Wie Frauen zu Dingen gemacht werden, was ihre reproduktiven Organe damit zu tun haben – und wie man sie wieder zu Menschen macht

Ein Vortrag bei einem Ärztekongress

Ich möchte mit der Burka anfangen. Ich habe Ihnen eine mitgebracht. Wenige Momente haben eine ähnlich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen wie jener, als ich auf einem Markt in Kunduz in einem kleinen Burka-Geschäft stand, mir eine aussuchte, freundlich mit dem Händler verhandelte, er mir freudig nach abgeschlossenem Deal mit der Nagelschere den Sehschlitz aufschnitt, und ich sie anprobierte. Nur noch hinauszuschauen durch das Fenster in die Welt. Das vergittert ist.

Ich muss ein seltsamer Anblick gewesen sein. Zu groß geraten, Bergschuhe schauten unten raus, und wahrscheilich habe ich den falschen Schritt, um unauffällig zu sein. Aber ich kann Ihnen sagen: Man fühlt sich, als Mensch, als Individuum, schlagartig anders, sobald man so etwas anhat. Es ist heiß. Kunststoff. Man schwitzt. Man sieht die Welt durch ein Gitter.  Die Öffnung verrutscht oft, dann sieht man überhaupt nichts mehr. Hält sie mit dem Mund fest. In der iranischen Variante, wo es dicker schwarzer Baumwollstoff ist, siegt man immer die Spuckeflecken vorn.

Man ist in dieser Hülle ganz allein. Man kann sich unterschiedlichem Tempo bewege, aber das ist schon die einzige Art der Körpersprache, die einem zur Verfügung steht. Man kann nicht gestikulieren, nicht auffallen. Man kann keine Hände schütteln, nicht fotografieren, sich keine Notizen machen – aber Journalistin sein ist ja eh nicht vorgesehen. Man kann nicht sichtbar blinzeln, lachen, grantig schauen, ausspucken (was die Männer gern tun in aller Öffentlichkeit). Man hat, jenseits leisen Gemurmels, kaum Möglichkeiten, mit irgendwem Kontakt aufzunehmen.

Vor allem aber: Es ist wie bei Harry Potters Unsichtbarkeitsmantel. Man verschwindet, als sei man gar nicht da. Man ist zwar hellblau, aber man taucht ein in eine ununterscheidbare Masse aus hellblau, in ein Meer, alle mit derselben Farbe, aus demselben Material. (Ich hab mich immer gefragt, wie die Kinder es eigentlich schaffen, in diesem Meer ihre Mutter zu erkennen, und auf dem Markt der richtigen Frau hinterherzugehen). Man ist ab diesem Zeitpunkt kein Individuum mehr, sondern bloß noch Angehörige der Gattung Frau – von der gar nicht mehr so sicher ist, ob sie überhaupt zur Gattung Mensch gehört. Eher etwas flatterndes, Vogelartiges, ein Etwas. Ein Ding.

Die Burka führt vor: Wenn man den Körper verschwinden lässt, verschwindet man als Mensch.

Genau das ist der Sinn der Sache bei den Taliban. Die Frau muss weg. Ihr Körper muss weg. Aus dem Blick, aus dem öffentlichen Raum, aus der Spähre, in der kommuniziert, verhandelt, gehandelt wird, aus der Welt.

Die Verdinglichung wird deutlich an ein paar Detailvorschriften: Zb dass Frauen bei Autobussen nicht durch die normale Tür einsteigen dürfen, die ist den Mänern vorbehalten, sondern durch die Heckklappe hinten hineinklettern mussten, der Öffnung fürs Gepäck. Für Dinge, Tiere.

ZB daran, dass Frauen und Mädchen der Schulbesuch verboten wird – denn ein Ding hat ja kein Gehirn. Mädchen mussten sich, wenn sie das Gehirn in Betrieb nehmen wollen, dafür heimlich in den Hinterhöfen treffen, und sich verstecken zum Lernen.

Verdinglichung auch zb daran: dass es nicht vorgesehen ist, dass eine Frau behandelt werden, wenn sie krank ist. Weil es ja keine Ärztinnen gibt und kein Arzt sie angreifen würde. Es gab und gibt Ehemänner, die ihre Frauen lieben und nicht wollen, dass sie stirbt. Dann stecken sie sie in eine Schubkarre und decken sie mit einer Decke zu, und schieben sie heimlich zum Hintereingang des Krankenhauses, wo normalerweise Material angeliefert und ausgeladen wird.

