Der New Yorker Bürgermeister will die Fetten zu maßvollerem Essen und Trinken erziehen. Gut, dass er selbst zu den Fitten gehört.

Es gibt die einen. Sie sind sehnig, haben definierte Muskeln und passen auf Anhieb in alles, was sie anprobieren. Sind täglich um sechs Uhr auf, damit sich vor dem ersten Meeting noch eine Stunde im Fitnessstudio ausgeht. Behandeln ihren Körper ebenso sorgfältig wie ihr Börsenportfolio, und achten drauf, was sie essen. Umwege müssen sie dafür nicht machen, denn wo sie wohnen, gibt es Bio-Märkte, Saft-Bars und Delis mit viel Grünzeug. Dort haben die Lokale europäisch klingende Speisekarten, mit kleinen Portionen auf großen Tellern. Der Wein wird deziliterweise gereicht (angesagt ist derzeit übrigens der Grüne Veltliner, „Grooner“ genannt), doch spätestens nach dem zweiten Gläschen ist Schluss. Wochenends, nach dem Yoga, reicht man Rezepte von Hand zu Hand und lädt einander zum Kochen ein, in blitzblanke Edelstahlküchen mit frei stehendem Herd.

Der Körper der einen signalisiert: Ich bin ein gut funktionierender Teil dieser Gesellschaft; ich bin wertvoll und habe mich im Griff.

Dann gibt es die anderen. Sie keuchen schon beim Gehen, und wenn die Oberschenkel aneinanderreiben, macht es seltsame Geräusche. Jogginghosen tragen sie nicht zum Joggen, sondern weil diese am Bund einen Gummizug haben. Sie tragen zentnerschwer am Fett, ihre Sehnen sind mürbe, die Gelenke abgenützt, das Herz rast. Viel weiter als ein paar hundert Meter am Stück schaffen sie nicht, dann müssen sie rasten. Am besten auf den Bänken im Fastfoodlokal, denn auf normale Stühle passen sie gar nicht mehr. In New York gehören diese anderen fast immer der Unterklasse an. Wo sie wohnen, in South Bronx, East Harlem oder Brownsville, gibt es keine Bioprodukte, keine Feinkostläden, keine gutsortierten Supermärkte. Dort stehen ausschließlich Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken, Burger King, Taco Bell, einer neben dem anderen. Es gibt Donuts und Cola zum Frückstück, Pizza und Cola zu Mittag, Burger und Cola am Abend, alles Super Size mit Mayo, das Cola stets im Ein-Liter-Kübel.

Der Körper der anderen signalisiert: So sehen Verlierer aus. Ich bin schwach, willenlos, lasse mich gehen, doch das ist mir egal.

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg gehört zu den einen, und will den anderen nicht länger tatenlos bei der Selbstzerstörung zuschauen. Wisst ihr denn nicht, wie viel Fett in euren Fritten ist? Und wie viel Zucker in einem Liter Cola? Ab Herbst will er, als erzieherische Maßnahme, die Supersize-Gebinde verbieten, und Sprudelgetränke bloß noch in Viertelliterbechern ausschenken lassen. Damit die Fetten zumindest noch einmal ächzend aufstehen müssen, ehe sie sich die zweite Portion holen.

Die Fitten halten den Anblick der Fetten offenbar ganz schwer aus. Sie empfinden Ekel, Sorge um die gesellschaftlichen Folgekosten, vielleicht sogar ehrliches Mitleid. Aber wollen sie tatsächlich, dass die Fetten verschwinden? Dass es keine Fetten mehr gibt?

Eher nicht. Es sind Fitte, die sich für das schlechte Essen die Werbelinien ausdenken, die neuen Rezepturen, die Verkaufstricks und die Expansionsstrategien. Fitte verdienen, wenn die Fetten essen. Und wenn die Fetten ein schlechtes Gewissen haben, abnehmen, Wunderdiäten ausprobieren, Therapien machen oder sich den Magen operieren lassen, verdienen Fitte ebenfalls.

Die einen geben es zwar ungern zu – aber sie brauchen die anderen. Schon allein, um sich nach jeder flüchtigen Begegnung wieder ein kleines bisschen schöner, stolzer und selbstzufriedner zu fühlen.

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