Arnold Schwarzenegger, der nächste Woche nach Österreich kommt,  hat seine Autobiographie geschrieben. Als Anleitung für ein geglücktes Leben taugt sie nur bedingt.

Eine Rezension

Jeder, der einen gut gebauten Körper, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein hat, kann theoretisch Weltmeister im Bodybuilding werden. Praktisch fehlen dann allerdings noch einige Millionen Rumpfbeugen und Hantelübungen. Jeder, der gern auf der Bühne steht, kann theoretisch Hollywood-Star werden. Praktisch fehlen dann bloß noch ein Produzent mit ein paar hundert Millionen Dollar, ein Regisseur und eine gute Story. Auch Gouverneur von Kalifornien kann theoretisch jeder werden. Man kann in die Kennedy-Familie einheiraten, sich vorstellen, was sich im Land alles ändern muss, und wahlkämpfen. Gewinnen muss man dann halt noch.

Meistens geht sich sich die Verwirklichung aller drei Träume in einem einzigen Leben nicht aus. Dann endet man trotz prächtigen Bizeps als Fitnesstrainer in einem Ferienclub, trotz Bühnentalents als Laiendarsteller beim weihnachtlichen Krippenspiel, oder trotz politischer Ambitionen als Bezirksobmann des BZÖ irgendwo in der Steiermark.  Und sitzt nicht mit Maria Shriver in der Paartherapie, sondern mit der Gundi von nebenan.

Aber es kann natürlich auch vorkommen, dass alleswider Erwarten aufgeht. Dann heißt man Arnold Schwarzenegger. Wie der Mann das zusammengebracht hat – das hat er jetzt auf 672 Seiten aufgeschrieben. „Total Recall“ ist eine detaillierte Handlungsanleitung zum Nachmachen. Sehr gut brauchbar für alle, die ebenfalls Arnold Schwarzenegger werden wollen.

Wenn Sie, zum Beispiel, wie einst der junge Schwarzenegger, als Lehrling im Baustoffhandel arbeiten und es schaffen, jedem Kunden etwas zu verkaufen, ehe er das Geschäft verlässt – dann wissen Sie, dass in Ihnen ein Unternehmer steckt. Wenn Sie beim Gewichtheben merken, dass Sie vor Publikum mehr Kilo schaffen als beim Training, dann sind Sie für die Bühne geboren: „Der Applaus hatte einen ungehanten Effekt auf mich. Die Zuschauer beflügelten mich, gaben mir Kraft, und stärkten mein Ego noch.“ Sind Sie, als einer der letzten Grundwehrdiener des Landes, eben beim Bundesheer? Nützen Sie die Chance, Demut, Gehorsam, Kartoffelschälen und Hemdenflicken zu lernen – es wird Ihnen später, in Hollywood oder Sacramento, ebenso wie Arnold, vielleicht von Nutzen sein.

Von Station zu Station geht es weiter mit solchen Ratschlägen. Über Frauen: „Horoskope spielten eine wichtige Rolle, um Frauen anzubaggern“. Über Kämpfe: „Sieh dem Gegner in die Augen“. Triumphe: „Nimm dir Zeit für deine Fans“. Taktik :„Egal, was man im Leben tut, der Verkauf gehört dazu“. Geld: „Ich versteckte es in den Stiefeln, damit es nicht gestohlen wurde.“ Geschäfte: „Wenn eine Entschiedung zu treffen war, dann wollte ich nicht endlos drüber nachdenken“. Kinder: „Man kann dabei nicht allzu viel falsch machen, Babypflege ist in unserem Gehirn schon eingespeichert.“ Politik: „Die Leute erinnern sich nicht daran, was du sagst, sondern ob sie dich mögen“. Momente der Erkenntnis: „Alles hat auch seine Schattenseiten, und je mehr man darüber weiß, deso zögernder wagt man sich heran“ – das gilt für Immobilien ebenso wie für Film und Ehe.

Eifrig klingt das alles, und über weite Strecken sogar recht sympathisch. Man schaut dem großen, starken Mann zu, wie er die feinen Steinchen seines Lebens einzeln zwischen die Finger nimmt und sorgfältig aneinanderreiht, damit alles einen Sinn ergibt. So als hätte ihn ein Therapeut angeleitet, herauszufinden, was sein Ich eigentlich zusammenhält. Doch je länger das dauert, desto drängender beschleicht einen der Verdacht: Hier blickt ein Fremder auf sich selbst. Hier schaut sich einer beim eigenen Leben zu.

In manchen Momenten wird diese Abspaltung auf beinahe unheimliche Weise greifbar: Wie Schwarzenegger etwa den Begräbnissen seines Vaters und seines Bruders ausweicht. Wie er später versucht, seine Herzoperation vor seiner Ehefrau geheimzuhalten und als Strandurlaub zu tarnen. Oder wie er mit seinem Dienstmädchen ein Kind zeugt, und fünfzehn Jahre lang mit der Lüge und dem illegitimen Sohn unter einem Dach lebt. Da erinnert er ein wenig an den Terminator, den er nicht nur spielt, sondern auch sehr gut versteht: „Der Kerl ist in Wirklichkeit eine Maschine. Der zuckt nicht mit der Wimper, wenn er schießt. Wenn er tötet, ist sein Gesicht ohne jeden Ausdruck – keine Freude, kein Triumph, nichts.“

Österreich kommt in diesem Buch selbstverständlich ebenfalls vor, als düstere Grundierung dieses Lebens. „Abends war es im Dorf stockdunkel“, erinnet sich Schwarzenegger an seine Kindheit. Es herrscht Kalter Krieg, es liegt viel Schnee. Der Schulweg führte durch einen Nadelwald, vorbei an einer Burgruine. Der Vater war ein verwundeter Kriegsheimkehrer aus Stalingrad, der als Dorfpolizist mit gezogener Waffe durch die Scheunen streifte.  „Seine Lebensdevise war Disziplin… Das Frühstück mussten wir uns mit Sit-Ups verdienen“. Schwarzeneggers Österreich ist ein stummer Ort. Wo bei Tisch nicht geredet wird, und auch sonst nicht viel. Wo man Kinder bei den Haaren packt und wortlos zuschlägt. Wo „70 Prozent der Menschen für den Staat arbeiten und jeder Beamter werden will“. Zu Schwarzeneggers Hochzeit schickte Kurt Waldheim ein Geschenk nach Amerika: Arnold und Maria als lebensgroße Pappmacheefiguren im Trachtenanzug.

„Ein lustiges Geschenk“, schreibt Schwarzenegger. Doch plötzlich versteht man, warum er so dringend davonlaufen musste. Warum er für dieses Leben so große Muskeln brauchte. Und warum er erst als Conan, der Zerstörer wiederkam.

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