Ein-Personen-Unternehmen sind die Avantgarde der Arbeitswelt. So sollten wir sie auch behandeln

Das schmucke Häuschen Österreich hat mehrere Kammern. Die größte ist im Erdgeschoß, da sind alle Arbeiter und Angestellten drin. Diese Kammer ist voll, aber ruhig. Vielleicht weil jeder dort drin regelmäßig Geld aufs Konto kriegt, und zu Weihnachten noch mal was extra. Im Obergeschoß sind ein paar Kämmerchen für Eigenbrötler reserviert – Apotheker, Architekten, Notare, die bleiben unter sich. Aus einer Kammer allerdings hört man Gerumpel, nervöses Zischen und Seufzer. Ab und zu kommt Christoph Leitl, der Kammerchef, zerzaust mit einem gequälten Lächeln heraus und versichert der Hausgemeinschaft, es sei eh alles in Ordnung. Aber man hört es, man ahnt es: In seiner Kammer stimmt was nicht. Geht das womöglich das ganze Haus etwas an?

In der Theorie wäre es einfach: In Leitls Wirtschaftskammer sind die Unternehmer zu Hause. Lang war klar, was ein Unternehmer ist: Er hat eine Geschäftsidee, macht damit Gewinn, investiert, vergrößert den Betrieb, stellt Leute an (die in der Arbeiterkammer wohnen), der Umsatz wächst, und dann freut er sich. Kleinunternehmer ist in dieser Sichtweise nur ein Zwischenzustand auf dem Weg zum Großunternehmer, und das Ein-Personen-Unternehmen (EPU) ist quasi das Embryonalstadium dazu. In der Kammer klopft man solchen Leuten aufmunternd auf die Schulter: Wird schon noch. Wächst schon noch. Wirst sehen.

Aber neuerdings ist ihre Kammer voll von EPUs, die im Embryonalstadium verharren. Diese seltsamen Wesen sind wuschelig oder aalglatt, lärmend oder leise, die meisten aber wendig und flink, denn sie tummeln sich in den Ecken und Nischen, wo die Großen nicht hinkommen. Sie sind Beraterinnen und Therapeuten, Yogalehrer und Grafikerinnen,  Pflegerinnen und IT-Experten, Übersetzerinnen und Kunsttischler, manche haben einen Gewerbeschein, andere als „neue Selbstständige“ nicht. Insgesamt sind sie 240.000, es werden immer mehr, und  – huch! in der Wirtschaftskammer sind sie sogar schon die Mehrheit! Wie sind die bloß unter den Türritzen durchgeschlüpft? Gehören die hierher, was machen wir mir denen, warum vermehren die sich so schnell, ist das ansteckend, oder wollen die hier bloß spielen?

Josef Herk, Chef der Steirischen Wirtschaftskammer, sprach die Irritation vergangene Woche in „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ offen aus: Viele EPUs seien ja gar keine „richtigen“ Unternehmer, sondern betrieben eher „Liebhaberei“. Womöglich wären sie woanders besser aufgehoben, vielleicht in der Arbeiterkammer? Man wolle zwar „niemanden aus der Kammer werfen. Aber wir müssen uns Gedanken machen, wohin die Reise geht.“

Ja, das müssen wir tatsächlich. Aber nicht darüber, aus welchem Kämmerchen wir die EPUs hinaus- und in welches wir sie hineinkomplimentieren, sondern über die grundsätzlichere Frage: Was ist das denn eigentlich für ein seltsames Haus, in dem solche Leute keinen Platz haben? In dem sie von Tür zu Tür geschickt werden wie lästige Hausierer, statt dass man sich von ihnen etwas abschaut? Mut, Eigenverantwortung und Erfindergeist, zum Beispiel?

Tatsächlich praktizieren EPUs eine Form des Wirtschaftens, von der wir in Zukunft noch sehr viel mehr brauchen werden – weil sie flexibel und gleichzeitig nachhaltig ist. Im Unterschied zu traditionellen Unternehmern wollen die meisten EPUs gar nicht wachsen. Sie haben die Selbstständigkeit genau deswegen gewählt, weil sie ihr Ding am liebsten selber machen: reden, hämmern, designen, kochen, was auch immer. Die Dienstleistung oder das Produkt, das sie anbieten, würde nicht besser, wenn sie es von Angestellten herstellen ließen, und sie selbst würden nicht froher, wenn sie zu Chefs mutierten.

