Kinder können Glück oder Elend bringen. Gebären kann gefährlich sein, und Mutterschaft ein tödliches Risiko. Ein globaler Überblick.

Mutter werden im reichen Teil der Welt: Das heißt regelmäßige Eintragungen im Mutter-Kind-Pass, Ultraschallbilder in 3-D, ein banges Gespräch mit dem Arbeitgeber, Blutdruck- und Blutzuckermessungen, ein erstes Vorsondieren bei den grade angesagten Kinderwagenmodellen und in der Babystrampler-Abteilung bei H&M. Ein paar Grundsatzüberlegungen über den Stand der Partnerbeziehung, über die Kinderfreundlichkeit der Wohnumgebung, übers Stillen, Impfen und Betreuungsfragen. Recherchen über die Zuverdienstgrenzen beim Kindergeld. Eventuell heißt Mutterschaft: ein neues Auto, ein Umzug, ein anderer Job.

Mutter werden im reichen Teil der Welt ist ein massiver Einschnitt im Leben. Aber er geht einher mit einer besseren Steuerklasse, mit 105 Euro und 40 Cent Familienbeihilfe, mit umfassender Ratgeberliteratur und der ziemlich großen Wahrscheinlichkeit, dass alles gut gehen wird. Zumindest körperlich.

Mutter werden im armen Teil der Welt ist, physisch gesehen, genau dasselbe. Die gesellschaftlichen, medizinischen und ökonomischen Rahmenbedingungen jedoch machen es zu einem kaum kalkulierbaren Risiko.

Vielleicht ist der Muttertag genau der richtige Moment, um an diesen globalen Gegensatz zu erinnern. Während die Dreijährigen an diesem Sonntag die im Kindergarten gelernten Gedichte aufsagen und die Siebenjährigen stolz ihre Laubsägearbeiten aus der Schultasche kramen, erinnert der Aktionstag „Mutternacht“ an die andere, dunklere Seite von Mutterschaft. An die 350.000 Frauen, die jedes Jahr wegen Komplikationen bei Schwangerschaft, Geburt oder unsachgemäß durchgeführten Abtreibungen sterben. Und an all jene, die für irgendeinen Betriebsunfall im Fortpflanzungssystem büßen müssen. Die verstoßen oder stigmatisiert werden, weil sie unfruchtbar sind. Weil ihre Ehemänner unfruchtbar sind. Weil sie nur Mädchen gebären, weil sie behinderte Kinder gebären, weil sie unverheiratet sind, Ehebrecherinnen sind oder vergewaltigt wurden.

Historisch gesehen, ist die Gefahr, die mit Mutterschaft einhergeht, eigentlich der Normalfall. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte gab es im Leben einer Frau keine gefährlicheren Zeiten als die Stunden des Gebärens und die Tage im Wochenbett. Eine Steißlage des Kindes, ein Geburtsstillstand, ein Gebärmutterriss oder eine Infektion waren häufig ein Todesurteil. Dass Sex jahrtausendelang mit Angst verknüpft war, war daher nicht bloß eine Frage der Moral. Es gab handfeste gesundheitliche Gründe, sich vor jeder Schwangerschaft fürchten zu müssen.

In weiten Teilen der Welt ist es heute noch genauso. Nüchtern betrachtet, kann man zwei Faustregeln anwenden. Erstens: Je höher die Geburtenraten und je niedriger der soziale Status von Frauen, desto gefährlicher ist es, Mutter zu werden. Zweitens: Je stärker der Status von Frauen an ihrer Kinderzahl gemessen wird, desto eher muss man sich um diese Frauen Sorgen machen. Niger, Tschad, Somalia und Afghanistan führen beide dieser Listen  an: Hier bringt jede Frau im Schnitt sechs bis sieben Kinder zur Welt. Und läuft bei jeder Geburt ein Risiko von 1:100, dass sie stirbt (in Österreich liegt dieses Risiko bei 1: 25.000).

