Ein türkischer Bub aus Hernals wird Sängerknabe. Das verändert nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Mutter.

Eine Reportage

Nermin Germec, 47 Jahre alt, geboren in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste, kennt die Hofburg besser als viele Fremdenführer. Jahrelang hat sie sie geputzt. Konferenzräume und Veranstaltungssäle, Schauräume und Toiletten, Vitrinen und Prachtstiegen: Täglich frühmorgens rückten sie und ihre 18 Kolleginnen von der Leiharbeitsfirma an, sie mussten fertig sein, ehe draußen die Touristenbusse vorfuhren. Für die Arbeit gelten detaillierte Regeln. Die mit kostbaren Intarsien verzierten Parkettböden dürfen nur trocken mit weichen Besen gekehrt werden. Die Marmoroberflächen reibt man mit einer Paste ein, „arabische Seife“ genannt – nachher wischen und nicht mehr berühren, sonst gibt es Fingertapser. Für die Reinigung der Kronluster breitet man erst ein Tuch auf den Boden, lässt sie dann per Knopfdruck von der Decke herunter und poliert jeden Kristall einzeln, mit einem Mikrofasertuch. Am mühsamsten, sagt Frau Germec, sind die endlos langen roten Teppiche über den Freitreppen. Mit dem Staubsauger holperst du da Stufe um Stufe herunter, und wenn du endlich unten bist, spürst dus im Kreuz.

Schön waren die Bälle. Zuckerbäckerball. Ball der Offiziere. Jägerball. Kaiserball. Da hatte sie manchmal Bereitschaftsdienst, und wurde per Klingel gerufen, wenn Wein ausgeschüttet wurde, Gläser zu Bruch gingen, oder jemand in eine Ecke gekotzt hatte. „Freundlich und respektvoll“ seien ihr die Ballgäste meistens begegnet, sagt Frau Germec. Manchmal stellte sie sich vor, wie sich das wohl anfühle, in großer Robe am Stehtisch zu lehnen. Nicht zum Arbeiten hier zu sein, sondern zum Spaß.

An einem Sonntagmorgen im vergangenen Juli war es dann soweit. Frau Germec nahm, wie immer, die Straßenbahn aus Hernals zum Schottentor, zum ersten Mal hatte sie jedoch ihren Ehemann Yücel dabei. Die beiden waren ein bisschen nervös, als sie über den Heldenplatz gingen, durchs Schweizertor, in den Burghof, die steinerne Stiege hinauf zur Hofburgkapelle, es roch nach Weihrauch und Kerzenwachs und altem Holz. Sie wussten nicht, ob sie richtig angezogen waren. Trägt man in einer katholischen Messe Hut, Schal oder bleibt der Kopf unbedeckt? Sitzt man, steht man? Und ob man eine Eintrittskarte braucht?

Credo, Gloria, Benedictus: Die lateinischen Worte verstanden sie nicht. Aber immer wenn der Chor einsetzte, schauten sie die gotischen Gewölbestreben hinauf. Sie wussten, dass dort oben auf dem steinernen Balkon ihr zehnjähriger Sohn Deniz stand, im blauen Matrosenanzug, mit blauem Kapperl, zweiter Sopran.

Deniz, ihr Jüngster. Deniz, der Sängerknabe. Sie konnten ihn nicht sehen. Aber wenn sie die Augen zumachten, dann meinten sie manchmal, seine Stimme im Chor ein kleines bisschen durchzuhören.

Nermin Germec ist stolz in solchen Momenten. Dennoch zweifelt sie. „Warum Deniz?“, fragt sie immer wieder, als verberge sich hier ein Geheimnis, das sie nicht recht deuten kann. „Weil ich gut singen kann, Mama“, sagt Deniz dann. Aber das ist nur die kurze Antwort.

Die längere Antwort beginnt in der Hernalser Wichtelgasse, in einer öffentlichen Volksschule, mit Rafael Neira Wolf. Rafael ist Musiker. Außerdem ist er Tutor für das Projekt „Superar“, das versucht, Kinder aus allen Schichten durch tägliches Singen vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu holen (siehe Falter xx). Die Wichtelgasse war Deniz’ alte Schule, bis vor eineinhalb Jahren.

