Jörg Kachelmann rechnet ab. Mit seinen Ex-Freundinnen, der Justiz, Deutschland, den Medien, dem Feminismus. Wie alle Pauschalabrechnungen ist das eher ermüdend.

Eine Rezension

Es muss ein Alptraum sein: Vergewaltigt zu werden, die Tat anzuzeigen, und dann zu erleben, wie einem vor Gericht nicht geglaubt wird.

Es muss ein Alptraum sein: als Vergewaltiger angezeigt zu werden, ohne irgendetwas getan zu haben, und dann zu erleben, wie einem vor Gericht nicht geglaubt wird.

Beides kommt vor – wie oft das eine, wie oft das andere, kann niemand seriös abschätzen. Beides ist schrecklich. Doch beides wird immer wieder vorkommen. Weil es bei einer Vergewaltigung außer Täter und Opfer meistens keine weiteren Zeugen und selten eindeutige Beweise gibt. Weil es sich meistens um Beziehungsdelikte handelt. Weil meistens Aussage gegen Aussage steht – einer lügt, einer sagt die Wahrheit. Oder beide sagen verschiedene Teile verschieden empfundener Wahrheiten.

Jörg Kachelmann, Wettermoderator der ARD, wurde, wie alle Welt inzwischen weiß, im März 2010 von seiner Ex-Freundin Claudia D. wegen Vergewaltigung angezeigt. Im Mai 2011 wurde er rechtskräftig freigesprochen. Doch einfach in sein Leben zurückkehren und wieder übers Wetter reden – das konnte Kachelmann nicht. Stattdessen schrieb er, gemeinsam mit seiner Ehefrau Miriam, ein Buch. Es ist sehr dick geworden, 384 Seiten mit Anhang, und muss sehr viel Arbeit gewesen sein. Als therapeutische Maßnahme war es wahrscheinlich wichtig. Aber ist es deswegen ein gutes Buch, das man gern liest? Nein.

Man kennt das ja von nichtigeren Anlässen, wenn man als Außenstehender in einem Beziehungsstreit von einer Seite zum Schiedsrichter gemacht wird. Wie man dann zugetextet wird. Wie sich in Endlosschleifen die Rechtfertigungen wiederholen, und die immergleichen Anekdoten, die ein für allemal beweisen sollen, dass die Ex von Anfang an eine durchtriebene Lügnerin, und man selbst ein gutmütiger, netter, allenfalls etwas naiver Kerl gewesen sei. Meistens kommt bei solchen Tiraden irgendwann der Punkt, an dem man nicht mehr Wort für Wort zuhören kann.

In diesem Buch kommt dieser Punkt recht bald. Kachelmann hat nämlich kein Gefühl mehr für das richtige Maß. Er sieht keine Polizistinnen, Anwälte, Gutachter, Reporterinnen mehr, sondern nur noch „Knallchargen“, „Ratten“, „Charakterwiderlinge“, „Scharlatane“, „Wahnsinnige“ und „Frustfrauen“. Seine Gefängniszeit nennt er „die Hölle“ und „eine schier unendliche Geschichte des Leids“. Um die Zahl der Kakerlaken in seiner Zelle zu umschreiben, braucht er mehrere Zeilen: „Die Population reichte aus, um in längstens achtzig Tagen die ganze Welt entomologisch wiederzubevölkern, falls irgendwo ein Vulkan ausbricht oder ein Komet einschlägt.“ Und seinen Geschlechtsgenossen rät er: „Meiden Sie Baden-Württemberg! So viel sollte Ihnen Ihr Leben wert sein.“

Da möchte man, bei allem Respekt vor seinen Blessuren, sagen: Jörg, du übertreibst. Und genau das sagt Miriam auch, indirekt zumindest. In den von ihr geschriebenen Kapiteln spielt sie die Rolle der standhaften, gewissenhaften Beschützerin, die über jede Ungerechtigkeit penibel Buch führt, jede Begegnung protokolliert, jede Schmähung auffängt und jede Falschbehauptung widerlegt. Man muss Jörg Kachelmann zu dieser Ehefrau gratulieren – so viel Loyalität, so viel Kampfgeist kann man sich privat nur wünschen. Aber ein bisschen blind macht Liebe dann halt doch. Wird eine Ex-Freundin einer Lüge in einem Interview überführt, wird sie seitenlang auseinandergenommen. Wird Jörg einer Lüge in einem Interview überführt (denn auch das kam vor), dann kommt er mit einem flüchtigen „ich hatte leider nach der verkorksten Nacht nicht die Kraft, es gegenzulesen“ davon.

Ja, Grenzüberschreitungen sind im Fall Kachelmann passiert, im Prozess ebenso wie in der medialen Berichterstattung. Dass ein Tribunal über seinen Lebensstil abgehalten wurde, war der Wahrheitsfindung nicht dienlich. Polizei, Gutachter und Anwälte machten Fehler. Boulevardmedien verletzten Persönlichkeitsrechte und ignorierten die Unschuldsvermutung.

Dieses Buch jedoch versucht, daraus ein prinzipielles Problem des deutschen Rechtsstaats abzuleiten – und da gerät es auf die schiefe Bahn. Kachelmann sieht sich nicht als Einzel-, sondern als Normalfall; als Stellvertreter, und zwar gleich „für Männer der gesamten westlichen Hemisphäre“. Er behauptet, es gebe einen „feministischen Mainstream“, der das gesamte Justizsystem beherrscht, einen „Opferkult“, und eine „gegen den Mann an sich gerichtete Parteiergreifung“, die Männer systematisch zu Tätern stempelt. Absichtliche Falschanzeigen wegen Vergewaltigung dienen in diesem System quasi als Allzweckwaffe, die routinemäßig gezückt wird, wenn eine verlassene Frau sich an ihrem Ex-Mann rächen oder ihm das Sorgerecht für die Kinder entziehen will.

Dass „die überwiegende Mehrzahl aller Verwaltigungsanzeigen bewusst gelogen“ seien, ist jedoch eine ziemlich gewagte Behauptung. Woher die Kachelmanns das wissen? Im ganzen Buch finden sich dafür exakt zwei Belege. Die eine ist ein „Prof. Klaus Püschel, der als Experte für Selbstverletzungen gilt“, und die Zahl der Falschaussagen auf „ein Viertel bis ein Drittel schätzt“. Als zweiter Beleg kommen die Niederösterreichischen Nachrichten zu Ehren, und ein Herr „Leo Lehrbaum, Leiter der Gruppe ‚Sitte’ des dortigen Landeskriminalamts“, der in der NÖN sagt: „Durchschnittlich vier von fünf Anzeigen entpuppen sich als erfunden!“

„Vermutlich ist das auf Deutschland übertragbar“, folgern Jörg und Miriam Kachelmann. Aber ein sehr solides Fundament für ein Verschwörungsweltbild ist das nicht.

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One Response to Im Namen aller Männer der westlichen Hemisphäre

  1. Hugo Gold sagt:

    die Frage ist ob derlei Prozesse nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden sollten. Dann könnten für die Betroffenen wenigstens viele Peinlichkeiten und Demütigungen vermieden werden. Allein wenn ich an die bösartig dubiose Rolle der sonst so integren Alice Schwarzer denke wird mir übel.

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