Und weil sie ein Ding ist und kein Mensch mit einem eigenen Willen, wird sie getauscht und gehandelt wie eine Ware. Wie eine Vase. Wie ein Kamel. Wie ein Sack Datteln. Der eine Clan hat dem anderen etwas kaputtgemacht, etwas weggenommen, jemanden beleidigt, dann setzen sich die Clanchefs zusammen und bestimmen, welche Frau, welches Mädchen als Kompensation gezahlt wird. Und wird sie zusammengepackt und hinübergebracht.

Weil sie ein Ding ist, kann sie auch kaputtgehen. Ich war in einem Frauengefängnis. Man muss sich das vorstellen wie bei Karl May, Sand, staub, weite Ebene, rötliche Lehmwände, übermannshoch. Man würde vermuten: Dort sitzen Kriminelle. Giftmörderinnen. Zumindest Drogenkranke oder Ehebrecherinnen. Aber nicht einmal das: Die eine hatte einen verkrüppelten Arm nach einem Unfall, wo die Knpchen schiefzusammengewachsen waren. Die andere hatte entstellende Brandnarben im Gesicht, von der Propangasflasche beim Kochen.  Eine andere erzählte, sie sei unfruchtbar. Eine hatte ein kleines Mädchen am Arm, offenbar mit Down-Syndrom. Das waren nicht Frauen, die etwas angestellt hatten, sondern Frauen, die wegen einem Materialfehler unbrauchbar geworden waren. Wenn Dinge kaputt sind, kann man nur noch schauen, dass man sie loswird, ohne dass allzu große Entsorgungskosten anfallen.

Wenn man diese Verdinglichung am eigene Leib gespürt hat, erlebt hat, wie verächtlich, hasserfüllt  vor einem ausgespuckt wird, weil man sich allzu offensiv umgeblickt hat, dann vergisst man das nicht mehr.

Gut, Afghanistan ist weit weg. Taliban gibts bei uns keine, wenn ja, dann tarnen sie sich gut. Und dass sie in Afghanistan de facto wieder an der Macht sind – nunja, das muss uns nicht direkt was angehen.

Warum erzähl ich das? Warum geht es uns dennoch etwas an? Weil das Frauenbild der Taliban lehrreich ist. Weil die Taliban nur auf die extreme Spitze getrieben haben, was in seinen Grundzügen auch anderswo vorhanden ist – in anderen Weltgegenden, sogar in unserer eigenen Gesellschaftsgeschichte. Das Frauenbild, und das Bild vom Frauenkörper steckt ganz tief drin, in vielen aktuellen Konflikten und ideologischen Debatten, in vielen archaischen Verhaltensmustern, die auch uns nicht ganz unbekannt sind – sehr oft halt versteckt hinter mehreren Schichten mäßigender Zivilisation.

Aber bei Ihnen kommt nochein speziell interessanter Aspekt dazu. Sie sind keine Außenpolitiker, keinr Journalistinnen, sondern Mediziner und Medizinerinnen. Und Sie arbeiten an einer ganz entscheidenden Stelle. Sie beschäftigen sich mit jenen Körperteilen,  die bei dieser Verdinglichung eine Schlüsselrolle spielen – mit den reproduktiven Organen der Frau. Jenen Organen, die der Sexualität dienen, der Fortpflanzung. Die für Beziehungen, Gefühle entscheidend sind, ebenso wie für Sitte, Tugend und Tradition. Für Nachkommenschaft, Vererbung und Status, ebenso wie für die demographische Zukunft von Völkern.

Ich sags mal so: Wären Sie HNO-Ärzte oder Orthopäden, Sie hätten mich wohl nicht eingeladen. Eine Bauchspeicheldrüse oder ein Ohr hat relativ wenig gesellschaftspolitische  Bedeutung, eine Gebärmutter oder eine Vagina hingegen schon. Warum? Weil die weiblichen Geschlechtsorgane nämlich eine Art Ankerpunkt, eine Art Einfallstor sind.