Im Niger, dem Land mit der global höchten Geburenrate, kommen sämtliche Negativfaktoren zusammen. Die Bevölkerung hat sich in dreißig Jahren verdoppelt. Gleichzeitig verlor sie die Hälfte des fruchtbaren Landes, denn die Sahara weitet sich aus und verschluckt jedes Jahr mehr Ackerfläche. Bevölkerungsdruck, kombiniert mit Armut, bedeutet: Dass Mädchen so früh wie möglich verheiratet werden. Weil es dann in der Familie eine Esserin weniger gibt.

Jung verheiratet zu werden, bedeutet gleichzeitig: Dass ein Mädchen die Schule verlässt. Dass sie schwach ist, keine Erfahrung, keine ökonomische Lebensgrundlage und auch sonst nichts mitbringt, das ihre Verhandlungsposition gegenüber dem Ehemann stärken könnte. Und dass sie schwanger wird, ehe es ihr Körper eigentlich erlaubt.

Womit wir bei einem der großen globalen medizinischen Tabuthemen unserer Zeit wären: den Geburtsfisteln. Wenn Frauen, deren Becken noch nicht ausgewachsen ist, gebären müssen, bleibt das Baby häufig im Geburtskanal stecken. Wenn niemand da ist, der einen Kaiserschnitt macht, kann das mehrere qualvolle Tage dauern, die Blutversorgung im Becken wird unterbrochen, und zwischen Blase, Vagina und Darm stirbt langsam großflächig das Gewebe ab. Überlebt ein Mädchen diese Tortur, kann sie ihre Ausscheidungen, Kot und Urin, nicht mehr kontrollieren. Sie rinnt aus, stinkt, leidet Schmerzen und Scham, wird oft aus der Familie ausgeschlossen, muss sich für den Rest ihres Lebens irgendwo am Dorfrand verstecken und von Almosen leben, die ihr irgendjemand vor die Hütte wirft.

Laut Schätzungen der UNO leiden weitweit zwei Millionen Frauen an solchen Fisteln und ihren verheerenden sozialen Folgen. Jährlich kommen etwa 100.000 neue Fälle hinzu. 200 Euro kostet eine Operation, die helfen kann, und mehrere NGOs haben sich darauf spezialisiert, solche Eingriffe zu ermöglichen. Doch das Tabu ist stark, das Unwissen groß; in den reichen wie in den armen Ländern.

Verschärft wird das Risiko, beim Gebären Schaden zu nehmen, zu verbluten oder sich zu infizieren, wenn Frauen genital verstümmelt sind – was weltweit geschätzte 155 Millionen betrifft. Obwohl dieses Tabu in den vergangenen Jahren gebrochen wurde, von religiösen Führern verurteilt und in vielen Kampagnen thematisiert wird, ist die brutale Praxis immer noch in 28 afrikanischen Staaten und im Nahen Osten gang und gäbe.

Zu früh, zu oft, und zu schnell hintereinander zu gebären, kann nicht nur der Mutter schaden, sondern auch der Familie und dem ganzen Land. In den erwähnten Babyboom-Staaten Niger, Afghanistan, Tschad und Somalia erlebt eines von zehn Kindern seinen fünften Geburtstag nicht. Mangelernährung der Mutter wird direkt an den Embryo weitergegeben, Fehlernährung und unbehandelte Krankheiten beim Säugling führen später zu Entwicklungsverzögerungen, Intelligenzdefiziten und bleibenden Schäden. Selbst wenn diese Staaten unendlich reich wären und ihre Regierungen besten Willens – sie könnten niemals mithalten, um im passenden Tempo Schulen, Kliniken, Land, Essen und Arbeit für alle heranzuschaffen.

Die gute Nachricht: Frauen wissen das. Sie wissen, dass allzu viele Geburten weder ihnen noch den Kindern gut tun. Egal, wo man Frauen fragt, ob in Nepal oder in Norwegen, in Singapur oder Sansibar, egal ob am Land oder in der Stadt, am Existenzminimum oder im Einfamilienhaus mit Zentralheizung – Frauen sind sich überraschend einig darin, wie viele Kinder sie theoretisch gern hätten: zwei oder drei. 2,4 in Ägypten, 1,9 in Bangladesch, 2,0 in Nepal, 3,3 in Simbabwe, 3,4 in Kenia, 2,0 in Bolivien, 2,4 in Haiti.

