Arbeit wird in Österreich als Plage wahrgenommen, und die Pension als Erlösung. Solange, bis man die Arbeit verliert oder in der Frühpensionsfalle sitzt.

Sibylle Hamann

Es waren zwei Nachrichten, die sich tragisch ineinander verschränkten. Im Lokalteil der Zeitungen brachte es jener 56jährige Steirer zu überregionaler Bekanntheit, der sich mit einer Motorsäge selbst den Fuß amputierte, um in Invaliditätspension gehen zu können. Im Wirtschaftsteil wurde, ungefähr gleichzeitig, von einer Schweizer Studie berichtet, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen Frühpension und Lebenserwartung feststellte: Ein Mann, der ein Jahr früher in Pension geht, muss damit rechnen, zwei Monate früher zu sterben. Weil er, statistisch gesehen, ungesünder lebt als seine arbeitenden Alterskollegen, unglücklicher ist, mehr raucht, mehr trinkt, und häufiger Unfälle erleidet.

Der eine verzweifelt an der Langzeitarbeitslosigkeit, fühlt sich wertlos, und sieht die vorzeitige Pensionierung als Ausweg. Doch jene, die diesen Ausweg bereits genommen haben, die Frühpensionisten, fühlen sich kaum besser. Ist das ein Widerspruch? Nein. Es zeigt zwei Facetten desselben Gesellschatfsdramas. Es zeigt, wie viel Arbeit für Menschen, ihr Selbstbild, ihr Selbstbewusstsein bedeutet. Auch – oder gerade – dann, wenn sie beteuern, wie sehr sie sich freuen, endlich, endlich! nicht mehr arbeiten zu müssen.

„Arbeit“: wir sprechen dieses Wort oft klagend aus, und sagen „Druck“, „Stress“ oder „Pflicht“ dazu. „Pflicht“ bedeutet jedoch gleichzeitig: Jemand will etwas von mir. Ich tue etwas, das ein anderer braucht. Ob ich da bin oder nicht, macht einen Unterschied – wenn auch nur einen winzigkleinen. Das ist eine Art Beziehung zu anderen, die einen in der Welt hält. Wie wichtig die ist, spürt man erst, wenn sie gekappt wird.

Frauen kommen mit diesem Schock wesentlich besser zurecht. Offenbar haben sie besser gelernt, sich nicht ausschließlich über die Lohnarbeit zu definieren; und nebenher Interessen zu pflegen, die ihnen Bestätigung geben. Work-Life Balance heißt das. Männer täten gut daran, sich das von Frauen abzuschauen, und die Gesellschaft täte gut daran, es ihnen zu erleichtern.

„Endlich in Pension gehen“ ist nämlich ein trügerisches Versprechen: Endlich Zeit haben für alles, was man nie gemacht hat! Nur ein paar Jahre noch die Zähne zusammenbeißen, möglichst viele Überstunden machen, alle Bedürfnisse und Sehnsüchte verdrängen und auf „nachher“ verschieben, denn „nachher“ wird die Zeit unendlich und die Freiheit grenzenlos sein! Sehr oft ist die Falle da bereits zugeschnappt. Wer vorher nicht liest, fängt nachher nicht plötzlich zu lesen an. Interesse für Kultur, für die Natur, fürs Kochen, fürs Reisen wächst langsam, setzt Vertrautheit voraus, lässt sich nicht anknipsen wie ein Lichtschalter. Wer vorher „keine Zeit“ für körperliche Bewegung hatte, dem werden auch nachher genügend Ausreden einfallen. Und wer jahrzehntelang mit der Schwägerin und den Nachbarn nichts anzufangen wusste, kann nicht damit rechnen, dass die plötzlich als Freunde zur Verfügung stehen.

Im europäischen Vergleich haben österreichische Männer extrem lange Wochenarbeitszeiten und lange Arbeitswege. Gleichzeitig gehen sie am frühesten in Pension. Als Ausgleich quasi, für all die Mühsal. Doch genau hier liegt der fatale Irrtum.

Denn das eine lässt sich nicht mit dem anderen kompensieren. So wie sich vieles im Leben nicht „auf später“ verschieben lässt. Die Kinder und die Enkel zum Beispiel, die sind dann längst nicht mehr da.

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One Response to Nein, das Leben lässt sich in der Pension nicht nachholen

  1. Paul Rittler sagt:

    Grausig und traurig! :-(

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