Wie funktionierte die Sowjetunion? Und wie fühlte es sich an, ein Rädchen in seinem Getriebe zu sein? Ein unmögliches, wunderbares Buch erklärt es uns

Da war zum Beispiel die Sache mit Maschine Nummer PNSh-180-14S, oder, wie die Betriebsleiter des Werks Solkemfib sie nannten, ein „Stück Scheiße“. Die Maschine sollte Reifencord herstellen, aber sie funktionierte nicht, zumindest nich so gut, wie es der Fünfjahresplan vorsah, was die Betriebsleiter jahrelang dazu zwang, falsche Produktionszahlen zu melden. Irgendwann, bald, würde der Schwindel auffliegen. Deswegen dachten sie sich ein gefinkelte Lösung aus: In der Nacht würde sich auf einer benachbarten Baustelle ganz zufällig die Bremse eines Baggers lösen, der Bagger den Hügel herunterrollen, die Mauer der Werkshalle durchbrechen, und das „Stück Scheiße“ kaputtmachen. Ein Unfall. Und dann würde man eine neue, verbesserte Version der PNSh-180-14S zugeteilt bekommen, mit der man den Plansollerfüllungsrückstand aufholen würde können, bevor jemand den Schwindel bemerkt.

Ein kühner Plan. Es lief fast alles glatt. Der Plansollbevollmächtigte schöpfte keinen Sabotageverdacht und orderte eine neue Maschine. Allerdings nicht die verbesserte, sondern wieder das alte „Stück Scheiße“. Nicht etwa, weil die neue teurer gewesen wäre, sondern im Gegenteil: Weil sie um 112000 Rubel billiger war. Die Preisfestsetzung für Gerätschaften in der chemischen Industrie erfolgt nämlich nach Gewicht. Und weil die bessere Maschine leichter ist als die schlechtere, reißt jede bessere Maschine „ein großes, verficktes, klaffendes Loch“ in das ebenfalls von oben verordnete Umsatzziel des Herstellers. Was für die Leute in Solkemfib natürlich ein Grund zum Fluchen ist.

So war das in der Sowjetunion. Ein verblichenes System, das, gemeinsam mit dem ganzen Ostblock, vor mehreren Jahrzehnten schon von der Geschichte hinweggeschwemmt wurde. Wen, bitteschön, könnte das interessieren, in einer Zeit, in der wir mit Euro-Krisen, schwächelnden Börsen, durchgeknallten Finanzmärkten und  all den anderen Begleiterscheinungen des Kapitalismus eigentlich rundum ausgelastet wären?

Im Jahr 2012 ein 500-Seiten Buch über die Sowjetunion zu schreiben, samt 70 Seiten Fußnoten und Anmerkungen, schaut auf den ersten Blick also nach einer ziemlich verrückten Idee aus. Verrückt ist auch, dass sich Francis Spufford sogar der allerelementarsten Entscheidung verweigert: Sachbuch oder Roman. Wie soll denn bloß ein Buch funktionieren, das nicht einmal auf die Grundsatzfrage „wirklich oder erfunden“ eine klare Antwort hat?

Ja, verrückt ist das. Aber Spufford hat, wie er im Nachwort schreibt, seiner Mutter vertraut, „die mich ermutigt hat, mich auf dieses risikoreiche Experiment einzulassen…und in dieses Haus auf halber Strecke zur Grenze zur Fiktion einzuziehen.“ Gut, dass sein Mutter Margaret Spufford heißt, eine in Großbritannien renommierte Historikerin ist, und sich hier auf sicherem Terrain bewegt. Deswegen weiß man schon nach 15 Seiten dieses Buches: Das Experiment funktioniert.

Das liegt zunächst an Spuffords Sprache. Die ist so klar und präzise, dass sie sofort im Kopf einen Film erzeugt. Und es liegt an der ungewöhnlichen Form, die er wählt: Dem kühnen Wechsel von kurzen, erklärenden Sachbuchkapiteln und Romanteilen, aus denen die Lebensäfte tropfen. Wie mit einen riesigen Suchscheinwerfer fährt Spufford über die Landkarte und über die Jahrzehnte, und zoomt sich dann auf einen ganz speziellen Akteur an einen ganz speziellen Tag ein. Auf den (wirklichen) Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow zum Beispiel. Oder auf den (erfundenen) Fahrer seines Dienstwagens, der am Tag nach Chruschtschows Sturz in der Garage steht und mitansehen muss, wie man ihm den geliebten ZIL wegnimmt, die große schwarze Limousine, „eine Kopie des Cadillac Eldorado“, und durch einen stinknormalen Wolga ersetzt.

Manchen Personen begegnen wir immer wieder, an verschiedenen Punkten ihrer Biographie. Der Biologin, die in einer Wissenschaftlersiedlung an Fruchtfliegen forscht und sich für Genetik interessiert  – was sie ideologisch verdächtg macht. Ihrem Ex-Lover aus Studententagen, der sich geschmeidig die Nomenklatur hinaufdient. Dem zwielichtigen Netzwerker, der sich als Verbingungsoffizier zwischen Funktionären und Mafia andient und damit die Lücken in der Planwirtschaft stopft. Er wird der einzige sein, der das Problem mit der Maschine Nummer PNSh-180-14S lösen kann.

„Rote Zukunft“ ist  ein Buch über die Sowjetunion, aber nicht nur. Im englischen Original heißt es „Red Plenty“, was den Grundgedanken noch ein bisschen präziser beschriebt: Es geht um den großen menschlichen Traum, von allem genug, mehr als genug zu haben. Versorgt zu sein, ohne sich täglich verausgaben zu müssen. In einer Umwelt, einem System zu leben, das leise und geschmeidig schnurrt, und jeden Tag, ohne allzu große Mühe, all die Dinge ausspuckt, die wir brauchen: Frühstocksflocken und Gummistiefel, Schinken und Straßenbahnen, Kopfwehtabletten und Fernsehsatelliten.

Die große Frage lautet: Wem ist es am ehesten zuzutrauen, diesen großen Traum zu verwirklichen? Der Mathematik, die eine Optimierungsformel durchrechnet? Einem Komitee weiser Menschen, denen wir die Sorge für das Gemeinwohl übertragen? Dem Geld als unbestechlichem, neutralen Tauschmittel? Oder einem Universalcomupter, den wir bloß mit allen Informationen fütten müssen, bevor er uns dienen kann?

Spufford beamt uns in die 50er und 60er Jahre zurück, eine Zeit, in der diese Fragen noch nicht entschieden war. In eine Zeit, in der man, auf dieser wie auf jener Seite des Eisernen Vorhangs, noch ungebrochen an den Fortschritt glaubte. Seltsam: Es scheint wie eine Ewigkeit. Aber so lang ist das gar nicht her.

Francis Spufford: Rote Zukunft. Rowohlt Verlag. 576 Seiten, 15,50 Euro.

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One Response to Geschichten aus dem Inneren der Wunschmaschine

  1. Josef Kirner sagt:

    Danke, dass Sie dieses Buch hier vorstellen!
    Ich habe es mit Begeisterung gelesen und dabei erfahren können, wie plötzlich längst zur Seite geschobene Namen der Sowjetära wieder lebendig werden. Ein wirklich tolles Buch.

    Liebe Grüße aus dem verschlafenen Otterthal.
    Josef Kirner

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