Konkret für den Mann, abstrakt für den Staat, für die Macht. Sie gehören zwar zum Körper der Frau dazu, wie ein Zeh oder ein Daumen oder eine Leber. Aber sie dürfen ihr niemals ganz, und niemals nur ihr ganz individuell gehören, das wäre aus Sicht der Macht viel zu gefährlich, zu unberechenbar. Es muss immer auch noch wer anderer mitreden, mitbestimmen. Was die weiblichen Geschlechtsorgane beinahe zu einem Stück Allgemeingut macht.

Deswegen steht jeder Eingriff, denSIe machen, jede Ihrer Behandlungen, jede Ihrer Operationen, sogar jedes therapeutische Gespräch mit einer Patientin in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang, und hat Folgen, die in diese Gesellschaft zurückwirken. Das macht Ihr Berufsfeld so außerordentlich spannend. Und macht es für mich so spannend, gesellschaftspolitische Fragen einmal andersherum zu bürsten – und sie quasi anhand der einzelnen Körperteile durchzudeklinieren.

Beginnen bei einem kleinen Stück Haut. Bei einem der augenfälligsten Verbindungspunkte zwischen dem Körper und einer gesellschaftlichen Konvention: Bei der Jungfräulichkeit und dem Kult darum.

Dass Jungfräulichkeit – die sogenannte Unberührtheit – ein erstrebenswerter, attraktiver Zustand wäre – auf die Idee kommt man bei einem Mann gar nicht. Bei jungen Frauen hingegen war und ist sie in sehr vielen Kulturen ein hohes Gut. Sogar eine heilende Kraft wird ihr zugesprochen, an der sich kranke, beschädigte Menschen laben können, und an ihr gesunden. Denken Sie an die in Afrika weitverbreitete Legende, Sex mit einer Jungfrau könne HIV-Infektionen heilen – die gesundheitlichen Folgen davon kennen Sie. Denken Sie aber auch an ganz normale alternde Männer, die sich von der Beziehung zu einer jungen Frau eine gewisse Immunisierung erhoffen – gegen das Altern, eine Energieaufladung, und den Schutz vor körperlichem Verfall (obwohl konkret manchmal das Gegenteil der Fall ist, wenn so eine Beziehung sehr anstrengend wird, aber wir reden ja von Mythen).

Etwas, das einen Wert hat, kostbar ist, aber schnell und unwiderbringlich kaputtgehen kann, muss jedoch beschützt werden. Und hier beginnt das gesellschaftspolitische Drama. Weil man die Jungfräulichkeit einer Frau nicht bewachen kann, ohne gleichzeitig das Mädchen als ganzes zu überwachen. Was dazu führt, dass Mädchen rund um die Uhr kontrolliert werden, meistens von den größeren Brüdern. Die Kontrolle wird umso rigider, umso verzweifelter, je größer die Familie die Gefährdung draußen einschätzt, und je bedrohter sie sich fühlt.

Interessant dabei ist: Dass es ja eigentlich nicht die Ehre des Mädchens ist, um die es hier geht. Sondern die Ehre der männlichen Verwandtschaft. Die hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, die Jugefrauengarantie für die unverheirateten Frauen in der Familie abzugeben. Sonst leidet ihr Status gegenüber anderen Männern.

Weil Jungfräulichkeit nicht sofort sichtbar ist, ist tragischerweise viel Raum für Vermutungen, Spekulationen und gezielte Vernaderung. Sobald ein Mädchen den öffentlichen Raum betritt, mit anderen Menschen, inklusive Männern, kommuniziert, reicht das, um an ihrer Jungfräulichkeit in Frage zu stellen. Sie erinnern sich an die Demokratiebewegung am Tahrir-Platz in Kairo. Wo die Campierenden Tag und Nacht den Platz besetzten, Männer und Frauen. Und das Militär die jungen Frauen anschließend in Zelte zu Jungfräulichkeitstests abkommandierte.