Das Leben der meisten EPUs ist ein Auf und Ab: Das eine Jahr ist profitabel, das nächste weniger. In Phasen, in denen man sich auf den schöpferischen Teil der Arbeit konzentriert, kommt weniger Geld rein, irgendwann erntet man dann. Wenn ein wichtiges Projekt läuft, verausgabt man sich und legt Geld auf die Seite. Dann würde man gern eine Zeitlang kürzer treten, sich fortbilden,  einen anderen Job machen, oder sich mehr um die Kinder kümmern.

Genau so werden Berufsbiographien ausschauen, für immer mehr Menschen. Doch genau das ist in der Sozialversicherung für Selbstständige (SVA) nicht vorgesehen. Die verlangt von Unternehmern lineares Wachstum, Expansion, weiter, immer weiter. Alles andere wird finanziell so sehr  bestraft, dass es höllisch weh tut. Und leider sind es manchmal die Interessantesten, die Kreativsten, denen die SVA das Genick bricht, zumindest ökonomisch gesehen.

Selber schuld, heißt es dann – hättest dich halt ins Arbeiterkämmerchen gekuschelt, dort hätte sich wer gekümmert um dich. Abgesehen davon, dass dort kaum Platz ist – wollen wir das wirklich? Ein Land voller Angestellter sein?

Machen wir stattdessen lieber die letzte Tür unseres Häuschens auf – die Kammer, in der die Bauern sitzen. Auch Bauern sind selbstständig. Aber bei denen finden wir es selbstverständlich, dass ihr Unternehmensmodell nicht auf Expansion und Wachstum zielt, sondern auf nachhaltige Bewirtschaftung. Mal ist die Ernte besser, mal schlechter, und buchhalterisch gesehen, fiele auch Bauernarbeit in manchen Jahren wahrscheinlich unter „Liebhaberei“. Doch die übrigen Hausbewohner halten es für wichtiger, dass Bauern säen, mähen, melken, statt dass sie über Steueroptimierungsmodellen brüten. Deswegen können sie sich pauschalieren lassen. Damit werden sie –wie die meisten Kleinunternehmer – nicht reich. Aber auch jene, die für Geld ein schlechtes Händchen haben, kommen menschenwürdig über die Runden.

In Kämmerchen kann man verkommen, insbesondere, wenn man im falschen eingesperrt ist.  Wir sollten mal die Türen aufmachen und durchlüften.

 

16 Responses to Liebhaberei ist doch was Schönes

  1. Josef Fuertbauer sagt:

    hatte mir zwei seiten DIN A4 zusammen geschrieben, über Misserfolg der Wirtschaftskammer in den letzten 31ig Jahren.Zuerst mahnte ich zum 25sten und dann zum dreissigsten Jubiläum zur Mitgliedschaft; aber leider wurde es in der Kartei übersehen,soso.
    Am allerärgsten war das Auftreten der KIAB,und der fast
    kriminellen Aufsuchen in Betrieben durch Arbeiterkammerverträtern und Arbeitsinspektoraten,die sich in österreichischen Gesetzesvorgaben,verschieden interpretieren,: vor Gericht zu vertreten war leider nichr möglich.
    Ps: meine Einschätzung ist:wie kann(will)ein bestbezahlter pragmatisierter Angestellter der Wirtschaftskammer;meine-unsere EPU-KMU-Anliegen,gegen über AK, ÖGB ,GBKK, SVA, und politsch entgegentreten?. niemals! Hat jemand Lust auf Argumente? hab viel zu erzählen

  2. Wohltuend Ihr Artikel, den ich schon aus dem Falter kannte; aufrichtigen Dank dafür. Sie sprechen (auch) mir aus dem Herzen.
    Dazu eine Ergänzung: “Durchlüftet” – im Sinne von vereinfacht, (verteilungs-)gerechter/fairer gestaltet – gehörten auch die unbefriedigenden Rahmenbedingungen (Stichwort Sozialversicherungen) für jene Menschen, die ihr Arbeitsleben in einer Kombination aus selbständigem EPU und unselbständiger Beschäftigung bestreiten. Auf dass ein menschenwürdiges und nachhaltiges Wirtschaften etwas leichter wird.

  3. Wort für Wort die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Danke!

  4. alexander karner sagt:

    vielen dank, sollte jemand eine revolution anzetteln wollen, bin ich sofort dabei !!!

  5. derhannes sagt:

    danke, das tut richtig gut. EPU sind die melkmäuse der nation. wird zeit, dass wir ernst genommen werden!

  6. Barbara Haid sagt:

    Sympathisch geschrieben und doch den Kern der Sache getroffen!

    Ich denke, dass die Zahl der EPUs noch steigen wird. Wären die Bedingungen flexibler (z.B. Gewerbeordnung) und nicht so realitätsfern (z.B. SVA), gäbe es vielleicht jetzt schon viel mehr EPUs, also Personen, die sich kreativ ihren eigenen Arbeitsplatz schaffen.

