60.000 ungeklärte Morde gab es in fünf Jahren. Jeden kann die Gewalt treffen, und niemandem kann man vertrauen. Für eine Gesellschaft hat diese Unsicherheit verheerende Folgen.

 

Mexiko hat am Sonntag einen neuen Präsidenten gewählt. Was für die Mexikaner leider keine wirklich relevante Tatsache ist. Weil ihr Leben von etwas anderem beherrscht wird, woran der neue Präsident so wenig ändern wird wie der alte: Von Gewalt, und von der Angst davor.

Gewalt und Angst sind nämlich ein Zwillingspaar, das erst gemeinsam seine volle Kraft entfaltet. Gewalt tut einem Individuum weh. Aber erst die Angst, dass sie einen (oder die eigenen Kinder) nächste Woche, morgen, in einer Stunde oder jetzt gleich treffen kann, irgendwo, ohne Vorwarnung, egal, was man tut – das macht einen kaputt. Zerstört Beziehungen, Stadtviertel, Wirtschaftssysteme, öffentliches Leben, ganze Staaten. Mexiko kann dafür als Forschungsfeld dienen.

60.000 gewaltsame Tode gab es dort in den letzten fünf Jahren. Aber in Mexiko herrscht weder Krieg noch Diktatur, weder Hunger noch Naturkatastrophen. Die 60.000 waren keine Soldaten, sondern Studentinnen, Geschäftsleute, Tagelöhner, Lehrer, Polizistinnen, Obdachlose oder Buchhalter. Sie wurden bedroht, beraubt, erpresst, vergewaltigt oder entführt, dann geköpft, erstochen, erschossen, erdrosselt, überfahren oder verschwanden einfach spurlos. Manchen schnitt man Finger, Beine oder Genitalien ab. Die Leichen finden sich schließlich in Gruben, am Straßenrand, im Wald, in Müllsäcken, oder mitten auf öffentlichen Plätzen.

Undendlich viele Gesichter hat diese Gewalt, stets transportiert sie dieselbe Botschaft: Der blutige Haufen, der da liegt und von Maden gefressen wird – das kannst auch du sein, wenn du etwas falsch machst. Aber was falsch und richtig ist, erfährst du vorher nicht. Wir sagen dir nur: Ein Auftragskiller kostet 80 Dollar. Was der mit dir machen kann, siehst du auf Video, kostenlos im Internet.

„Pantalla“ heißt Bildschirm, Leinwand, Projektionsfläche. Es ist eines der Lieblingswörter der Mexikaner, wenn sie versuchen, ihr System zu beschreiben. Man weiß nie, was dahintersteckt, zu fassen kriegt man es nie. Nichts ist, was es scheint. Nichts ist echt. Verbrecher verkleiden sich als Polizisten. Polizisten verkleiden sich als Verbrecher. Polizisten sind Verbrecher. Oder täuschen Verbrecher, weil sie mit anderen Verbrechern unter eine Decke stecken. Soldaten täuschen Polizisten. Politiker täuschen Soldaten und umgekehrt. Aber den Richtern, die alle diese Leute verurteilen, und den Gefängniswärtern, die sie bewachen müssten, kann man ebenso wenig trauen. Wem nützt man, wenn man jemanden verrät? Wessen Rache beschwört man damit herauf?

Es geht um Drogen. Um Amphetamine, „Meth“ genannt, für den amerikanischen Markt, und um sehr viel Geld. Das eine Kartell versucht, dem anderen Kartell Territorien abzujagen. Doch der Krieg, den der scheidende Präsident Felipe Calderon den Drogenbossen erklärte, hat alles noch schlimmer gemacht: Denn wenn der Hydra ein Kopf fehlt, wachsen sieben Köpfe nach, die erst miteinander klären müssen, wer die Befehle gibt.

Vorübergehende Linderung, kurze Momente der Ruhe, kann in dieser teuflischen Logik nur erhoffen, wer kapituliert. Wer Schutzgeld zahlt, die Stärkeren gewähren lässt, die Segel streicht, sich der totalen Ohnmacht ergibt.

„Leo“ heißt der Ort, an dem man sicher ist, zumindest beim Fangenspielen. Kein Leo zu haben: Es muss einen verrückt machen.

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