Seltsam. Bizarr. Wir würden es, aus unserer Perspektive eher als Vorwand für sexuelle Übergriffe interpretieren. Mag mitspielen. Aber innerhalb der patriarchalen Logik war die Botschaft eine andere. Die eine Botschaft ging von den Soldaten an die Väter der jungen Frauen: Seht her, wir haben euer Eigentum nicht angerührt, wir können es euch beweisen. Die zweite Botschaft war eine Warnung an alle anderen Frauen: Wag dich nur ja nicht in die Öffentlichkeit und werd politisch aktiv. Pass auf – du wirst wie eine Hure behandelt werden, und deine Familie wird deswegen ihren Ruf aufs Spiel setzen.

Apropos: Deine Mutter ist eine Hure. Auch hier geht es weniger um die Ehre der Mutter, sondern um die Ehre des Mannes, der beschimpft wird. (Zu einer Frau würde man das kaum jemals sagen). “Deine Mutter ist eine Hure” bedeutet: Du bist nicht in der Lage, die Unberührtheit der Frauen deiner Familie zu überwachen. Dh du bist kein Mann.

Nächsten Körperteil: Die Genitalien. Ich muss Ihnen nichts über Genitalverstümmelungen erzählen, über die Beschneidung von Schamlippen und Klitoris, über die anatomischen Seite wissen Sie das alles besser, ebenso über die gesundheitlichen Risiken, die damit einhergehen.

Was ich interessant finde, ist die gesellschaftliche Rechtfertigung für diese Verstümmelungen. So wie wir am Anfang gesagt haben, dass der Frauenkörper verschwinden muss – so müssen hier ihre Genitalien verschwinden. Da darf nichts zu sehen sein, oder so wenig wie möglich. Da darf nichts offen sein, klaffen, deutlich werden, stören. Es wird gesäubert, entfernt, zugemacht. In den betreffenden Sprachen ist viel von Reinheit die Rede: Erst wenn nichts mehr da ist, wenn man nichs mehr sieht, ist es gut.

Wovor der Mann sich hier fürchtet – das kann man sicher psychoanalytisch interpretieren. (Interessant ist natürlich auch die Frage: Was hat ein Mann eigentlich davon, wenn eine Frau keine Lust mehr empfindet? Das ergibt nur Sinn, wenn die Angst, dass sie Lust mit einem anderen haben könnte, größer ist als die eigene Lust. Was auch wieder tief blicken lässt.) Aber für solche Psycho-Fragen gibt es Berufenere.

Tragisch ist, dass Frauen dieses Misstrauen gegen die eigenen Genitalien oft übernehmen und verinnerlicht haben, über Generationen hinweg. Es sind – ich kenn das aus Äthiopien – sehr oft Frauen, die Beschneidungen durchführen, und es sind sehr oft die Mütter und Großmütter, die drauf bestehen, den Brauch in die nächste Generation weiterzugeben. So in der Art: Wenn ich das ausgehalten hab, dann hältst dus auch aus.

Aber einen Nachhall dieses Idealbildes von den weiblichen Genitalien beobachte ich auch bei uns, und sehr wohl ist mir dabei nicht: Auch hier und heute gibt es Frauen, die sich immer irgendwie schmutzig fühlen, obwohl sie objektiv sauber sind. Es gibt die weitverbreitete Sorge, dass sie so, wie sie halt ausschauen, nicht “richtig” sind. Auch da darf nichts zu sehen sein, da darf nichts hängen, nichts klaffen, das muss alles rein, so klein wie möglich, kindlich, glatt sein, und glattrasiert neuerdings, sowieso. Die Kollegen von der kosmetischen Chirurgie werden dies neuen Schönheitsideale im Detail kennen.

Nächstes Organ: Die Gebärmutter. Da kommen wir quasi zum Epizentrum des Problems. Zum Epizentrum vieler männlicher Ängste, insbesondere jener großen, das Kind, das darin heranwächst, könne nicht das eigene sein. Diese Angst ist wohl so alt wie die Menschheit, und allen Kulturen war bis heute gemeinsam, dass ein Mann niemals absolute Sicherheit darüber haben konnte. In diesem Sinn – haben wir mit den Gentests tatsächlich eine zivilisatorische Ära abgeschlossen und sind in eine neue Ära eingetreten.

Wahrscheinlich wurde die Ehe, wie wir sie kennen, nur deswegen erfunden, um dem Vater die Sicherheit über sein Erbe zu geben. In allen patrilokalen Kulturen gilt im Prinzip dasselbe Muster: Die Braut verlässt ihr bisheriges Leben und zieht zum Mann ins Haus, um dort sein Erbe zu hüten und seine Kinder auszutragen. Und je weniger sie diese Haus verlassen kann, um sicherer ist es, dass es die seinen sind.

