Was wir von Guerilla-Gärnern und Hausbesetzern lernen können: Städte brauchen Momente der Selbstermächtigung und Inseln der Anarchie. Ein paar, zumindest

In Wien sind derzeit zwei Ausstellungen zu sehen, die sich mit verwandten Themen beschäftigen: Im Wien Museum sind die Wiener Hausbesetzungen der letzten 30 Jahre dokumentiert, von der Arena bis zur Gassergasse, vom WUK bis zur Pankahyttn. Im Architekturzentrum geht es um Brachflächen, die von Stadtbewohnern usurpiert werden, um dort Buschbohnen, Gurken oder Sonnenblumen anzupflanzen; in Berlin, Istanbul, Paris oder Quito.

Im einen wie im anderen Fall werden Gesetze übertreten, Vorschriften missachtet, jemandes Eigentumsrechte verletzt. Im einen wie im anderen Fall setzt sich deswegen mitunter die Staatsgewalt in Bewegung, um die Landnahmen gewaltsam zu beenden, die illegalen Besetzer zu vertreiben und „Ruhe und Ordnung“ wiederherzustellen. So weit, so logisch.

Aber wenn man sich diese Bilder anschaut, das rührende Durcheinander, die zarten Spuren neuer Ordnungen, die oft widersprüchlichen Zeugnisse versuchter Selbstorganisation, wird auch spürbar, wie dringend Städte so etwas brauchen, wenn sie nicht in Ruhe und Ordnung erstarren wollen: Momente der Selbstermächtigung. Inseln der Anarchie. Und wer solche Grenzüberschreitungen selbst einmal erlebt hat, weiß, wie wichtig sie sein können – für die ganze weitere Biographie.

Für ältere Menschen war vieles von dem, was hier gezeigt wird, schließlich ganz normal. Als sie jung waren, gab es undefinierte Flächen ohne klar zugewiesenen Zweck zuhauf. Am Land sowieso, aber auch in der Stadt. Die Gstättn auf dem Nachbargrundstück. Der verlassene Steinbruch. Die leerstehenden Lagerhallen. Der zugewachsenen Obstgarten. Oder, in meinem Fall: Die seit Jahren unbewohnte, verfallende Villa mit verwildertem Park, drei Straßen weiter, in die man durch einen löchrigen Zaun und eine unversperrte Kellertür einsteigen konnte; und einstieg. Freiräume waren das, in mehrfachem Wortsinn: Frei von Kontrolle, und ebenso frei von Nutzungszuschreibungen.

Schaut man sich heute um, merkt man: Diese Orte sind ausgerottet. Verwilderte Grundstücke gibt es kaum mehr, Häuser leer stehen zu lassen, leistet sich angesichts der Quadratmeterpreise niemand lang, in jeder Baulücke wird sofort ein mehrgeschossiger Wohnblock hochgezogen, die vorgemerketen Käufer warten schon. Ungenützter Raum, wo es ihn dennoch gibt, ist heute fast immer ein um viel Geld erworbenes Privileg. Das hinter hohen Mauern versteckt, von privaten Sicherheitsdiensten bewacht und von scharfen Hunden verteidigt wird. Die Restflächen, die eventuell noch übrig bleiben, werden den Autos geschenkt. Jede freie Fläche im Straßenraum, jeder befahrbare Hinterhof, jede ungenützte Gewerbefläche, wird, ehe man sich’s versieht, zum informellen Parkplatz.

Sogar in öffentlichen Parks, die im Prinzip uns allen gehören, hat Unvermutetes kaum eine Chance. Jeder Park wird in Sektoren aufgeteilt, jede Zielgruppe bekommt ihre Territrorium samt Beschäftigung zugewiesen: Hier die Bänke für die alten Leute, dort die Ballkäfige für die männlichen Jugendlichen, hier die Hunde, dort die Kleinkinder, da die Gastronomiezonen. Betreuung, Bespaßung, Konsumation, Programm überall, Erwartungen werden erfüllt, und gemeinsam absolviert man, was das Drehbuch „Kindheit“ oder „Freizeit“ nennt.

Ja, Regeln sind wichtig, wenn man auf engem Raum miteinander lebt. Aber nicht alles, was das urbane Leben ausmacht, lässt sich vorwegnehmen, in Hausordnungen fassen und ein für alle mal ausformulieren. Die Guerilla-Gärtner und die Hausbesetzer erinnern uns daran.

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