  7. Eva Repolusk-Stoppel sagt:

    Spricht mir aus der Seele, danke!

  8. Eine nette Art, diese Dinge so anzusprechen, danke!

  9. Liebe Sibylle,
    danke für den wirklich hervorragend geschriebenen Text.
    Schmunzeln, Biss und Ernsthaftigkeit so zu vereinen… gelungen!

    Zu den EPU´s zähle ich mich ebenso, darum ein besonderes Danke, die Herausforderungen zu thematisieren.

    Uns EPU´s wünsche ich MUT und Kooperation, nach dem Motto “together we can”.

    Claudia

  10. HERZ_lichen Dank für diesen wunderbaren Artikel!!!
    Genau da sollten wir ansetzen … Umdenken ist gefragt!!
    Mein Statement zur Aussage von Präs. Herk:
    Bei der immer schneller wachsenden Zahl an Arbeitslosen sah man die Alternative in der Selbständigkeit, der Zugang zur Gewerbeberechtigung wurde erleichtert, Gründungen gefördert, der Statistik war genüge getan. Aber weiter gedacht hat man anscheinend nicht, die vermehrten Anfragen betreffend Wirtschaftsrecht sind wohl nachvollziehbar, da zuwenig Information für die Zeit NACH der Gründung mit auf den Weg gegeben wurde. Hier ist Beratung und Begleitung gefordert, ein Kind setzt man auch nicht in die Welt und überlässt es seinem Schicksal, auch hier sind die ersten (Lebens-)Jahre von entscheidender Bedeutung! Eine Trennung innerhalb einzelner Innungen oder Berufsgruppen ist für mich der absolut falsche Weg.
    Andererseits stellt sich die Frage ob eine Interessensvertretung in dieser Form überhaupt zielführend ist. Steuern wir wie in vielen anderen Bereichen auch auf eine Zwei-Klassen-Wirtschaft zu?
    Es ist noch nicht sehr lange her, als ich den Vorgänger von Herr Präs. Herk, Mag. Ulfried Hainzl bat, sich bitte nicht als Vertreter meiner Interessen zu bezeichnen, da ich seiner Meinung in keinster Weise zustimmen konnte.
    Fazit: Es bringt nichts, seine Kammerumlagen nicht zu bezahlen, da die Zahl derer, die dies als Protest ebenso verweigert fast schon explodiert und unsere Interessensvertretung nicht auf die finanziellen Mittel verzichten kann und somit ohne Skrupel zahllose Klagen einreicht – stellt sich nur die Frage, wessen Interessen damit vertreten werden?!!
    Sollte es die Möglichkeit geben, seine Interessensvertretung FREI wählen zu können bzw. auch ohne diese gut zu leben, dann bin ich die erste, die diesen Schritt setzt!
    Die meisten kreativen EPU´s (wie auch ich) leben und lieben unseren Beruf, unser Handwerk … wir prägen das Bewusstsein für Wertschätzung und Qualität – und ich lasse mir die Freude an meiner Arbeit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einfach nicht verderben! :)

  11. Gut tut mir es zu wissen dass Sibylle Hamann den Kern der EPU aus der Schalle holt und als Nachtisch serviert.
    Danke!

  12. Yip, sehe es so wie Sie. Natürlich sind die EPUs ein buntes Phänomen – da gibt es unterschiedlichste Motivationen und Ausprägungen. Aber eines ist klar: Wir werden noch mehr EPUs haben als jetzt. Und das ist gut so. Sie sind – wenn auch nicht alle – ein Ausdruck von Eigenverantwortung und Freiheit. Und davon brauchen wir mehr! Hab Sie daher gerne gepostet auf http://www.facebook.com/matthias.strolz.

  13. paul sagt:

    danke danke danke!!!

  14. Brigitte Geyer sagt:

    köstlich dieser Artikel und diese Hausgeschichte verwende ich selbst beim Horoskop… da gibt es 12 Häuser, oder eben Kämmerchen…
    und der Keller gehört mal aufgeräumt…
    congrate :)

  15. liebbe sybille hamman,
    wunderbar formuliert, ja das ist es, was “Kleinunternehmer” ausmacht. eh schon blöd diese ganzen begriffe, wie betrieb, unternehmen, etc. umgehängt zu bekommen. frei-beruflich ist da viel geeigneter, aber das sind dann die rechtsanwälte notare etc. / da herrschen dann auch freiere geldmittel vor….
    lg

    gfk

  16. Sascha Osaka sagt:

    Ganz Ihrer Meinung! Danke für die wahren Worte!
    Mit besten Wünschen, Sascha Osaka

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