Aurica Grecu ließ ihre Kinder in Moldau zurück, um in Österreich zu putzen und fremde Kinder zu hüten. Einer ihrer Arbeitgeber war Regisseur Ed Moschitz. Daraus entstand der Film „Mama Illegal“.

Ein Gespräch mit dem Regisseur und seiner Hauptfigur.

Im Dorf, wo Aurica Grecu wohnt, ist der Strom ausgefallen. Das kann ein paar Stunden oder ein paar Tage dauern, und ohne Strom funktionieren weder Festnetztelefon noch Skype. Das Gespräch gerät so zu einem kleinen Test migrantischen Alltags-Know-Hows: Eine Putzfrauenkollegin verrät uns die Nummer eines Telefondiskonters, der Mobilminuten in die Republik Moldau um 14 Cent vermittelt. Wir reden über Lautsprecher. Die Rückkoppelungen in der Leitung kriegt Regisseur Ed Moschitz in den Griff, indem er den Hörer mit Klopapier umwickelt, fest aufs Telefon drückt und das ganze Paket in der Luft hält.

Falter: Frau Grecu, es ist nicht so einfach, mit Moldau zu telefonieren. Wie haben Sie eigentlich jahrelang mit Ihren Kindern kommuniziert?

Aurica Grecu: Oje, das war früher sehr kompliziert, sehr teuer. Einmal in der Woche haben wir telefoniert, maximal zehn Minuten, für ungefähr 20 Euro. Acht, neun Jahre ging das so, immer schnell reden, immer nur zehn Minuten.

Falter: Bis es Skype gab.

Grecu: Skype war unser Luxus! 2009 kaufte ich in Wien einen Computer und schickte ihn ins Dorf, dann konnte ich die beiden endlich auf dem Bildschirm anschauen. Ich hatte sie so lang nicht gesehen! War nicht dabei an ihrem ersten Schultag. Wusste nicht, was ziehen sie an, was essen sie. In der Nacht träumte ich, wie ich sie zur Schule begleite. Und dann bin ich aufgewacht, in einem anderen Land. Ich hab viel geweint.

Falter: Wie hält man das aus?

Grecu: Nur mit den anderen, fremden Kindern. Sie zu spüren, war, wie bei meinen eigenen zu sein. Nach dem Schlafenlegen dachte ich immer – was machen meine jetzt? Schlafen sie auch schon? Die österreichischen Kinder sind so glücklich, dass sie mit Mama und Papa aufwachsen können.

Falter: Diese Kinder waren, unter anderen, die beiden Mädchen von Ed Moschitz.

Moschitz. Ja. Die waren….wie alt waren sie damals, Aurica?

Grecu: Zehn Monate die Amina, Luisa war zwei Jahre.

Moschitz: Du warst die einzige Babysitterin, die gut mit ihnen umgehen konnte. Vorher hatten wir eine Studentin, die mit Luisa im Jänner drei Stunden spazieren war, und sie mit einer Lungenentzündung zurückbrachte. Du konntest das, weil du eigene hattest.

Falter: Sie haben Ed anfangs verheimlicht, dass Sie selbst Kinder haben. Warum?

Grecu: Ich hatte Angst. Ich dachte: Was werden diese Leute denken, wenn ich ihnen sage, dass ich selber Mama bin? Dass ich meine eigenen Kinder zurückgelassen habe? Welche Art Mama ist man da? Das wird niemand verstehen. Erst nach über einem Jahr hat Eds Frau mich direkt gefragt, und ich hab erzählt, von Viktor, Diana, meinem Mann, und dass wir ein Haus bauen.

Moschitz: Ich kann mich gut erinnern. Da war ein Familienfoto von uns, und du hast zwei Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren dazugestellt. Der Moment hat mich sehr betroffen gemacht. Ich dachte mir: Warum muss ich anderen Kindern die Mutter wegnehmen? Bin ich Schuld?

Grecu: Wieso sollst du Schuld sein? Ich habe mir die Arbeit selbst gesucht. Es war mir egal, welche Arbeit. Ich wollte nur wegkommen von der Armut. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass wir eine schöne, moderne Familie haben, und wollte etwas für meine Kinder tun. Das hab ich geschafft.

