Ralf Bönt ist gerade dabei, sich zu häuten. Er hat eine schwere Krankheit hinter sich, versucht das Wichtige vom Unwichtigen im Leben zu trennen, hadert mit sich, ist auf der Suche nach Liebe. Echter Liebe. Und erfüllender Sexualität. Es ist eine aufregende, aufwühlende, schmerzhafte Phase, die dieser Mann grade durchmacht. Aber weil er ein Schriftsteller ist und gut mit Sprache umgehen kann, hört man ihm dabei gern zu.

Zum Beispiel wie er erzählt, was alles falsch lief, als er zum ersten Mal Vater wurde. Wie er sich ausgeschlossen fühlte aus der Mutter-Baby-Symbiose. Die Scham, die Verletzung, die er empfand, als er zum Beobachter degradiert wurde. We er sich, wie so viele Väter, in Arbeit flüchtete, immer mehr Arbeit, um diese Scham auszuhalten, sich immer fremder wurde, bis er endlich wieder zu sich kam. „Eines Tages kündigte ich die Bereitschaft, die Rechnungen zu bezahlen, und forderte Zeit, die ich allein mit ihm verbrachte. Es war der Bruch aller nie ausgesprochenen Vereinbarungen. Meine Weigerung war der Beginn einer eigenständigen Beziehung zu meinem Sohn.“

Genau so ist es gut. Und man möchte den Autor, der in Talkshows derzeit landauf, landab offensiv den Schmerzensmann zelebriert, in solchen Momenten in den Arm nehmen und aufmuntern, ganz vorsichtig allerdings, weil er sehr sensibel ist: Ja, genau solche Momente brauchen wir, solche Ehrlichkeit, solche Brüche, millionenfach, wenn wir, Männer wie Frauen, uns aus den traditionellen Rollen lösen wollen, die uns das Patriarchat in jahrhundertelanger Manipulationsarbeit aufgezwungen hat.

Bönt hat Recht, wenn er zu seiner Litanei anhebt, und all die Leiden und die Schäden auflistet, mit denen der Mann für seine ökonomischen Vorteile bezahlt. Er lebt kürzer. Hat verlernt, in sich hineinzuhorchen, betreibt rücksichtlosen Raubbau an seinem Körper, begreift sich als Maschine, die stets funktionieren muss, darf nicht schwach sein, brennt aus, übt sich in absurden Konkurrenzritualen, sucht Trost in Porno und Krieg und Sport und Sportwagen, um sein verzweifeltes Bedürfnis nach Nähe zu kompensieren.

Ja, was das Patriarchat vom Mann verlangt, kann wirklich einengend und grausam sein. Und ja, es ist „komisch, dass Männer nie aufbegehrten. Dass sie nie den Vergleich der Lebensqualitäten anstellten, während sie so massiv um Zulassung der Frauen zu ihrer maskulinen Welt angegangen wurden. Dass sie nie sagten: Okay, nehmt, was ihr wollt, und gebt, was ihr habt.“

In diesem Sinn ist Bönts Manifest tatsächlich, wie der Titel behauptet, „notwendig“. Und weil es notwendig ist, begleitet man den Autor wohlwollend durch sein Buch, bis in die finstersten Nischen seines Begehrens, bisweilen durch schlammiges, ressentimentgetränktes Terrain, auch durch manch peinlichen Moment hindurch. Ist schießlich keine sauber gescriptete Sache, so eine Selbstfindung. Aber das wissen wir ja aus der Geschichte der Frauenbewegung.

Womit wir jedoch bei dem einen großen Missverständnis wären, das diesen Text durchtränkt und ihn ein bisschen seltsam macht: Warum bloß zieht Bönt permanent über den Feminismus her? Beinahe obsessiv arbeitet er sich an Alice Schwarzer ab, so als hätte sie ihm persönlich die Kastration angedroht. Er stellt die „Revolutionshüterinnen“ an den Pranger, die „verbissenen ewigen Streiterinnen“, die „laut schreien“ und „niemals zufrieden“ sind.

Spätestes an der Stelle, wo er „die feministische Selbstfindungs- und Empörungsliteratur“ verspottet, hätte Ralf Bönt ein Licht aufgehen müssen: Dass er mit denen, die er anklagt, im selben Boot sitzt. Dass es nicht die Frauen und schon gar nicht die Feministinnen sind, die ihm Karriere, Konkurrenz, Porno, Sportverletzungen und Sportwagen aufzwingen. Sondern dass die im Kampf gegen Rollenzwänge eigentlich seine besten Verbündeten sind.

 

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