In der Fortpflanzungsmedizin einen ethischen Weg zu finden ist schwierig. Aber mit seiner Pauschalattacke gegen die Bioehtikkommission macht es sich Franz-Joseph Huainigg zu einfach.

Eine Replik auf seinen Gastkommentar

Die österreichische Gestzeslage zur Fortpflanzungsmedizin ist hoffnungslos veraltet. Die Bioethikkommission, eine Runde von 25 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus Medizin, Genetik, Jus, Philosophie und Theologie, ist eine Erfindung von Wolfgang Schüssel, um den Kanzler zu beraten und hier Änderungsvorschläge zu machen. Jahrelang ist sie, unter dem Vorsitz von Christiane Druml, behutsam durch heikles Terrain navigiert und hat es sich nicht leicht gemacht.

Noch ehe ihr Bericht auf dem Tisch liegt, wird sie von Franz-Joseph Huainigg, Behindertensprecher der ÖVP, frontal attackiert: Die Kommission habe „sich verrannt“, schrieb er hier letzte Woche, sie erteile „nahezu jeder ethisch umstrittenen Praxis einen Persilschein.“ Das ist nicht fair. Versuchen wir, das Knäuel aus Vorwürfen zu entwirren.

Niemand darf aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden: Das ist ein Menschenrecht. Jedes Gesetz, das zwischen Behinderten und Nichtbehinderten unterschiedet, ist deswegen prinzipiell problematisch. Das gilt – hier hat Huainnig Recht – auch für die österreichische Rechtslage zum Schwangerschaftsabbruch. Die Abtreibung eines Fötus nach dem dritten Monat ist verboten und mit Strafe bedroht; die Abtreibung eines Fötus mit Behinderung jedoch nicht („eugenische Indikation“).

Für geltendes Recht ist allerdings die Bioethikkommission weniger verantwortlich als der Parlamentsabgeordnete Huainigg. Selbstverständlich könnte man es ändern (z. B indem man nicht den Zustand des Fötus, sondern den Willen der Mutter in den Mittelpunkt stellt, oder die Dreimonatsgrenze ganz abschafft) – was seine Partei, die ÖVP, aber wohl nocht wollen wird. Anders als Huainnig meint, sind Abtreibungen lebensfähiger Föten keineswegs „gängige Praxis“. Sie sind extrem belastende Ausnahmefälle, die zudem immer seltener werden. Denn die Diagnose von Behinderungen verlegt sich immer weiter nach vorne: In ein ganz frühes Stadium der Schwangerschaft, oder – bei In-Vitro-Fertilisationen –  sogar ins Reagenzglas.

Doch genau hier, bei der Präimplantationsdiagnostik (PID), beginnt das Problem. Die ist in Österreich nämlich verboten. Eltern, die einen Gendefekt in sich tragen, dürfen eine Blastozyste außerhalb der Gebärmutter nicht untersuchen lassen. Sie dürfen sie bloß erst einsetzen, warten und dann abtreiben lassen. Das ist zynisch und grausam.

Der Vorschlag der Kommission, PID unter genau definierten Bedingungen zuzulassen, ist daher überfällig. Huannig jedoch sieht darin eine „Selektion nach gesund und behindert“, „nach gut und schlecht, nach wertem und unwertem Leben“. Damit stellt er eine Blastozyste auf dieselbe Stufe mit einem lebenden Menschen. Und unterstellt Paaren mit Kinderwunsch, sie würden Behinderten das Lebensrecht absprechen wollen.

Huainigg wünscht uns in eine Zeit zurück, in der man der Natur nicht dreinpfuschte; als man Kinderlosigkeit ebenso als „Schicksal“ hinnahm wie die Zahl der gesunden und behinderten Kinder, die es einem bescherte. Wünschen hilft jedoch nichts. Empfängnisverhütung ist ebenso in der Welt wie künstliche Befruchtung, Diagnosemethoden für Krankheiten ebenso wie Medizin dagegen. Die Frage ist: Wie gehen wir mit diesen Möglichkeiten um, wer verteilt die Informationen, und wer entscheidet? Frauen absichtlich in Unwissenheit zu halten, damit sie sich einfacher in ihr „Schicksal“ fügen können: Das ist eine Strategie, aus der ziemlich viel Paternalismus spricht.

Huanigg warnt davor, die Körper von Frauen zu „kommerzialisieren“ und „auszubeuten“, vor dem „Handel mit Eizellen“ und „Leihmutterschaften“. Aber Selbstbestimmung über den eigenen Körper gesteht auch er ihnen nicht zu. Wer das Recht auf Abtreibung in Frage stellt; wer darüber mitreden will, welche Schwangerschaft eine Frau austragen soll und welche nicht, für den ist ein Frauenkörper ebenfalls bloß Mittel zum Zweck. Eine Hülle, die dem „heranwachsenden Leben“ oder höheren Prinzipien dient.

Ganz schwierig wird es schließlich, wo Huainnig Medizinethik mit Familienpolitik verknüpft. Dass in Österreich bisher nur heterosexuelle Paare die Hilfe der Fortpflanzungsmedizin in Anspruch nehmen dürfen, nicht aber alleinstehende oder in homosexueller Partnerschaft lebende Frauen, widerspricht dem Gleichbehandlungsgrundsatz. Auch hier schlägt die Kommission eine eigentlich längst überfällige Anpassung an europäische Rechtsstandards vor.

Aber so sehr Huainigg bei Behinderten auf Gleichbehandlung pocht, so wenig will er diese Homosexuellen zugestehen: „Bewusst vaterlos gezeugte“ Kinder würden so entstehen, die „kaum eine Chance haben werden, ihren leiblichen Vater jemals kennenzulernen“ sagt er, was nicht im „Wohl des Kindes“ sei.

Ja, Herr Abgeordneter: Es gibt tatsächlich Kinder, die ohne ihren genetischen Vater aufwachsen. Es gab sie auch in Zeiten, als noch „das Schicksal“ über die Fortpflanzung bestimmte. Wie es um ihr „Wohl“ bestimmt ist, ist jedoch sehr unterschiedlich. Es hängt von vielen Faktoren ab – etwa ob sie Wunschkinder sind, geliebt werden, stabile Bezugspersonen haben.

Gar nichts hingegen hat es damit zu tun, ob ihre Eltern homosexuell sind oder heterosexuell, behindert oder nichtbehindert, ledig oder verheiratet – oder mit der Frage, ob ihre Befruchtung in einem Bett oder in einem Reagenzglas stattfand.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.