(Interessant ist, dass der Kinderwunsch bei den Männern, global gesehen, viel stärker auseinanderdriftet: In Westeuropa wollen Männner weniger Kinder als Frauen, die Österreicher nehmen hier mit 0,9 einen Spitzenplatz ein. In den armen Ländern hingegen wollen Männer signifikant mehr Kinder als Frauen.)

Dass Frauen im Prinzip wissen, was für sie gut ist – aus dieser Erkenntnis folgt eine der wichtigsten Leitlinien der modernen Entwicklungspolitik: Dass man sie bloß in die Lage versetzen muss, genau das, was sie wollen, auch leben zu können. Sie brauchen Informationen und Verhütungsmittel, und gleichzeitig die Bildung, den Status und die materielle Macht, um ihre Vorstellungen auch durchzusetzen. Am besten, indem sie eine eigene ökonomische Existenzgrundlage haben, und außer immer mehr Babies auch anderes Sinnvolles zur Familie beitragen können – Arbeit, Essen, Geld.

„Das wichtigste Fortpflanzungsorgan ist das Gehirn“, sagt Wolfgang Lutz, einer der Pioniere der demographischen Forschung. Das zweite wichtige Fortpflanzungsorgan sei „die Geldbörse“: Es muss Menschen einen Vorteil bringen, weniger Kinder zu haben. Und diesen Vorteil müssen sie erkennen können.

Frauen die Kontrolle über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre Fruchtbarkeit zu geben, als Schlüssel für Gesundheit, Wohlstand und Entwicklung – das klingt wie ein Zaubertrick. Sehr logisch, sehr einfach. Und gleichzeitig unendlich schwer. Denn genau diese Selbstbestimmung ist natürlich nicht jedem recht. Den Mullahs ebensowenig wie christlichen Fundamentalisten, traditionell-wertkonservativen Regierungen ebenso wenig wie jenen, die mit Geburtenpolitik gern Machtpolitik betreiben. Die tiefreichenden Interessenskonflikte, der hier schlummeren, ziehen sich durch alle UNO-Institutionen und brechen jedes wieder Mal auf, wenn internationale Konventionen verhandelt werden.

Zunächst musste man die Fortpflanzungsfrage aus den Klauen der Nationalisten entwinden. Jahrtausendelang hatte ein sehr simpler Grundsatz gegolten: Je mehr Untertanen, je mehr Soldaten, desto schlagkräftiger die Nation, und desto eher entscheidet man Kriege zu den eigenen Gunsten. Kosovo-Albaner hofften ebenso wie die palästinensischen Araber, den Konflikt mit Serbien bzw. mit Israel über ihre Fruchtbarkeit zu gewinnen. Noch Nicolae Ceaucescu verlangte von den Rumänen so viele Kinder wie möglich – um den Preis, dass Hunderttausende von ihnen schließlich in Waisenhäusern oder auf der Straße landeten.

Den umgekehrten Weg schlug das kommunistische China mit seiner Ein-Kind-Politik ein, mit Zwangssterilisierungen und erzwungenen Schwangerschaftsabbrüchen. Hier erwartete man sich die Stärkung der Nation durch eine Verknappung der Kinder. Hier wie dort waren Frauen bloß Mittel zum Zweck; und ihre Gebärmütter dienten bloß als Instrumente zur Durchsetzung anderer Ziele.

Es war in Wien, auf der Menschenrechtskonferenz 1993, und der darauf folgenden Bevölkerungskonferenz in Kairo 1994, dass diese Logik erstmals global durchbrochen wurde: Hier wurden Frauen, ihre Rechte, ihre körperliche Gesundheit und ihre sexuelle Selbstbestimmung zum Mittel- und Ankerpunkt der Fortpflanzungsfrage gemacht. „Empowerment“ und „reproduktive Gesundheit“ lauten die Zauberformeln, die seither die internationale Debatte bestimmen.

