Nicht für jedes Problem ist politisches Asyl die richtige Lösung. Österreich hat alle anderen möglichen Lösungen jedoch systematisch abgeschafft. Vier aktuelle Beispiele.

Geschichte Nummer eins: Sobald der Winter kommt in Serbien und im Kosovo, machen sich einige der dortigen Roma auf den Weg in den Norden. In Deutschland und in Belgien ist es wärmer. Es gibt dort feste Unterkünfte, die für ein paar Wochen gut tun, während die Siedlungen daheim im Schlamm versinken, und der eisige Wind durch die Ritzen zwischen den Wellblechen pfeift. Eventuell kann man mit dem Kind, das schon so lang hustet, in Deutschland zu einem Arzt gehen, vielleicht sogar mit Gelegenheitsjobs ein bisschen Geld verdienen, um im nächsten Frühjahr das Dach auszubessern. Man hat gehört, dass Deutschland manchmal sogar eine Prämie zahlt, wenn man freiwillig wieder heim nach Serbien geht. Und man will ja eh wieder heim – spätestens im Frühling.

Geschichte Nummer zwei: Die Wiener Polizei führte vergangene Woche Razzien am Wiener Straßenstrich durch. Schon seit Jahren hat sich im allerbilligsten, allerschäbigsten Segment des Sexmarkts eine besonders perfide Technik der Frauenausbeutung etabliert: „Vermittler“ bringen junge Nigerianerinnen hierher, machen sie mit Psycho-Manipulationen gefügig, die Frauen stellen einen Asylantrag, arbeiten monatelang horrende fiktive „Schulden“ ab – bis sie, nach Ablehnung ihres Antrags, abgeschoben werden. Den Ausbeuter freut das doppelt: Erstens kommt er so nie in Verlegenheit, den Mädchen etwas zahlen zu müssen; zweitens schafft ihm Österreich Zeuginnen vom Hals, die ihm gefährlich werden könnten, wenn sie aussagen.

Geschichte Nummer drei: Der Film „Mama Illegal“, eben im Kino, zeigt das Leben moldawischer Putzfrauen. Sie sind keine EU-Bürgerinnen, haben keine Chance auf ein Visum, müssen heimlich die Grenze überqueren, was gefährlich und teuer ist. Einmal hier, haben sie exakt zwei Möglichkeiten: Entweder illegal zu bleiben, was bedeutet: Jeden Tag Stress, Angst vor Entdeckung. Oder einen Asylantrag stellen – dann sind sie vorübergehend legal, dürfen aber nicht arbeiten. In beiden Fällen macht sie der Gesetzesbruch ausbeutbar und erpressbar, auch von ihren Arbeitgebern.

Geschichte Nummer vier: In Traiskirchen sind einige minderjährige Flüchtlinge gestrandet, die von sämtlichen Behörden im Stich gelassen werden. Es handelt sich um Kinder. 12, 13jährige Buben, die meisten aus Afghanistan, am Ende einer weiten, gefährlichen Reise ins Unbekannte, in LKWs, in Containern, zu Fuß. Sie hoffen, an irgendeinen Ort zu kommen,  wo sie etwas lernen können, einen Job finden, oder sich sonst eine Perspektive auftut, aus ihrem Leben noch etwas zu machen, jenseits von Afghanistan. Man kann sich kaum vorstellen, was die Trennung, die Angst, die Einsamkeit, der Stress auf einer derartigen Odysee in der Psyche eines Halbwüchsigen anrichten.

Alle vier Geschichten handeln von Menschen, die gute, existenzielle Gründe haben, von daheim wegzugehen. Von Menschen, denen geholfen werden könnte: mit vorübergehendem Schutz, einem Stipendium, einer Arbeitsgenehmigung, einem Saisonniervisum, einer Green Card, je nachdem. Das Problem ist: Alles das gibt es nicht in Österreich. Österreich hat die Schotten dicht gemacht, und den genannten Menschen de facto alle offiziellen Wege zu Einreise, Aufenthalt, Besuch, Ausbildung, Arbeit oder dauerhafter Einwanderung versperrt.

So macht Österreich Menschen, die womöglich gar keine Asylwerber sein wollen, zu Asylwerbern. Wem ist damit geholfen?

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One Response to Wie Österreich Menschen zu Flüchtlingen macht

  1. sebastian zimmel sagt:

    Sehr geehrte Frau Hamann,

    Ich habe Ihren quergeschriebenen Artikel über vier aus dem Leben gegriffene Beispiele in Österreich gestrandeter Flüchtlingsschicksale in Kopie an die Damen Mikl-Leitner, Schmid und die Herren Kurz, Strache, Faymann und auch Cap (‘Das Boot ist voll’) geschickt. Nur so zum Nachdenken über die Feiertage. Es könnte ja sein, daß ihre Sekretariate vor lauter Schielen auf Quoten, Sager und bunte Beliebtheits Rankings das einfach überblättert haben. Vom Dienstwagen aus sieht man ja nicht in die Gürteletablissements, in Traiskirchen sind kaum Wählerstimmen zu holen und um die Bedienerin kümmert sich eh die Gattin.
    Die Liste der Beispiele ließe sich lange fortsetzen. Leider !

    mit bestem Gruß

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