Sie verweigerten sich. Gehörten nicht dazu, wenn die Mächtigen „wir“ sagten. Sie hatten es nicht leicht. Aber sie haben Recht behalten.

Es ist heute keine große Kunst, festzustellen, dass etwas im „System Kärnten“ faul war, all die Jahre lang. Und es ist billig, im Nachhinein zu behaupten, man habe es eh schon immer gewusst. Doch es gibt in Kärnten Menschen, die es auch früher schon gewusst – und gesagt haben.

Leute wie Rolf Holub, der grüne Abgeordnete, der den Hypo-Untersuchungsausschuss leitete, und mit seinen Recherchen gegen die verhaberte Politikerkaste nicht locker ließ. Leute wie Angelika Hödl, die als Bürgeraktivistin jahrelang Menschenrechte und Rechtsstaat verteidigte  – speziell, wenn es um die Rechte von Asylwerbern und anderen Underdogs ging. Wie Josef Winkler, der Schriftsteller, der sich dem verordneten Konsens konsequent entzog und über Kärnten stets sagte, was er für notwendig hielt. Oder die Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap, die im Kärntner Narrativ beharrlich stets auch die zweite, verborgene, verleugnete Stimme mitklingen ließ – die slowenische.

Es gab einige. Intellektuelle und enfache Leute mit Zivilcourage. Kulturschaffende und Angestellte, Wirte und Bäuerinnen. Menschen, die in Kärnten blieben und es zu verändern versuchten, statt wegzuziehen. Die das Land Kärnten mochten, und dem System Kärnten trotzten. Doch sehr viele waren es nicht. Und leichtes Leben hatten sie keins.

Wie mag es sich angefühlt haben, jahrelang?  Rundherum sind immer alle lustig, und alle gehören dazu. Hier ein Frühschoppen, dort eine Straßeneröffnung, ein Bieranstrich, ein Feuerwehrfest, der Villacher Fasching und die Fete Blanche. Rundherum ein lärmendes, schulterklopfendes, stets gut gelauntes „wir“, dem man sich unkompliziert anschließen könnte. Man könnte GTI fahren, Beachvolleyball spielen, Dirndl anziehen, bei der Rave-Party abtanzen. Oder zumindest laut mitschunkeln, wenn es die anderen tun.

Es ist wie damals, bei der bestimmenden Clique auf dem Schulhof: Wer lustig und fesch ist, hat gute Chancen, dabeizusein. Wer am lautesten lacht, wenn der Cliquenanführer einen Witz macht, steigt sogar zum Statthalter des Anführers auf. Dann kann man andere aufnehmen oder ausgrenzen, ermuntern oder auslachen, belohnen oder bestrafen, je nachdem.

Wer „wir“ ist, kann damit rechnen, dass man sich um ihn kümmert. Mit einem Job, einem Preis, einer Förderung, einer Beförderung, einem Direktorenposten, einem Auftrag. Oder zumindest mit einem Heizkostenzuschuss oder hundert Euro in bar aus der Hand des Landeshauptmanns. „Unser Geld für unsere Leut“: Dieser FPÖ-Werbespruch kriegt da gleich einen sehr ehrlichen Klang. Ebenso wie das Plakat, das nach Haiders Tod affichiert wurde: „Wir passen auf dein Kärnten auf“.

„Wir“, „uns“: Irgendwann sind das dann fast alle. Ordnen sich willfährig in konzentrischen Kreisen um die Sonne. Und nur noch ein paar seltsame Gestalten bleiben übrig, ganz am Rand, außerhalb des Planetensystems. Sonderlinge. Störrische. Einzelgänger. Underdogs. Randalierer. Spaßverderber. Chaoten. „Kerzerlträger“, „Nestbeschmutzer“ und „Landesverräter“, wie sie heute noch genannt werden. Nicht ernstzunehmen. Dumm. Arm. Selber schuld.

Kärntens Sonderlinge haben nicht sicher wissen können, dass sie eines Tages objektiv recht behalten würden. Dass sich ihr Misstrauen gegen die Stets-Lustigen bestätigt, und ihre trotzige Verweigerung im Nachhinein als gute Menschenkenntnis entpuppt.

Sie haben dennoch durchgehalten, all die Jahre. Hut ab.

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One Response to Hut ab vor den Kärntner Spaßverderbern

  1. Danke für den schönen Artikel – es gab und gibt diese Leute wirklich. Leider sind wir eine Minderheit. Leider werden die “Stetslustigen” nicht weniger oder gescheiter. Aber hoffentlich findet sich keine Mehrheit für die wahren Nestbeschmutzer.

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