In den Millienumszielen 2000 schrieb die UNO konkrete Entwicklungsschritte fest, denen sich alle Länder, Jahr für Jahr, ein Stückchen weiter nähern sollten. Ziel Nummer fünf ist die Müttergesundheit. Dazu gehört der Zugang zu altersgerechter Information über Sexualität, damit sich Teenagerschwangerschaften vermeiden lassen. Die Ausbildung von Personal in allgemein zugänglichen Gesundheitseinrichtungen. Die Versorgung mit Verhütungsmitteln und die Möglichkeit zum sicheren Schwangerschaftsabbruch. Betreuung bei Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett.

Es war ein großer Moment, begleitet von großer Euphorie. Doch seit der Jahrtausendwende ist der ideologische Wind ein paar Mal umgeschlagen, und kaum ging es an die konkrete Umsetzung dieser Ziele, war die Euphorie verflogen. Bei der Müttersterblichkeit wäre ein jährlicher Rückgang von 5,5% vorgesehen, derzeit liegt die Welt bloß bei 2,3%. Insbesondere die Bush-Jahre in den USA brachten einen schweren Rückschlag. „Reproductive Rights“ wird von der religiösen Rechten in den USA als Codewort für die Propagierung von Abtreibungen verstanden. George Bush ließ alle Mittel für das Bevölkerungsprogramm der UNO und für viele NGOs einfrieren. Erst seit Barack Obama regiert, fließen die Dollars wieder.

Dennoch gab es auch in dieser Zeit Erfolgsgeschichten. Jene von Bangladesh zum Beispiel. In den siebziger Jahren, nach einem verheerenden Bürgerkrieg, war das Land noch ein Synonym für Massenelend und Hunger. Heute ist es eine Illustration dafür, wie sehr Körperliches und Ökonomisches in der Fortpflanzung zusammenhängen.

Eheschließungen vor dem 18. Lebensjahr wurden verboten. Gleichzeitig wurde massiv in die Bildung von Mädchen investiert, und zwar speziell in die Sekundarstufe: Denn erst im Teenageralter eröffnet Bildung tatsächlich andere Perspektiven im Lebenslauf. Wenn Mädchen nicht nur die Grundschule besuchen, sondern auch mit 16 noch in die Schule gehen, schieben sie die Heirat auf, und eröffnen sich neue berufliche Chancen. Es ist kein Zufall, dass die Mikrokredit-Bewegung in Bangladesh ihren Ausgang nahm. Millionen Frauen schufen sich mit diesem Kapital mittlerweile eine Existenzgrundlage als Näherinnen, Hühnerzüchterinnen, Telefonunternehmerinnen oder Garküchenbetreiberinnen. Und haben im Durchschnitt nur noch zwei Kinder. Das hat Ressourcen für die industrielle Entwicklung freigemacht. Heute ist Bangladesh der jüngste asiatische Tigerstaat, mit einer stetig wachsenden Textilindustrie.

Eine junge Bevölkerung mit einer großen arbeitsfähigen Generation ist ein Vorteil. „Demographischer Bonus“ heißt das in der Wissenschaft. Dieser Bonus kann eine Lokomotive für Entwicklung sein und in einen Wirtschaftsboom münden. Kann, muss aber nicht: In Südkorea, in Singapur, in Brasilien, oder Bangladesh hat es funktioniert. In Afrika südlich der Sahara und im Nahen Osten schaut es weniger gut aus.

Kinder können ein Glück sein, und eine Last. Sie können reich machen, oder arm. Sie können ihre Mütter, ihre Familien, ihre Dörfern und ihre Länder in eine bessere Zukunft katapultieren, oder bleischwer an ihnen hängen und sie in dauerhafter Armut festhalten.

Es hängt eben alles von den Umständen ab, und Gebären allein ist nicht genug: Wenn das keine Muttertagserkenntnis ist.

Quellen: Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung (www.berlin-institut.org), Stiftung Weltbevölkerung (www.weltbevoelkerung.de)

 

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