Der Staat belohnt Menschen, die von ihren Arbeitplätzen wegziehen. Je weiter, desto großzügiger. Logisch und vernünftig wäre genau das Gegenteil.

Es soll ja jeder Mensch leben können, wie er will. Familie A zum Beispiel entscheidet sich fürs Pendeln. Sie haben bisher in der Stadt gelebt, ums Eck vom Arbeitsplatz, aber dann sind Kinder gekommen. Da braucht man eine größere Wohnung, die ist weiter draußen billiger, also raus ins Grüne. Ein Vorgarten mit Schaukel, auch das wäre schön, und abends wärs nett, auf der Terrasse zu sitzen und den Mond anzuschauen. Der Arbeitsplatz ist dann zwar weit weg, Schule und Supermarkt ebenfalls, Schnellbahnanbindung gibt es keine, aber mit zwei Autos lässt sich das schon machen, eins haben wir eh schon, müssen wir uns halt noch ein zweites kaufen.

Familie B ist in einer ähnlichen Stuation. Als die Kinder kommen, denken auch sie drüber nach, aus der Stadt hinauszuziehen. Aber dann rechnen sie nach, und entscheiden sich dagegen. Ja, für eine gleich große Wohnung wie jene von Familie A wird man in der Stadt monatlich wohl 300 Euro mehr bezahlen müssen. Aber dafür kann man ja aufs Auto verzichten, und schon sind die 300 Euro wieder herinnen. Außerdem spart man sich jeden Tag ein, zwei Stunden Wegzeit, die kann man produktiver nützen als im Stau, etwa indem man Geld verdient. Zum Spielen für die Kinder gibt es in der Stadt zwar keinen eigenen Vorgarten, dafür aber vielleicht einen gemeinschaftlich genützten Hof, einen öffentlichen Park und mehr Freizeiteinrichtungen. Wahrscheinlich ist weniger Platz im Kinderzimmer, dafür wohnen mehr Freunde in der Nähe. Die Kinder gehen zu Fuß in die Schule, einkaufen fährt man mit dem Fahrrad, und zur Arbeit mit der Straßenbahn.

Bis hierher sind die Entscheidungen von Familie A und Familie B rein privat. Beide Lebensmodelle haben Vor- und Nachteile, und je nach persönlichem Gusto werden die Prioritäten gegeneinander abgewogen. Dem einen sind halt die Brombeerbüsche im Garten wichtiger, dem anderen die Nähe zu Kino und Sushi, jeder, wie er mag.

Jetzt kommt aber der Staat ins Spiel. Der Staat hat nicht zu bestimmen, wie wir leben sollen, schließlich sind wir nicht in Nordkorea. Er soll Familie A nicht das Leben mit Vorgarten, Auto und Brombeeren verbieten, und Familie B nicht das Leben mit Hinterhof, Kino und Sushi. Wohl aber ist es Aufgabe des Staates, inmitten hunderttausender privater Lebensstilentscheidungen die Interessen des Gemeinwohls zu vertreten. Die drei Zauberstäbe, die er dafür in der Hand hält, heißen: Förderung, Besteuerung und öffentliche Infrastruktur. Für den Einsatz dieser Zauberstäbe gilt eine eine schlichte Regel: gemeinwohlverträgliches Verhalten wird belohnt, gemeinwohlunverträgliches Verhalten bestraft, dann geht’s dem Gemeinwohl insgesamt besser, und der Staat hat seine Schuldigkeit getan.

Im Fall der Familien A und B wäre die Sache klar. Pendeln heißt: Lange Wege, Zersiedelung, mehr Verkehr, höherer Treibstoffverbrauch, höhere Infrastrukturkosten, schlechtere Luft, mehr Lärm. Individuell eventuell schön für Familie A, aber eher nicht so schön für Gemeinwohl und Umwelt. In der Nähe des Arbeitsplatzes wohnen heißt hingegen: Kurze Wege, weniger Flächen- und Energieverbrauch, Verdichtung, weniger Verkehr, bessere Luft. Schön für Familie B, und zufälligerweise ebenfalls von Vorteil für alle anderen.

Und jetzt raten wir einmal, welche der beiden Familien der österreichische Staat für seine Lebensstilentscheidung belohnen – und welche er bestrafen wird?

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One Response to Pendeln oder Nichtpendeln? Eine private Frage mit einer öffentlichen Antwort

  1. Richard Hubmann sagt:

    Das Kapital errichtet Fertigungsstätten und Büros an jenen Orten, die ihnen am kostengünstigsten erscheinen. Das sind meist traditionelle Zentren, die eine größeres und vielfältigeres Angebot an Arbeitsmöglichkeiten bieten als ländliche Gebiete. Familie C hat schon immer im Nordburgenland gelebt. Während Frau C in der Volksschule der Wohngemeinde unterrichtet, findet ihr Mann, ein Metaldreher in Wien eine Arbeit. Warum soll Familie C entscheiden, an den Arbeitsort des Mannes zu übersiedeln? Für die Familie C ist es wahrscheinlich kein gutes Geschäft ihr Einfamilienhaus in der entlegenen Region zu verkaufen und in Wien eine Wohnung zu kaufen. Angesichts der Bedürfnisse der heranwachsenden Kinder mag es für die Cs sehr attraktiv sein, ihren Lebensmittelpunkt in die Großstadt zu verlegen. Jedoch! Wird es Familie C gelingen, eine Wohnmöglichkeit zu erschwinglichen Preisen dort zu bekommen wo urbanes Lebensgefühl aufzukommen vermag, oder landet Familie C letztlich in einem Wohnblock an der Peripherie der Stadt?

    Ich denke auch, dass von der steuerlichen Begünstigung des Pendelns ein unerwünschter Lenkungseffekt ausgeht. Die Mehrzahl der Pendelbewegungen entsteht jedoch dadurch, dass Arbeitsplätze von den Wohnorten der Menschen wegwandern unhd nicht weil ein romantischer Zug zum Landleben staatlich gefördert wird.

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