Hier kommen wir nun zur Darstellung der Gebärmutter als Gefäß. In erster Linie ist sie eine Durchgangsstation für den Nachwuchs des Mannes, eine Art externer Brutkasten, das sich halt nur irgendwie zufällig im Körper der Frau befindet. Wir kennen das aus der mittelalterlichen christlichen Lehre, insbesondere von Thomas von Aquin: Der männliche Same trägt demnach allein die Fortpflanzungskraft in sich. Die Frau stellt für diese Fortpflanzungskraft nur die Hülle zur Verfügung, die dem Samen und dem daraus entstehenden Fötus Nahrung gibt.)

Dieses Denken hat weitreichende Folgen. Denn wenn der Fötus quasi das Werk des Mannes ist, und die Frau nur quasi die Nährlösung dafür – dann ist es natürlich nicht ihre Sache, sondern seine Sache, wie mit diesem Fötus während der Schwangerschaft umgegangen wird und was mit ihm geschieht.

Nicht nur der kontrekte Vater erhebt diesen Anspruch, sondern auch der abstrakte Vater, in Gestalt des Staates oder der Kirche. Denn man schenkt die Kinder ja nicht nur dem Gatten, sondern mitunter auch der Nation, dem Volk, dem lieben Gott, dem Führer, der Zukunft des Sozialismus, dem Pensionssystem – je nachdem, was das grade für ein Staat ist, und was grad die politischen Ziele dieses Staates sind.

Wenn Krieg ist, muss man Soldaten gebären. Wenn man eroberte Landstriche in Besitz nehmen und besiedeln will, muss man Bauern und Siedler gebären. Oft versprichen sich die politische Führungen in Konflikten Vorteile davon, wenn die eigene Ethnie  mehr Köpfe zählt, dann muss man sich vermehren. Die Israelis ebenso wie die Palästinenser. Die Serben ebenso wie die Albaner im Kosovo. Ceaucescu glaubte, dass Rumänien mächtiger wird, je mehr Rumänen es gibt.

In China war genau das Gegenteil der Fall: Für die wirtschaftliche Entwicklung hielt man es dort für notwendig, das Bevölkerngswachstum einzudämmen, und erfand dabei die Ein-Kind-Politik. In Ceaucesus Rumänien waren daher Abtreibungen verboten, in China wurden sie erzwungen, manchmal bis kurz vor der Geburt. Hier wie dort muss man die Gebärmutter in den Dienst nehmen – und um das zu tun, muss man in die Frau hineinoperieren.

Das ist nicht finstere Vergangenheit, das ist auch Gegenwart. Sie erinnern sich vielleicht an eine Debatte in der Türkei vor ein paar Monaten, die diese Sichtweise auf die Gebärmutter als öffentliches Gefäß ganz gut zeigt. Ministerpräsident Erdogan ließ wissen, er fände Kaiserschnitte nicht gut. Weil das Narben macht, und dann könnten Frauen höchstens zwei Kinder kriegen, für die Türkei wäre es aber besser, es wären mindestens vier. Soll heißen: Eine Frau hat die Verantwortung, ihre Gebärmutter möglichst intakt und narbenfrei zu halten, im Dienst der besseren Funktionstüchtigkeit im Sinn der Bevölkerungspolitik.

Ebenfalls in den vergangenen Wochen aktuell, im amerikanischen Wahlkampf: war die Abtreibungsdebatte. Die Abtreibungsfrage dient dort quasi als Erkennungsmerkmal, als Marker dafür, wo man ideologisch hingehört, auf welcher Seite man steht. Die Einzelheiten, welche Prozeduren und Techniken zu welchem Zeitpunkt angewendet werden sollten oder nicht, werden in einer Detailfreude zelebriert, dass man ganz vergessen könnte, dass wir hier vom Inneren eines weiblichen Körpers reden.

