Der Film „Mama Illegal“ bricht ein Tabu und rückt den unerträglichen Zynismus der europäischen Migrationspolitik ins Blickfeld. Höchste Zeit.

Aurica Grecu, Staatsbürgerin der Republik Moldau, freute sich sehr, als sie neulich am österreichischen Konsulat in Chisinau vorsprach: Sie bekam nicht bloß ein anstandslos ein Einreisevisum – nein, die freundlichen Beamten fragten sogar nach, ob sie und ihre Tochter denn nicht noch länger in Österreich bleiben wollten als eigentlich geplant. In Frau Grecus Leben ist das eine völlig neue Erfahrung. Zehn Jahre lang musste sie sich heimlich über die Schengengrenze schleichen, um in Österreich als Putzfrau Geld zu verdienen. Denn so gern Österreich ihre Arbeitskraft nütze –Visum wollte es keines dafür hergeben. Das gibt es erst, seit Grecu keine Putzfrau mehr ist, – sondern Hauptfigur eines eben angelaufenen Dokumentarfilms über Putzfrauen (siehe Seite xx).

Besser könnte man die Scheinheiligkeit der europäischen Migrationspolitik kaum illustrieren.

Familien überall in Europa stehen vor ähnlichen Problemen. Wie kriegt man die Organisation des Alltags hin, mit unregelmäßigen Arbeitzeiten und immer mehr Flexibilität, wenn man sich gleichzeitig um kleine Kinder, alte, kranke oder behinderte Angehörige kümmert? Wem kann man stundenweise einen Säugling anvertrauen, was tut man, wenn die Demenz des Großvaters schlimmer wird, und wer macht, wenn alles andere erledigt ist, dann noch die Bügelwäsche?

Ja, die meisten Familien schaffen das am Ende des Tages irgendwie. Doch fast alle brauchen an einer der vielen Sollbruchstellen ein bisschen Hilfe. Informelle, unbürokratische, billige Hilfe. Es herrscht allgemeine Übereinkunft, darüber nicht allzu viel zu reden. Irgendein Gesetz verletzt man dabei immer: Arbeitsrecht, Steuerrecht, Sozialversicherung, ziemlich egal. So genau will es auch der Staat nicht wissen. Absichtlich. Denn würde er illegale und halblegale Dienstleistungen tatsächlich verfolgen –  wer würde sich  dann um die Babys, die Pflegefälle, die Arbeit im Haushalt kümmern? Er etwa?

Bürger und Bürgerinnen von Schengen-Europa kommen mit dieser Wurschtigkeit normalerweise ganz gut zurecht. Der Zynismus des ganzen Arrangements offenbart sich jedoch, sobald es um Menschen von außerhalb der Schengengrenze geht. Auch die werden hier in großer Zahl gebraucht. Doch beim Fremdenrecht ist es mit der Wurschtigkeit Europas schlagartig vorbei.

In seiner ganzen Tragweite begreift man das erst, wenn man die Schengengrenze einmal von außen betrachtet, aus der Perspektive einer ukrainischen oder moldawischen Arbeitsmigrantin. Jede Überquerung der Grenze macht sie zur Gesetzesbrecherin. Sie bedeutet Angst, hohe Kosten, die Gefahr, erwischt, abgeschoben und mit Einreiseverbot belegt zu werden, sie ist ein Risiko, das man nur im äußersten Notfall eingeht. So hält diese Grenze Eltern jahrelang von ihren Kindern fern, Ehefrauen von ihren Ehemännern. Hindert sie daran, bei einer Hochzeit, einem Begräbnis, am ersten Schultag dabeizusein, oder rasch helfen zu können, wenn die Tante krank wird. Sie zerschneidet Bindungen. Solange, bis sich bei den zurückgelassenen, überforderten Großeltern Bitterkeit einschleicht, Kinder sich abwenden, Familien zerbrechen.

Von außen betrachtet, verhindert die Schengen-Grenze jede Möglicheit zur vernünftigen Lebensplanung. Sie unterwirft Migrantinnen der Willkür, dem Zufall, den Launen ihrer Arbeitgeber und ihrer Gastländer. Die permanente Angst, die sie erzeugt, macht Migrantinnen erpressbar, abhängig und leichter ausbeutbar.

Dieser Zustand ist grausam und entwürdigend. Noch dazu ist die Grausamkeit völlig unnötig.

Man kann es ganz pragmatisch sehen: Solange es in einem Teil Europas eine ungedeckte Nachfrage nach bestimmten Arten von Arbeit gibt, und in einem anderen Teil Europas Menschen, die bereit sind, diese Arbeit zu machen, wird es Arbeitsmigration geben. Die meisten dieser Menschen wollen gar nicht weg von daheim. Sie wollen sich oder ihren Kindern eine Ausbildung finanzieren, ein Haus bauen, ein Grundstück kaufen, Kapital ansparen. Sie wollen nicht auswandern, sondern sind bereit, für Monate, Jahre, oder einen ganzen Lebensabschnitt hin- und herzupendeln.

Doch diese Art Arbeitsmigration ist in Österreich – wie in den meisten EU-Staaten – kaum vorgesehen. Die Ausländerpolitik ist dem Ziel der „Integration“ unterworfen; mit Leuten, die ohnehin nicht bleiben wollen, weiß sie nichts anzufangen. Saisonnier-Visa gibt es nur für Erntehelfer und im Tourismus. Aber warum eigentlich? Warum gelten Schlosser und Dreher als „Schlüsselarbeitskräfte“, nicht aber jene Putzfrauen, Babysitter und Pflegerinnen, die Schengen-Europa mindestens ebenso dringend braucht? Und warum ist das österreichische Konsulat in Chisinau keine Servicestelle, die all jenen, die uns ihre Kraft und Leistung zur Verfügung stellen, im Gegenzug Informationen, Beratung und maßgeschneiderte Papiere zukommen lässt?

Sich in der Familie helfen zu lassen und manchmal überfordert zu sein, ist keine Schande. Ebensowenig ist es eine Schande, Hausarbeit gegen Geld zu verrichten. Eine Schande ist bloß, jene Menschen, die diese Arbeit machen, absichtlich in der Illegalität zu halten – damit man sie noch billiger kriegen kann.

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