Ein Pressefoto ist nie ein dokumentarischer Ausschnitt der Welt. Es ist immer auch Inszenierung. Aber wo fängt die Lüge an?

Was tut ein Mensch, wenn sich eine Kamera nähert? Irgendetwas tut er immer. Entweder er lächelt spontan. Er bemüht sich, sein Doppelkinn zu verbergen. Oder er wirft sich in Pose.

Wenn ein Kind, das mit einer Plastikpistole spielt, fotografiert wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es irgendwann die Pistole auf das Objektiv richten und „paff, paff“ macht. Der Fotograf Livio Mancini hat genau das im Kosovo erlebt, am Ortsrand von Gjakova. Dort lebte, zumindest vor vier Jahren noch, eine Roma-Sippe. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt damit, den Müll zu sortieren und alles Verwertbare weiterzuverkaufen. „Diese Kinder kennen nur diese Müllhalde, ihren verseuchten Spielplatz“, berichtet Mancini. „Ich habe sie fotografiert, als die Stadtverwaltung wegen der Bodenvergiftung versuchte, sie von dort abzusiedeln.“

Vor zwei Wochen fand Mancini sein Bild auf dem Cover der Schweizer Wochenzeitung „Weltwoche“ wieder, mit dem Titel „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“. „Ich hatte keinen Kontakt mit der Weltwoche, und habe keine Kontrolle darüber, in welchem Zusammenhang mein Bild verwendet wird“, sagt der Fotograf.

Der damals dreijährige Bub wird heute sieben sein. Sehr wahrscheinlich, dass er nie in die Schweiz kam, um Schweizer auszurauben. Lügt dieses Bild also? Lügt der Text? Oder geht es gar nicht um den konkreten Buben und die konkrete Pistole, sondern bloß um die symbolische Illustration für die Behauptung, Roma seien von Kindesbeinen an räuberisch veranlangt? Und wenn ja: Darf man das, journalistisch gesehen, machen – mit diesem Fotografen, diesem Foto, diesem Buben?

Die „Weltwoche“ ist nicht das erste Blatt, das sich solchen Fragen stellen muss. Sie zielen direkt ins Herz des Fotojournalismus. Es geht darum, wer Bilder erzeugt, unter welchen Umständen, mit welcher Intention. Es geht darum, wer sie anschließend auswählt, inhaltlich einordnet und mit einer Botschaft auflädt. Je einfacher es wird, in jeder Lebenslage schnell mal ein Foto zu schießen und in Sekundenschnelle um die Welt zu jagen, desto brisanter werden diese Fragen. Doch umso seltener werden sie in Redaktionen gestellt.

Fotojournalismus ist ein hartes, aber legendenumwobenes Geschäft, insbesondere, wenn es um Kriege, Krisen, Katastrophen geht. Es sind meist Freelancer, die von einem Hotspot der Welt zum nächsten ziehen; Livio Mancini, laut seiner Website „ohne festen Wohnsitz“ zwischen Indien und Kuba, dem Balkan und Afrika unterwegs, ist einer von ihnen. Einige (wie James Nachtwey) haben es zu Kultstatus und Ruhm gebracht, einige kommen ums Leben, aber jährlich ziehen neue los, getrieben von der Hoffnung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und das eine Bild zu schießen, das zur Ikone wird.

„Wenn dein Foto nicht gut genug ist, warst du nicht nah genug dran“, formulierte der legendäre Robert Capa das Glaubensbekenntnis seiner Zunft. Das war in den Fünzigerjahren.

Bis heute gilt: Ein Bild wirkt immer stärker als die Buchstaben daneben. Ein Blick genügt, und Mitleid, Abscheu, Angst, Ekel oder Rührung bahnen sich direkt ihren Weg ins  Gehirn. Wer stark oder schwach ist, wer Opfer oder Täter – diese Einordnung ist längst getroffen, bevor ein Artikel gelesen wird. Obwohl mittlerweile jeder weiß, wie Photoshop funktioniert, und wie leicht es ist, auf Urlaubsfotos störende Menschen wegzuklicken oder Hintergründe auszuwechseln, ist unser Steinzeitgehirn immer noch gern bereit, ein Bild als „Beweis“ zu intepretieren. Erzählen kann schließlich jeder. Aber nur ein Foto dokumentiert: Ich war wirklich dabei.

Samuel Aranda gewann im vergangenen Jahr den World Press Photo Award. Sein Siegerbild zeigte eine mit Tschador verschleierte Jemenitin, die, einer christlichen Pieta gleich, einen verletzten jungen Mann im Arm hält. Das Bild „war nicht Absicht“, erzählt der Fotograf über die Situation, in der es entstand. „Es war chaotisch. Du schießt einfach ein Bild. Es ist was es ist. Wir sind bloß Fotografen. Ich bin nur ein Arbeiter. Ich war bloß Zeuge dessen, was da vor meinen Augen passierte, und habe abgedrückt. Mehr ist es nicht.“

So einfach ist das? Altmodisch, beinahe naiv klingt das im modernen globalen Medienzirkus. Und der berühmte amerikanische Dokumentarfilmer Errol Morris („The Thin Blue Line“) verweist die Idee, dass es jemals so einfach gewesen sei, ins Reich der Legenden. „Jedes Foto war und ist eine Inszenierung“, schreibt er. Jedes Foto bedeute, den Moment, den Fokus, die Perspektive, den Ausschnitt auszuwählen. „Jedes Foto ist auch immer ein Beweis. Die entscheidende Frage ist nur: Ein Beweis wofür?“

Auch Aranda hat seinen Preis nicht bloß für sein Bild bekommen. „Das Foto spricht für die gesamte Region“, hieß es in der Begründung der Jury; „für Jemen, Ägypten, Tunesien, Libyen, Syrien. Es ist, als ob alle Momente des arabischen Frühlings in einem Moment zusammenfallen.“ Erst die Botschaft, mit der das Bild aufgeladen wird, macht es bedeutsam. Es trägt schwer daran.