Anderes Beispiel: Es gibt Situationen in Schwangerschaften, wo es Probleme und einen Konflikt gibt. Und zwar zwischen dem, was für die Schwangere gut ist, und dem, was für den Fötus gut ist. Situationen, wo Ärzte Eingriffe machen wollen, die Schwangere aber nicht. Dann kann in mehreren Bundesstaaten das Gericht anordnen, dass der Fötus einen eigenen rechtlichen und ärztlichen Beistand bekommt, der seine Interessen wahrnimmt, und die Schwangere kann gegen ihren Willen zu einem Eingriff gezwungen werden.

Es ist normalerweise ein Grundrecht, dass jeder mündige Mensch eine medizinische Behandlung ablehnen kann. Für Schwangere kann dieses Recht außer Kraft gesetzt werden, weil sie ja nicht mehr als souveräne Person gilt, sondern als Hülle für ein anderes souveränes Wesen.

Hier sind wir am entscheidenden Punkt: Dass eine konkrete Gebärmutter halt am Ende ein Bestandteil eines konkreten weiblichen Körpers ist, ist eine Tatsache, die für alle anderen offenbar sehr schwer zu ertragen ist. Der Spruch “Mein Bauch gehört mir” zielt genau ins Zentrum dieser Ungeheuerlichkeit. Und er trifft ins Schwarze.

Weil hier nämlich der ewig unlösbare Widerspruch der gesamten geschlechtlichen Reproduktion drinsteckt: Ohne die Gebärmutter gibt es keinen Fötus, und doch ist der Fötus nicht Bestandteil der Mutter. Es ist ein eigenens Wesen (ab wann?), und doch auch wieder nicht.

Es ist ein existenzieller Konflikt, den jeder Mensch kennt, der Kinder hat: Irgendwie glaubt man – das Kind ist ein Teil von einem selbst. Aber das ist es natürlich ganz und gar nicht. Kaum auszuhalten.

Kommen wir zum Gebären. Gebären war menschheitsgeschichtlich immer der gefährlichste Moment im Leben einer Frau, (oder der zweite gefährliche nach der eigenen Geburt). In vielen Weltgegenden ist es das heute noch. So wie vor zwanzig Jahren das Tabu der Genitalbeschneidung langsam gelüftet wurde, findet heute ein anderes Tabu den Weg in die Öffentlichkeit: Verletzungen des Geburtskanals, die Fisteln.

Auch hier kann ich medizinisch nur dilettieren. Aber ich glaube, ich hab hier eine Antwort gefunden auf ein Phänomen, von dem ich in verschiedenen Ländern immer wieder gehört und es beobachtet habe, ohne es richtig interpretieren zu können: Dass bestimmte Frauen als “unrein” aus der Familie, aus dem Haus verbannt werden. Irgendwo allein am Rand des Dorfes leben, und mit Almosen versorgt werden. Ich dachte lange, das sei die Strafe für ein soziales Fehlverhalten. Bis ich begriffen habe: Das sind womöglich Folgen von Analfisteln, oder von dauernder Inkontinenz. das sind womöglich Frauen, die keiner mehr um sich haben will, weil sie riechen. (eventuell, fällt mir ein: vielleicht auch im afghanischen Frauengefüngnis. Es ist ja nichts, wonach man so direkt fragen kann)

Sie haben hier als Ärzte, als Ärztinnen viel zu tun, auf der Welt. Sie haben die Möglichkeit, mit medizinischen Eingriffen nicht nur körperliche, sondern auch existenzielle soziale Verletzungen zu heilen. Das muss eine wunderbare Sache sein, die Sie mir als Journalistin voraushaben.

Die großen kulturellen Fragen des Zusammenlebens und der Geschlchterbeziehungen anhand einzelner Organe abzuhandeln, find ich extrem spannend, könnte da auch noch weitermachen, will aber zu einem zuversichtlichen Schluss kommen.

Und der besteht in einer guten Nachricht: Frauen die Souveränität über ihren Körper zurückzugeben, inklusive der Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung, ist nicht nur gut für die betroffenen Frauen, sondern fast immer für alle. Für alle anderen Famlienmitglieder, für die Kinder, für die Dörfer, für die Geseslchaft, für die Staaten und für die WIrtschaft und den Arbeitsmarkt.

