Manche Menschen halten es ganz schwer aus, dass andere anders sind als sie selbst. Woher bloß kommt die Angst derer, die ohnehin das Sagen haben, in der Schule und anderswo?

Das Jahr 1965 ist lang her. Als Teenager macht jeder Mensch viel Blödsinn. Und Wahlkämpfe in den USA sind erbarmungslose PR-Schlachten, in denen mit allen Tricks gearbeitet wird. Viele Gründe also, um zu sagen: Schwamm drüber. Dennoch ist etwas an dieser alten Geschichte, das haften bleibt.  Weil es ahnen lässt, wie Menschen funktionieren. Nicht nur Präsidentschaftskandidaten. Nicht nur Mitt Romney. Nicht nur in Amerika.

Die alte Geschichte spielt an der Cranbrook School in Bloomfiled Hills, Michigan. Sie handelt von John Lauber, einem Außenseiter. Still, schmächtig, in sich gekehrt, ein bisschen seltsam. Homosexuell, aber noch nicht geoutet. Es ist eine Zeit und ein Ort, an dem die Siebzehnjährigen Krawatten tragen, und die Haare kurz. Nur John nicht. Der hat sich die braunen Haare blond gefärbt, eine lange Strähne hängt ihm über die Augen ins Gesicht.

Mitt ist ein Jahr älter als John. Größer, lauter, jovialer, beliebter, und hat die muskulöseren Freunde. Aber er hält es nicht aus, dass John anders ist. Der große Mitt fühlt sich provoziert. Lästert über den kleinen John. Und passt ihn eines Tages ab. „Er kann nicht so aussehen. Das ist falsch. Schaut ihn an!“ sagt er zu seinen Kumpels, unter ihnen der amtierende Wrestling-Champion der Schule. Die nehmen John in den Schwitzkasten und halten ihn am Boden fest, während Mitt eine Schere aus der Tasche zieht und John den blonden Schopf abschneidet.

Solche Teenager-Geschichten sind auf der Welt hunderttausende Male passiert. Interessant wird es, wenn man sie auf ihre gesellschaftliche Relevanz abklopft. Und fragt: Wer ist in dieser Geschichte eigentlich der Starke, wer ist der Schwache? Wer ist feig, wer ist mutig?

Es ist nicht leicht, in einer Umgebung, die ein bestimmtes Verhalten einfordert, anders zu sein, und das auch zu zeigen. Die Johns dieser Welt brauchen dafür ziemlich viel innere Kraft. Die Mitts dieser Welt hingegen, die die Normen und Regeln der Mehrheitsgesellschaft eigentlich auf ihrer Seite wissen, lassen sich überraschend schnell verunsichern. Starren wie gebannt auf die Johns, fühlen sich von deren bloßer Existenz permanent in Frage gestellt. Empfinden ihre eigenen Ehen als gefährdet, wenn die Johns nebenan, als schwules Paar, ebenfalls eine Ehe führen dürfen. Halten es ganz schwer aus, wenn nicht nur sie, sondern auch die Lesben gegenüber glückliche Kinder haben. „Das ist falsch! Schaut sie doch an!“: Die kleine Differenz nehmen sie als Bedrohung wahr, die so existenziell ist, dass sie verhindert, bekämpft werden muss, mit Gesetzen, notfalls mit Gewalt. Befriedigung stellt sich erst ein, wenn wieder jemand geradegerichtet wurde. Wenn alle wieder so ausschauen wie man selbst. Und wenn die Ahnung, dass da noch Anderes sein könnte, abgeschnitten ist, ein für alle mal, wie der blonde Schopf.

Die Geschichte von John und Mitt nimmt schließlich einen klassischen Ausgang. Die Feigen sind mehr, und weil sie mehr sind, kriegen sie die Mutigen klein. Mitt Romney ist heute Multimillionär und Präsidentschaftskandidat und beteuert, sich an den Vorfall in Michigan nicht erinnern zu können. John Lauber hingegen hat den Vorfall sein Leben lang nicht vergessen. Er verschwand damals ein paar Tage lang, kehrte mit normalen braunen Haaren zurück, und verließ zu Semesterende die Schule. Vor acht Jahren starb er an Krebs.

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