Frauenhäuser, sagt die Amstettner FPÖ-Politikerin Brigitte Kashofer, zerstören Ehen. Gottseidank ist sie mit dieser Meinung mittlerweile zemlich allein. Auch am Land.

Ein Lokalaugenschein

Die Adressen von Frauenhäusern bleiben prinzipiell geheim. Deshalb darf hier nicht verraten werden, wie weit das Amstettner Frauenhaus vom berühmtesten Amstettner Haus entfernt liegt. Nur soviel: Sehr weit hätte Elisabeth Fritzl nicht gehen müssen, wenn es ihr gelungen wäre, rechtzeitig vor ihrem Vater zu fliehen.

Die Bewohnerinnen des Frauenhauses waren quasi live dabei, als über dem düsteren, grauen Fritzl-Bunker die Hubschrauber kreisten. Sie hörten die Propeller, sahen die Übertragungswagen der TV-Sender, Reporter überall. Die Details über das Verbrechen, die jeden Tag in der Zeitung standen, lasen sie mit gemischten Gefühlen. Monströs was es, ja. Doch „unvorstellbar“, wie es oft genannt wurde? Die Methoden, mit einen ein herrischer Familienvater Gehorsam erzwingt, das Einsperren, die Demütigungen, die Bestrafungsrituale – nein, „unvorstellbar“ war das für sie nicht.

Auch den hier arbeitenden Sozialarbeiterinnen blieb im April 2008 die Luft weg. „Ich hab panisch überlegt, ob da vielleicht irgendwann eine Kontaktaufnahme war, die wir übersehen haben“, sagt Maria Reichartzeder, Mitbegründerin des Amstettner Frauenhauses, und seit 1991 dabei. „Seither nehmen wir ausnahmslos jeden Anruf ernst, wie verrückt er auch klingen mag.“

Oja, bei der Zerstörung der Fritzl-Familie hätte das Frauenhaus schon ganz gern geholfen. Doch so hat das Brigitte Kashofer, Stadträtin der FPÖ, wahrscheinlich nicht gemeint, als sie dem Haus eine 8000-Euro-Subvention entziehen wollte. Mit der Begründung, Frauenhäuser seien „Unfug“, und „an der Zerstörung von Ehen und Partnerschaften maßgeblich beteiligt“.

Ilse D. ist 50 Jahre alt und Küchenhilfe. Sie wohnt im Frauenhaus. Sie hat Kashofers Satz gehört, und es hat sie sehr gekränkt. 30 Jahre lang hat Ilse ausgehalten, stillgehalten, durchgehalten. Erst, „weil ich jung und deppert war“, dann, weil die Kinder kamen, dann weil das Haus gebaut wurde und jeder Ziegel durch ihre Hände ging, dann bis die Kinder groß waren, und schließlich, „weil es so schwer ist, wegzugehen, wenn man nichts anderes kennt“. Alles hat auf die Sekunde und auf den Millimeter genau sein müssen bei ihrem Mann, die Arbeit, das Essen, der Garten. Sonst gab es Strafen. Sie wischte, wenn er zehnmal am Tag absichtlich sein Glas ausschüttete, und bügelte nächtelang, wenn er sie wieder nicht schlafen ließ.  Bis ihr Körper irgendwann nicht mehr konnte, der Blutdruck, das Kreuz, die Migräne, der Schlafentzug. Zwanzig Tabletten schluckte sie täglich.

Jetzt lebt sie in einem kleinen Zimmer, erster Stock, Gemeinschaftsdusche, und ist gesund. Ohne Medikamente, ohne Therapie. Sie musste bloß weg von diesem Mann, und allein, ohne Hilfe hätte sie das nicht geschafft. Ja, die Ehe ist jetzt zu Ende. Aber zerstört nicht vom Frauenhaus, sondern schon vorher.

Die Geschichten in einem Frauenhaus am Land unterscheiden sich von jenen in der Stadt. Nicht, was die Spielarten von Gewalt betrifft, die sind universell. Wohl aber, was die sozialen Bindungen betrifft, und die ökomischen Verhältnisse. Der Hof, der Wohnsitz und Arbeitsplatz gleichzeitig ist. Die fehlende Anonymität. Das Auto, ohne das man isoliert ist daheim. Und der schlechte Handyempfang oben auf dem Berg.

Anita zum Beispiel hat beim Schweinebauern eingeheiratet, es ist ein Einzelgehöft, kilometerweit vom nächsten entfernt. Anita hat breite Hände, kann fest zupacken, frühmorgens schon stand sie immer im Stall. Dem Schwiegervater war es trotzdem nie gut genug, er kommandierte sie herum, demütigte sie. Irgendwann weigerte sie sich, für ihn zu kochen, da schlug sich der Ehemann auf seine Seite und verweigerte das Essen ebenfalls, „nach einer Woche ist er dann umgekippt, und ich war schuld.“ Die beiden sperrten sie ein. Fuhren mit dem einzigen Auto weg. Rissen das Kabel aus der Wand, wenn sie telefonierte. Besuch kam ohnehin keiner mehr.

Bei solchen Geschichten beginnt man zu ahnen, wie brüchig die bäuerliche Idylle ist, und wie viel Gewaltpotential sie wohl auch schon in den vergangenen Jahrhunderten barg. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zu früher: Dass Frauen nur noch selten gesagt wird, sie müssten alles aushalten, dem Mann zuliebe, Gott zuliebe oder wegen der Heiligkeit der Ehe. Sondern dass sie ermutigt, gar überredet werden wegzugehen. Von Freundinnen, Verwandten, Frauen aus der Müttergebetsrunde, Nachbarn. Sogar vom Pfarrer. „Der war eine große Hilfe“, sagt Anita.

In 20 Jahren haben 655 Frauen und 827 Kinder im Frauenhaus Amstetten gelebt. Es ist mittlerweile bekannt, dass es solche Zufluchtsorte gibt, und es findet sich immer jemand, der einer Frau die richtige Telefonnummer zusteckt oder sie sogar hinbringt, wenn alles, wieder einmal, zu viel wird.

Anita hat es sich lang überlegt. Sie hatte ihre Sachen und die der Kinder nicht in eine Tasche gepackt, sondern in bunte Plastik-Wäschekörbe, damit ihr Mann keinen Verdacht schöpft. Schließlich saß sie auf ihrem Bett und lauschte drauf,  wann er und der Schwiegervater endlich in den Traktorschuppen hinübergehen würden. Wieder schlug sie die Bibel auf, und wieder fand sie die Stelle „sei mutig und stark“. Mit zittrigen Fingern rief sie die Freundin an, die versprochen hatte, sie mit dem Auto zu holen, wenn die Gelegenheit günstig sei, und ins Frauenhaus zu bringen.

Der Mann kam schon wieder aus dem Traktorschuppen zurück, aber Anita schaffte es noch, ihm stumm einen Zettel mit Erklärungen zu drücken.

Dann fuhren sie los.

 

 

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