Oft war der Schlecker das einzige Geschäft im Dorf, und der einzige Arbeitgeber für Frauen. Jetzt ist er pleite. Nur dem Firmengründer, dem geht es immer noch ganz gut.

Bei Schlecker ist es ruhig. Haarshampoo kriegt man noch. Außerdem den Bauch-weg-Gürtel um 7 Euro 99 (statt 19.99). Oder einen „Merlot Vino2go“, wahrscheinlich eine Art Wein um 12 Cent, in der praktischen Alu-Dose. Nein, besonders schick war Schlecker nie. Weder die Geschäfte noch das Design, weder die Waren noch die Werbung. Weder die dort einkaufenden noch die dort arbeitenden Menschen. Aber Schlecker war oft das einzige, das es gab.

In toten Ortskernen, zum Beispiel. Kein Wirtshaus da, kein Postamt, kein Schuhgeschäft, kein Kaffeehaus. Keine Menschen, keine Schaufenster, keine Waren, keine Kommunkation. Greißler oder Supermarkt oder Imbissstand auch keiner, weil ja alle hinausfahren wollen zum Billa oder Interspar am Ortsrand, wo es den tollen großen Parkplatz gibt. Nur „der Schlecker“ hielt auf den verödeten Hauptplätzen vieler Kleinstädte und Großdörfer Österreichs die Stellung. Der war fast überall. Obwohl man oft vielleicht eher frische Semmeln gebraucht hätte, als billiges Haarshampoo. Aber man nimmt halt, was man kriegen kann. Besser als nichts.

Auch auf brachliegenden regionalen Arbeitsmärkten war Schlecker oft der einzige. Da hat man sich, unter vielen Mühen und Entbehrungen, ein Haus gebaut, auf billigem Grund, in einer strukturschwachen Gegend. Hat offene Rechnungen und Schulden bei der Bank. Ein Kind in der Schule, eins im Kindergarten, aber sowohl Schule als auch Kindergarten sperren schon um zwölf Uhr mittags zu. Kein Auto tagsüber, denn das nimmt immer der Mann, der frühmorgens in die Schicht fährt. Kein Bus, der fährt nur zweimal täglich. Wo soll eine Frau unter diesen Umständen Arbeit finden? Für fünfzehn Wochenstunden höchstens, ausschließlich vormittags, und in einer Entfernung, die sich notfalls mit dem Fahrrad machen lässt?

Was blieb, war der Job als Schlecker-Teilzeit-Verkäuferin. Oder als Schlecker-Teilzeit-Regalbetreuerin. Oder beides in Personalunion, denn oft stand ja eine Frau gar ganz allein im Geschäft. Obwohl sie vielleicht eher Bürokauffrau gelernt hat. Obwohl sie vielleicht ambitionierter gewesen wäre, und gern Anspruchsvolleres gearbeitet und mehr verdient hätte, statt ein paar hundert Euro, knapp an der Geringfügigkeitsgrenze. Aber man nimmt halt, was man kriegen kann. Besser als nichts.

Jetzt ist Schlecker pleite. Wie es mit Schlecker Österreich und den 1350 hiesigen Filialen weitergeht, ist noch offen. In Deutschland jedenfalls haben die 13.000 Filialen bereits zugesperrt, und 25.000 Verkäuferinnen sind arbeitslos. Jetzt gibt es gar kein offenes Geschäft mehr auf den verödeten Hauptplätzen, und gar keine Stellenangebote mehr auf den lokalen Jobmärkten, für unflexible Dazuverdienerinnen mit Betreuungspflichten.

Nur dem Firmengründer, dem bleibt noch einiges. Es habe seit langem und immer wieder „Vermögensverschiebungen“ gegeben, sagt die Staatsanwaltschaft. Grundstücke, Wertgegenstände, Wohnungen, Zentrallager samt Lagerbeständen, ein 13.000 Quadratmeter großes Familienanwesen. An die Kinder übertragen, billig an die Kinder verkauft, der Ehefrau überschrieben.

Die ehemaligen Teilzeitverkäuferinnen hätten noch ein paar Forderungen offen. Nicht ausbezahlte Löhne, nicht abgerechnete Überstunden. Ob sie ihr Geld jemals bekommen, „steht in den Sternen“, sagt die Gewerkschaft.

Leider, leider: Von Schlecker ist nichts mehr da.

 

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