Je schwieriger die Gegenwart, desto lieber flüchtet sich Ungarn in die Vergangenheit. In die Erinnerung ans Horthy-Regime. Antisemitismus inklusive.

Nein, den Ungarn geht es gar nicht gut in diesen Tagen. In den Straßen von Budapest fallen an jedem zweiten Haus Plakate auf, die Wohnungen zum Kauf anbieten. Verzweiflungsverkäufe sind das; von den vielen, vielen Ungarn, die ihre Kreditraten nicht mehr zahlen können. Auch die Obdachlosen stechen ins Auge; diesen Winter sind wieder Dutzende von ihnen erfroren. Viele Menschen haben ihre Jobs verloren, und jene, die noch einen haben, können sich das Leben kaum noch leisten. Während der Forint gegenüber dem Euro jeden Tag an Wert verliert, kosten die Produkte in den Geschäften gleich viel wie in Österreich.

Die Ungarn hätten mit der Gegenwart also genug zu tun. Aber was tut man, wenn man der lieber nicht ins Auge schauen will? Man träumt sich in die Vergangenheit zurück, und träumt sie sich schön. Viktor Orbans Regierung tut das gern. Beschwört die alte Größe des Reichs herauf. Lässt überall im Land Landkarten aufhängen, die Ungarn in den Grenzen vor dem traumatischen Teilungsvertrag von Trianon zeigen. Es ist Mode geworden, Ortstafeln in altungarischer Keilschrift zu beschriften. Man schwelgt in Erinnerungen an die Zwischenkriegszeit, als der Hitler-Freund Miklos Horthy regierte. Und ist damit bei einem Thema, das immer wirkt: Dem Antisemitismus. Denn irgendwer muss ja schuld daran sein, dass die alte Größe verlorengegangen ist.

Unter Horthy war Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg das erste europäische Land, das Juden den Zugang zu den Universitäten beschränkte. 1939 dann, gleichzeitig mit den Nürnberger Rassegesetzen, wurden die ungarischen Juden vom öffentlichen Leben ganz ausgeschlossen. Heute wird alle paar Wochen irgendwo im Land ein Platz in „Horthy-Platz“ umbenannt, eine neue Horthy-Statue aufgestellt oder  eine neue Horthy-Gedenktafel enthüllt, zuletzt an der Universität von Debrecen, mit einer feierlichen Weihezeremonie.

Wenn die einen öffentlichen Raum erobern, müssen andere zurückweichen. Werden versteckt, verräumt, geschmäht, in die Ecken verdrängt. Der Republiksgründer Mihaly Karolyi zum Beispiel, ein liberaler Adeliger. Der stand bis Ende März auf dem Budapester Kossuth-Platz, direkt vor dem Parlament; auf einen Spazierstock gestützt, in die Ferne blickend. Erst setzten ihm Abgeodnete der rechtsextremen Jobbik-Partei eine Kippa auf, schmähten ihn als „jüdischen Verräter“ , hängten ihm ein Schild um: „Ich bin Schuld an Trianon“. Dann hielt ihm ein Jobbik-Bürgermeister eine Pistole an den Kopf und ließ sich dabei fotografieren. Schließlich kam ein Kranwagen, hob Karolyi vom Sockel und transportierte ihn ab.

Heute ist der Kossuth-Platz hinter hohen Bauzäunen versteckt. In den nächsten beiden Jahren soll er umgestaltet und „der Nation geschenkt werden“, als „Hommage an die Vergangenheit“ und „Monument der Tradition Ungarns“. Die mit absoluter Mehrheit regierenden Parlamentsabgeordneten der Orban-Partei wünschen, es möge auf dem Platz vor ihrer Nase wieder so ausschauen wie früher. „Wie vor 1944“. Wie damals, als Horthy regierte.

Oja, es gibt Ungarn, die gegen diese Umdeutung, Umschreibung, Aneignung und Inbesitznahme der ungarischen Geschichte protestieren. Doch die müssen damit rechnen, in die Riege der „jüdischen Vaterlandsverräter“ gleich eingereiht zu werden. Weil schließlich irgendwer immer Schuld sein muss. An Trianon. Und an allem anderen.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.