(Schweigen)

Ich hab es geschafft. Aber es hat mich viel gekostet. Ich war nicht dabei, wie sie aufgewachsen sind, und wir haben den Papa verloren.

Falter: Im Film ist zu sehen, wie Ihr Mann Mischa begraben wird. Wir müssen nicht darüber sprechen.

Grecu: Er war ein guter Papa. Das einzige Problem war: Er hat keine Arbeit gehabt, wie fast alle im Dorf. Während ich weg war, hat er sich um alles gekümmert, die Kinder, Schule, Haushalt. Viele andere Männer, die alleingeblieben sind, trinken.

Moschitz: Es ist eine entwürdigende Situation für die Männer dort. Für uns ist es normal, dass ein Vater Babys wickelt. Aber die moldawischen Männer waren darauf nicht vorbereitet. Die waren auf Lohnarbeit sozialisiert, und dann brach die Sowjetunion zusammen, und es gab keine Lohnarbeit mehr.

Grecu: Als ich aus Wien zurückkam, hat mein Mann mich nie gefragt, wie viel Geld ich eigentlich mitgebracht habe. Er wollte es gar nicht wissen. Er hat nie getrunken – nur wenn ich von Europa erzählt habe, und von meinem Leben dort, dann schon. Meine Kinder waren mit all den schönen Sachen sehr zufrieden. Aber mein Mann hat es nicht verstanden. Es war eine Tragödie.

Falter: Was waren denn die schönen Sachen?

Grecu: Kein Luxus. Nur ein schönes Haus, und dass die Kinder zur Schule gehen. Wir hatten kein Fernsehen, kein Radio, keine Waschmaschine, keinen Kühlschrank, als ich weggegangen bin. Wir waren wirklich sehr arm.

Falter: Eine andere Möglichkeit als Putzen gab es nicht?

Grecu: Ich und mein Mann waren davor zwei Jahre in Russland, Wohnungen renovieren, und sind mit hundert Dollar zurückgekommen. Zwei Erwachsene, zwei Jahre Arbeit, für hundert Dollar! Alles mussten wir ausgeben für die Zugtickets, die Wohnung. Der Russe hat uns nicht verstanden, wir waren Fremde, wie Sklaven. Dann sagte meine Schwester, wir müssen es in Westeuropa versuchen. Gottseidank hat das geklappt.

Falter: Wie?

Grecu: Wir hatten ein Visum bis Tschechien, dann sind wir einfach so nach Österreich.

Falter: Sie sind aber ein Mensch, der sich normalerweise an Gesetze hält?

Grecu: Aber ja! Ich verstand erst nach ein paar Monaten, dass ich illegal bin. Dann war ich war sehr vorsichtig, überall, auf der Straße, im Bus. Ich musste gut aufpassen, dass die Familien mit mir zufrieden sind, damit ich dort bleiben kann. Jeden Tag hab ich an den nächsten Tag gedacht – und gehofft, dass ich nicht weg muss.

Falter: Man hat ständig Angst?

Grecu: Jahrelang. Jeden Tag, immer. Vor der Polizei, und auch vor den Leuten, bei denen ich arbeitete. Angst, dass mit den Kindern etwas passiert, und ich bin Schuld. Angst, dass ein Teller kaputtgeht. Und beim Bügeln Angst, dass das Gewand verbrennt.

Moschitz: Ich kam erst irgendwann drauf, dass du illegal im Land bist, und wusste nicht, wie man mit der Situation umgeht. Wir sind da hineingestolpert. Als junge Familie probiert man alles mögliche aus, bekommt hier und dort einen Tipp. Und dann endlich ist man in einer Situation, wo alles passt, die Kinder verstehen sich gut mit dir, du brauchst das Geld – was tut man da? Hätte ich dir die Arbeit wegnehmen sollen?

Grecu: Besser nicht.

Falter: Viele Leute beschäftigen Putzfrauen und Babysitter ohne Arbeitsgenehmigung, und finden das ganz selbstverständlich.

Moschitz: Nein, es ist nicht normal. Ich komme aus kleinen Verhältnissen, vielleicht wars mir deswegen so unangenehm.