Rafael wollte damals mit der Klasse ein türkisches Volkslied einstudieren, „Üsküdar’a gideriken“. Doch er kannte nur den Text der ersten Strophe. Eines Tages brachte Deniz einen Zettel von daheim. Seine Mutter Nermin hatte ihm die fehlenden Strophen aufgeschrieben, gemeinsam hatten sie das Lied einstudiert, Deniz stellte sich vor die Klasse und sang solo. „Wow“, sagte Rafael. Die Kinder waren ganz still.

Von diesem Moment an ging für Deniz alles sehr schnell. Er wechselte in die Schule der Wiener Sängerknaben, ins Internat. Stimmbildung, Klavierstunden, Chorproben, neuer Alltag, neue Erfahrungen, neue Freunde.

Doch auch für die Mutter war dieses „Üsküdar“ ein wichtiger Moment. Jahrelang hatte sie geglaubt, nichts zum Schulerfolg ihres Kindes beitagen können. Die von ihr notierten Textzeilen waren die ersten sichtbaren Puzzleteilchen, die sie einbringen konnte; es war das erste mal, dass sie die Erfahrung machte, dass ihr Wissen, ihre kulturellen Kenntnisse, ihre Sprache nützlich sein können. 14 Jahre lang ist Nermin Germec schon in Wien, aber bisher hatte sich kaum jemand dafür interessiert, was sie kann.

Eigentlich ist sie gelernte Schneiderin. In Samsun arbeitete sie in der Werbeabteilung einer Regionalzeitung. Sie hat ein Auge für Farben und Muster, Design wäre ihre Sache. Aber in Wien gab es für sie bloß: Hofburg putzen, Elektrogroßmarkt putzen, Töpfe putzen in der Großküche eines Krankenhauses, und schließlich die Selbtstständigkeit, in Gestalt eines Brathendl- und Dönerstands vor dem Merkur-Markt in Klosterneuburg. Arbeit täglich von 8 bis 20 Uhr. Sonntags fuhr sie noch mal hin, um die fettverkrusteten Geräte zu putzen.

Fürs Deutschlernen und für weitergehende Ambitionen gab es in all den Jahren keine Gelegenheit – und keinen Grund. Für ihren Mann Yücel ebensowenig. Er ist Koch, sein Chef ist Türke. Wenn es etwas zu regeln gab draußen in der Welt, verließ man sich auf  Rabiye, die eloquente Schwiegertochter.

Die Sängerknaben-Areal im Augarten, das barocke Palais und der weitläufige Garten – all das war für Familie Germec vor eineinhalb Jahren unbekanntes Territorium. Mittwoch Nachmittags, am Besuchstag für die Internatskinder, streifen hier verschiedene Milieus aneinander. Manche Eltern kommen im SUV mit dunkel getönten Scheiben, andere mit der Straßenbahn, wieder andere lassen sich wochenlang überhaupt nicht blicken. Familie Germec kam am liebsten in großer Besetzung: Mutter, Vater, die großen Brüder Emre, Can und Oguz, Rabiye, die siebenjährige Amina, der fünfjährige Taner. Im Sommer beobachtete Deniz’ Klassenlehrerin manchmal durchs Fenster, wie sie sich zum Picknick unter die mächtige Platane setzten, dabei wurde ihr ganz warm ums Herz. „Es ist schön zu sehen, wie viel Rückhalt Deniz hat.“

Die Mutter blieb anfangs leise. Sie genierte sich für ihr gebrochenes Deutsch, aber sie war immer da, tastete sich Schritt für Schritt vor in die fremde Welt. Sie kam zu jedem Elternabend, jedem Konzert, jedem Adventmarkt. Zu wichtigen Terminen brachte sie einen der größeren Söhne mit, das Telefonieren übernahm die Schwiegertochter. Wenn Nermin die Worte fehlten, brachte sie Essen. Ehemann Yücel machte Baklava. Vor Weihnachten schleppten sie mit verlegenem Lächeln eine Schweinsstelze an, die Oguz, Lagerarbeiter beim Billa, von seinem Arbeitgeber geschenkt bekommen hatte. Mit der wussten sie als Muslime wenig anzufangen, doch in der Internatsküche war die Freude groß.