Ein Foto wird dann ausgewählt, abgedruckt und entlohnt, wenn es das Narrativ einer Geschichte, das aktuell auf der politischen Agenda steht, möglichst prägnant zusammenfasst. Je komplizierter die Geschichte, desto einfacher müssen die Signale sein. So hat sich eine ganz eigene Codesprache entwickelt, die auf den ersten Blick zu entschlüsseln ist. Vermummung bedeutet: Widerstand. Vollvisierhelme: Staatgewalt. Burka: Unterdrückung. Eine gelüpfte Burka: Befreiung. Risse in der Erde: Hunger. Ein Stofftier in den Trümmern: Hier sind Kinder (=Unschuldige) gestorben. Als Code für die Verachtung einer speziellen Nation hat sich weltweit das Fahnenverbrennen eingebürgert.

Diesen Bilderbogen jeweils passend zum globalen Nachrichtenstream zu erzeugen – das ist eine Arbeit, bei der sich Fotografen selten beobachten lassen. Ruben Salvadori, ein junger italienischer Fotograf, der in den palästinensischen Gebieten arbeitet, hat diese Tabu vor einigen Monaten gebrochen. Für seine Serie „Der unsichtbare Fotograf“ ging er schlicht ein paar Schritte zurück und nahm die fotografierenden Kollegen mit ins Bild. Schlagartig verlieren die martialischen Szenen ihre Dramatik, sobald das Umfeld eingeblendet ist: Feind ist nämlich meist meist keiner zu sehen. Erst scherzt man mit dem vermummten Jugendlichen, dann reicht man ihm einen Stein zum Werfen, und wenn nach dem fünften Stein die Wurfhand wehtut, machen alle gemeinsam Rauchpause.

„Das sind die Bilder, die der Markt verlangt, die Bilder, für die wir gezahlt kriegen“, erklärte Salvadori. „Und so entstehen sie.“

Alles Theater also? Alles Betrug? Der Schock für die Konsumenten ist groß in solchen Momenten der Entzauberung. Und doch kommt man der „Wahrheit“ mit dieser Entzauberung noch nicht viel näher. Denn die Tatsache, dass Steinwürfe oft nachgestellt werden, bedeutet ja nicht, das keine wirklichen Streinwürfe stattfinden. Und würden für die Kameras keine amerikanischen Fahnen verbrannt – der Hass auf Amerika, die damit illustriert werden soll, wäre ja dennoch da.

Ähnlich argumentierte Maggie Entenfellner, Tierecken-Betreuerin der Kronenzeitung, als der Watchblog „Kobuk“ ihr eine Fälschung nachwies: Die „Krone“ berichtete groß über die massenhafte Ermordnung von Straßenhunden in der Ukraine, als Säuberungsaktion vor der Fußball-EM. Illustriert waren die Berichte mit den Fotos leidender, blutender, toter Hunde aus allen möglichen Ländern und Jahren, bloß nicht aus der Ukraine. Entscheidend sei, dass der Tiermord stattfinde, und man die Welt darauf aufmerksam machen müsse, argumentierte Entenfellner; wer bloß über die falschen Bilder reden wolle, verschließe die Augen vor dem wirklichen Elend. Ganz ähnlich rechtfertigt heute die „Weltwoche“ ihr Roma-Cover.

Es ist ein schmaler Grat, der hier die Inszenierung von der platten Lüge trennt. Doch auch renommierte Experten wie David Campbell, der gleichzeitig Fotograf und Außenpolitiker ist, hält das Bedürfnis, hier immer eine klare Trennlinie ziegen zu können, für eine Illusion. „Fotos sind keine Spiegel. Sie sind auch keine Fenster“, schreibt er in seinem Blog, in dem diese Grundsatzdiskussion seit Jahren geführt wird. „Wir sollten keinen Schock vortäuschen, wenn Inszenierungen enthüllt werden.“ Denn die Frage sei nicht, ob es je ein Foto ohne Inszenierung gibt. „Die entscheidende Frage ist: Produzieren oder verstärken die Inszenierung Stereotypen? Dann – und nur dann – sind sie ein großes Problem.“

Das Foto vom Dreijährigen auf der kosovarischen Müllhalde ist ein gutes Foto. Wie alle guten Fotos weckt es verschiedene Emotionen gleichzeitig: Schreck über die Revolvermündung, Entzücken über einen herziges Kleinkind, Schaudern über seine Lebensbedingungen, und die bange Ahnung, dass seine Biographie wahrscheinlich kein gutes Ende nehmen wird.

Viele Geschichten hätte man mit diesem Bild erzählen können. Das Stereotyp „Roma sind kriminiell“ zu bedienen, war, journalistisch gesehen, eine der uninteressanteren.

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