Schauen wir uns doch einmal an, wohin es geführt hat, wenn man in ihre Körper hineinregiert, ihren Willen auslöscht, und ihre Organe in den Dienst nimmt: Die Länder mit den höchsten Geburtenraten sind dzt Niger, Somalia und Afghanistan, die allerärmsten Länder der Welt. Der Versuch, andere Völker mit demographischer Kriegführung zu besiegen, ist immer schrecklich schiefgegangen: Schauen Sie sich das Elend in den palästinensischen Lagern an, oder die triste ökonomische Lage im Kosovo. Oder die ganze Generation von Straßenkindern in Rumänien, die Ceaucescu hinterlassen hat. Die arabischen Länder, wo Frauen am wenigsten über sich und ihre Körper verfügen können, bezahlen das, indem sie seit Jahrzhnten immer weiter ökonomisch zurückfallen.

Es gibt ein sehr interessantes Phänomen, das man auf der ganzen Welt beobachten kann: Fragt man die Männer, wie viele Kinder sie sich wünschen, kommt man auf sehr stark differierende Zahlen. Globales Schlusslicht ist Österreich: mit 0,7 Kindern im Durchschnitt, und sehr vielen, die sagen: um Gotes Willen, gar keine. Und es gibt viele Länder, wo Männer sagen: 7, 10, 12,  wurscht, so viele wie möglich halt.

Fragt man hingegen die Frauen, kommen beinahe in jedem Kulturkreis, in jeder gesellschaftsschicht und in allen Phasen der ökonomischen Entwicklung sehr ähnliche Zahlen heraus. Zwischen 2 und 3. Das ist in Österreich (wo sie am Ende dann weniger kriegen) nicht viel anders als in Bangladesh (wo sie am Ende dann mehr kriegen).

Aber es zeigt eines: Frauen haben ein ganz gutes Gespür dafür, was ihr Körper aushält, für wieviele Leute das Essen reicht, wie viel Zeit da ist, und wie viel Arbeit das alles macht. Wenn sie es aussuchen können – sie würden sich nicht mit 12, 13 verheiraten, und nicht mit 13, 14 erstmals gebären. Sie würden sich zwischen den Geburten viel mehr Zeit lassen. Weil sie wissen, dass sie dann besser dafür sorgen können, dass jedes einzelne auch in die Schule geht und medizinisch versorgt wird. Was überall auf der Welt – ob einst in Westeuropa, vor 20 Jahren in Südostasien, aber heute in neuen Schwellenländern wie Bangladesh oder Ghana – der Schlüssel ist zur geselslchaftlichen Modernisierung und zum ökonomischen Erfolg.

Das heißt: Niemand muss Angst davor haben, Frauen die Kontrolle über ihren Körper, ihre Fruchtbarkeit, ihre Sexualität zurückzugeben. Sie wissen damit schon etwas anzufangen.

Abschließend noch etwas herzegen, ein MItbringsel aus Afghanistan, das mir sehr am Herzen liegt. Ich war, wähend die Taliban noch um die Macht kämpften, einige Woche  lang in einem bereits befreiten Dorf. Gewoht in einem Haus des Fürsten, permanent beobachtet von den Frauen des Hauses. Ich muss in ihren Augen ein seltsames Geschöpf gewesen sein: Klobige Bergschuhe, Multifunktionsjacke, zerzauste Haare, sehr unweiblich. Sie haben mich schüchern beiseite gerufen und mir zum Abschied etwas geschenkt: Eine kleine Schlachtel mit einem roten Polyester-BH, einem bereits benützten Lippenstift, einer chinesischen Seidenstrumpfhose. Lauter Dinge, die streng verboten waren bei den Taliban. Schätze, die sie gehütet haben, unter Lebensgefahr. Von denen sie offenbar gemeint haben, ich könne sie, so wie ich ausschaue, gut brauchen.

Seltsam aus feministischer Perspektive – wenn man einen Lippenstift kriegt als Schatz. Aber für sie, in ihrer Lebenssituation, die man 10 Jahre lang unter die Burka gzwängt und ihnen jede Körperlichkeit verboten hatte, waren diese kleinen Schätze ein Symbol, dass sie sich nicht mehr fremdbestimmen lassen wollten, dass sie ihren Körper wieder in die eigenen Hand nehmen wollten.

Ich hüte diese Dinge bis heute wie einen Schatz, und ich hab den Moment nie vergessen.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.