Falter: Und was macht man dann?

Moschitz: Einen Film. Ich hab dich, Aurica, gefragt, ob ich mit dir nach Hause mitfahren kann, um zu dokumentieren, wie man eine Illegale wird. Wie war das für dich?

Grecu: Ich war nervös. Hab mich gefragt: Was wollen die von mir? Aber mein Mann, meine Eltern, Schwestern sagten: Warum nicht? Wir tun nichts Böses. Wir arbeiten, für die Familie. Das kann man herzeigen.

Moschitz: Das war sehr mutig. Ein großer Vertrauensbeweis, auch mir gegenüber.

Grecu: Ja. Ach Gott.

Falter: Weniger mutig waren die österreichischen Arbeitgeber.

Moschitz: Ja. Es war schwierig bis unmöglich, jemanden zu Interviews zu bewegen oder in Wohnungen drehen zu dürfen. Der ganze Bereich ist ein Tabu. Und ich wusste, ich muss unsere Geschichte öffentlich machen, stellvertretend für viele andere. Wie soll sich sonst je etwas ändern, wenn alle schweigen?

Falter: Wie war das, als Ed mit der Kamera ins Dorf kam?

Grecu: Sehr lustig. Das sind ja so viele Leute! Für die war es eine Zeitreise. Die Kühe auf der Straße, das Wasser vom Brunnen, die barfüßigen Kinder, die vielen Gänse überall – so war das wohl früher auch in Österreich. Ich habe in Eds Augen gesehen, wie gut es ihm gefallen hat, die unmoderne Zeit.

Moschitz: Ich komm ja auch vom Land, aus der Steiermark. Mein bester Freund war ein Bauernkind. Die Geräusche, die Gänse, all das hab ich sofort wiedererkannt. Aber man findet es nur drei, vier Tage lang romantisch.

Grecu: Wennn man nach zwei Jahren aus Österreich zurückkommt, und es hat sich überhaupt nichts verändert, ist es nicht romantisch.

Moschitz: Es gab einen Moment, in dem mein Bild kippte. Ich war in Viktors Schule, die Lehrerin geht von einem Kind zum anderen, und fast jedes Kind erzählt, dass seine Mutter irgendwo im Ausland ist, in Italien, in Griechenland, Österreich. Da begriff ich, dass das Problem ganz Europa betrifft. Die illegalen Einwanderer in Westeuropa sieht man nicht, sie haben ja kein Schild umgehängt. Doch dort, in den moldawischen Dörfern, wenn man keine Frauen auf der Straße sieht, merkt man, dass sie fehlen.

Falter: Sprechen die Frauen zu Hause offen darüber, was sie im Ausland erleben?

Grecu: Im Sommer kommen viele, erzählen von Paris oder Athen, wie teuer die Wohnungen sind, die Bustickets, das Essen, wo es schmutzig ist und wo weniger. Ich glaube, in Wien war es besser als anderswo.

Moschitz: Manche Frauen erzählen auch, wie sie ausgebeutet werden. Wie sie Tag und Nacht pflegebedürftige Menschen versorgen, um 500 Euro im Monat.

Falter: Wenn ihre Tochter in Österreich putzen gehen will, was sagen Sie ihr?

Grecu: Das wird sie niemals tun. Sie hat gesagt, sie will studieren und einen guten Job machen, nicht so wie ich.

Falter: Sie und Ihre Tochter haben ein Visum bekommen, und kommen zur Filmpremiere nach Wien. Wie wird das sein?

Grecu: Ich will diesen Film nicht sehen. Aber ich werde ich sehen. Dieser Film ist mein Leben, ich weiß, wie traurig es ist.

Moschitz: Du kannst einen Sitzplatz nehmen, wo du schnell rausgehen kannst. Aber am Schluss musst du da sein. Ich will erleben, wie du Applaus bekommst.

Grecu: Ich hoffe, dass der Film hilft, damit man uns in Europa besser versteht. Wir sind nicht Schuld, dass wir hier geboren sind. Nein, anders: Ich bin froh, dass ich hier geboren bin. Aber ich bin nicht Schuld, dass wir arm sind.

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