Über den kalkulierten Tabubruch, einen Mediensport, der so sehr nervt, wie er verlässlich aufregt.

Widmen wir diese Kolumne einem Typen, der sich in der Öffentlichkeit unverwüstlicher Beliebtheit erfreut: Dem Tabubrecher. In den vergangenen Wochen hatte er wieder Hochsaison (hat das mit Ostern zu tun? mit den Pollen? mit den Frühlingshormonen?). Es gibt ihn in der Altherrenvariante (Thilo Sarrazin, Günter Grass), aber auch in jünger, hübscher. Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“, der vergangene Woche ein Roma-Kind mit Revolver aufs Cover hob, ist sein Rolemodel. Insbesondere beim „Profil“, das jüngst behauptete, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen sei eine Lüge, scheint er Fans zu haben.

Der Tabubrecher ist leicht zu erkennen. Er sagt: „Was endlich einmal gesagt werden muss“, „Es muss doch möglich sein, darüber offen zu reden“, oder, besonders gern: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Was er für den Tabubruch braucht, ist zunächst: ein Tabu. Hier mag sich ein kleines Problem auftun, denn gar so viele Tabus gibt es nicht. Das löst der Tabubrecher, indem er das Tabu einfach behauptet. Er sagt etwa, es sei nicht erlaubt, über Bandenkriminalität zu reden. Oder über Probleme bei der Integration von Zuwanderern. Er behauptet, die Lohnschere zwischen Männern und Frauen sei ein staatsreligiöses Glaubensbekenntnis, das keine differenzierte Betrachtung dulde. Oder er behauptet, Kritik an Israel würde stets mit Antisemitismus gleichgesetzt. Ringsum fühlt er sich umzingelt, wittert Mythen, Lügen, Sprech- und Debattierverbote. „Denkverbot“ ist sein Lieblingswort.

Wer genau ihm denn das Denken und Debattieren verbietet, bleibt unklar. Die allmächtige Roma-Lobby? Oder die feministische Internationale? Vor deren geballter Macht muss sich ein Chefredakteur fürchten, echt? Nein, die angeblichen „Denkverbote“ erfüllen wohl eher einen profaneren Zweck: Sie erleichtern es dem Tabubrecher, alles, was eventuell dennoch zum Thema bereits gedacht wurde, zu ignorieren. Über die komplexe Frage etwa, was „gleichwertige“ Arbeit ist, gibt es ganze Bibliotheken. Ebenso über die Roma. Die israelische Außenpolitik wird nicht nur in Europa kontroversiell diskutiert, sondern auch in Israel.

Aber all das würde den Tabubrecher bloß ablenken. Schließlich fühlt er sich ja als der allererste Mensch auf der Welt, der relevante Fragen stellt, und als einziger, der sich traut, inmitten lauter Ahnungsloser und Feiglinge die Wahrheit zu sagen.

Hat er sein Tabu schließlich gefangen und gefesselt, damit es ihm bloß nicht mehr entwischt (oder durch Recherche schrumpft), folgt die Triumphrunde. Mit lautem Geheul schwingt er sein Tomahawk und stampft wie ein kleiner Krieger um den Marterpfahl. Endlich ist es erlegt, das Tabu, ich habe den großen, allmächtigen, hinter Lügen, Mythen und Denkverboten verschanzten Feind erlegt! Ich, der tapfere Underdog wars, ich ganz allein!

Womit wir beim letzten Charakteristikum wären, das diesen Typus so nervig macht: Dass er den Popanz bloß deshalb so aufbläst, um sich selbst größer zu fühlen. Und dass er Widerstandsgeist, Originalität und Mut behauptet, wo er doch, aus der Nähe betrachtet, bloß risikolos mit der Masse heult.

„Ausländer brauch ma ned“, „Die Jammerfeministinnen sollen endlich eine Ruhe geben“, „Zigeuner sind kriminell“, und „Israel ist gefährlich“: In Österreich hört man das, mit oder ohne den heroischen Einsatz der Tabubrecher, eigentlich eh jeden Tag.

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