Es gab einen kurzen Moment des Zögerns, als es um Allah ging. Die christlichen Messen. Das Gloria, Benedictus, Halleluja, das die Sängerknaben oft singen. Daheim in Samsun sprach es sich schnell herum, was Deniz jetzt macht, und einigen Nachbarn und Onkeln merkte man Missbilligung an. Frau Germec hingegen schob die Zweifel der Verwandtschaft beiseite. Sie ist kein junges Mädchen mehr. Mit ihren 47 Jahren ist sie zwar immer noch eine schöne Frau, mit aufrechter Haltung und klaren, kantigen Gesichtszügen – doch sie kann nicht mehr allen gefallen und es allen recht machen. Sie weiß, dass sich manche Chancen kein zweites Mal auftun, und sie war fest entschlossen, diese  hier beim Schopf zu packen.

„Irgendwer redet immer irgendwas“, sagt sie mit einer wegwerfenden Geste. Und während Deniz allmählich den Berufswunsch „Profifußballer“ ad acta legte und sich stattdessen auf „Komponist“ festlegte, spürte auch sie plötzlich einen Faden in ihrer Hand, der sie noch irgendwoandershin führen könnte, vielleicht.

Nermin Germec hat vor einigen Wochen ihren Job gekündigt und schrieb sich in ihren ersten Deutschkurs ein. „Der – die – das“: Jeden Vormittag sitzt sie jetzt in der Sprachschule, abends übt sie Artikel und unregelmäßige Hilfszeitwörter. „Für Deniz“ sagt sie. Aber nicht nur.

Es ist inzwischen Winter geworden, der Brucknerchor kommt von seiner großen Fernost-Tournee zurück. Singapur, Australien, Neuseeland, Taiwan, Südkorea – 27 Konzerte, neun Wochen lang waren die Buben weg, das war hart, speziell für jene Eltern, die das zum ersten Mal erleben. Mütter, Väter, Onkel, Tanten und kleine Geschwister stehen jetzt in der Ankunftshalle des Wiener Flughafens, sie haben Luftballons mitgebracht und Willkommensplakete gemalt. Oguz hat Deniz’ Bild auf T-Shirts drucken lassen, die ziehen Amina und Taner an, die T-Shirts reichen den Kindern bis zu den Knien. Die Anzeigetafel rattert. Die Buben müssten schon bei den Gepäckbändern sein, wann kommen sie endlich raus?

Hier stehen Mütter in Designerstiefeln und andere in billigen Winterblousos, Väter in Businessanzügen und in Lederjacken. Nermin Germec hielt sich anfangs ein bisschen abseits. Aber sie konnte nicht ruhig stehenbleiben, und irgendwann hat der aufgeregt sirrende Haufen sie verschluckt. Wie oft hast du es denn geschafft, mit Deniz zu skypen? Warum bloß war die Verbindung mit Australien so schlecht? Hat bei dir auch immer nachts der Wecker geläutet, wegen der Zeitverschiebung?  Hat der Bub wohl genug gegessen, hat er abgenommen unterwegs? Und ob er nachts geweint hat? Wild durcheinander gehen die Fragen und die Antworten, egal in welcher Sprache, wer seit neun Wochen auf sein Kind wartet, versteht einander irgendwie.

Da geht ein Ruck durch den Haufen, ein verhaltener Schrei, die automatische Schiebetür öffnet sich, und da kommen sie mit ihren Rollkoffern heraus, in voller Montur. Matrosenanzug, blauer Mantel, Kapperl, einer nach dem anderen.

Deniz ist endlich in Wien gelandet. Und seine Mutter auch.

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