Hardcore-Junkies versorgt der Staat, genau kontrolliert, mit Heroin. Autofahrer versorgt er, genau kontrolliert, mit Benzin. Weil man Süchtige vor dem freien Markt schützen muss.

Sibylle Hamann

Der Markt ist ein Ort, an dem einander rationale Wesen begegnen. Wer verkaufen will, überlegt, wieviel ihn die Herstellung eines Produkts gekostet hat. Wer etwas kaufen will, überlegt, wie groß der Nutzen ist, den ihm der Erwerb dieses Produkts bringt. Weil beide, Verkäufer wie Käufer, vernüftige, kühl kalkulierende Menschen sind, kann man sich drauf verlassen, dass sie einen für beide Seiten akzeptablen Preis ausverhandeln werden. Und dass die Marktwirtschaft funktioniert.

Der illegale Drogenmarkt ist, theoretisch, der freieste Markt von allen. Hier gibt es keine Marktordnung, keine Kartellgesetze, hier treffen Angebot und Nachfrage ungefiltert aufeinander. Die Stärke der jeweiligen Verhandlungsposition, akute Knappheit oder akuter Überfluss, schlagen sich unmittelbar auf den Preis nieder. Drogensüchtige Menschen jedoch sind verwundbare Marktteilnehmer. Dass sie nicht nüchtern denken, Kosten und Nutzen ihrer Sucht abwägen und nachrechnen können, liegt in der Natur ihrer Krankheit. Ein Mensch, der Entzugserscheinungen spürt und dringend seinen nächsten Schuss braucht, ist nicht wirklich in der Lage, am Karlsplatz vernünftig mit einem Dealer zu verhandeln. Seine Sucht macht ihn ausbeutbar, treibt ihn in riskante Situationen, in Prostitution, Kriminalität.

Der Staat hat daher Recht, wenn er Junkies vom Karlsplatz fernhalten will. Wenn er an jene, die das dringend brauchen, unter strengen Regeln Heroin abgibt, zu festgelegten Preisen und festgelegten Zeiten, an wenigen Ausgabestellen, in kontrollierter Quantität und Qualität. Kranke, denen der freie Markt nicht zumutbar ist, brauchen manchmal Schutz durch staatliche Planwirtschaft. Eine fortschrittliche Drogenpolitik ermöglich ihnen, ihre Sucht unter staatlicher Aufsicht zu stillen. Nein, eine “Heilung” bedeutet das selbstverständlich nicht. Aber sie werden zumindest überwacht, stabilisiert, können ihren Alltag halbwegs unauffällig bewätigen. Was wesentlich besser ist, als wenn sie in der Gosse landen, vor die Hunde gehen oder gar aggressiv werden und durchdrehen.

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner scheint ein Verfechter einer fortschrittlichen Drogenpolitik zu sein, und hat Glück, dass die österreichischen Boulevardmedien ihn dabei sogar unterstützen. Ein Wahnsinn ist das, auf dem Benzinmarkt!, brüllte der Chor und schwoll Woche für Woche an, da muss man doch eingreifen! Verzweifelte Süchtige an den Zapfsäulen wurden portraitiert, hilflos skrupellosen Dealern ausgeliefert, die sich die Benzinabhängigkeit ihrer Kunden zunutze machen, indem sie Stunde für Stunde dreist die Preise erhöhen. Weil Tankstellenpächter wissen, dass Autofahrer ihnen ausgeliefert sind. Weil sie wissen, dass Süchtige Kosten und Nutzen nicht mehr rational abwägen können, und immer wieder konsumieren müssen, egal zu welchen Bedingungen, egal, zu welchem Preis.

Deswegen wird jetzt also bei harten Drogen und bei Benzin der Markt abgeschafft und eine staatlich kontrollierte Abgabepolitik eingeführt. Samt einem Preiskorridor und amtlich verordneten Preisbändern, einem Verbot von Preiserhöhungen außerhalb der Mittagszeit und vor langen Wochenenden. Mit einer täglichen Preis-Meldepflicht ans Ministerium. Unter dem Applaus beinahe aller Medien.

Wie schön, dass Österreich ein derart großes Herz für Junkies hat.

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