonierer damit einen wunden Punkt. Frauen, die von klein auf gelernt haben, Rücksicht zu nehmen, und stolz drauf sind, nie jemandem weh zu tun, packt man am besten, indem man an ihren Gerechtigkeitssinn appelliert. Macchiavellistisch gedacht, können wir gleich noch ein paar Achillesfersen identifizieren: Die unter Frauen weitverbreitete Sehnsucht, es allen recht zu machen. Die Angst, körperlich unattraktiv zu sein und auf dem Beziehungsmarkt übrig zu bleiben. Die Sorge, als Mutter zu versagen. Das dringende Bedürfnis, geliebt zu werden; auch von jenen, die gar nicht so nett zu einem sind.

Bei den erwähnten jungen, gut ausgebildeten Amerikanerinnen in den amerikanischen Großstädten gibt es all das offenbar ebenfalls. Deren Vorsprung in der Arbeitswelt, zeigt die Studie, ist schlagartig dahin, sobald sie die magische Altergrenze von 30 überschreiten – und darüber nachdenken, eine Familie zu gründen.

Nein, vor der Gleichberechtigung der Geschlechter muss sich niemand fürchten, weder Männer noch Frauen. Aber auf dem Weg dorthin müssen wir damit rechnen, dass man es drauf anlegen wird, Frauen in ihren subjektiv und objektiv verwundbarsten Momenten zu erwischen. Und dass es noch ein paar mal weh tun wird.

 

 

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One Response to Es wird ein bisschen wehtun. Aber nur kurz.

  1. Margot Zartl sagt:

    Lb. Frau Hamann,
    stimmt alles, was Sie schreiben. Solange Männer (ziemlich) allein regieren, bauen sie lieber (leere) Fußballstadien als Kindergärten und kultivieren bes. am Land die alten Ideale von den Muttis, die zuhause die Kinderlein hüten – in Wirklichkeit investieren sie die meiste Arbeit in die Bedienung der Ehemänner, das ist für diese natürlich angenehm und nur starker, wirtschaftlicher Druck bringt Männer dazu, die Berufstätigkeit der Frauen zu unterstützen. Wie wir aus den Statistiken wissen, übernehmen sie trotzdem kaum Hausarbeit und Kinderbetreuung.
    Ich glaube, die fehlenden guten und ganztägigen Kinderbetreuungseinrichtungen sind der größte Hemmschuh für Frauen. LG M. Zartl

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