Wien war stets ein beliebter Ruheort für Revolutionäre aller Art. Man ließ sie gewähren. Und gewöhnte sich irgendwie an sie.

Genau hundert Jahre ist es her, dass im kalten Jänner 1913 ein 35jähriger Mann, von seinen Freunden „Sosso“ genannt, am Wiener Nordbahnhof aus dem Zug stieg. Er kam aus Krakau, stammte ursprünglich aus Georgien und hieß Josif Wissarionowitsch Dschugaschwili, Mitglied des Zentralkomitees der russischen kommunistischen Partei. Lenin hatte ihn nach Wien geschickt, in die Metropole der wankenden Vielvölkermonarchie. Hier würde er in Ruhe arbeiten können, sein Buch „Marxismus und die nationale Frage“ schreiben. Sosso, der später als Stalin berühmt werden sollte, bezog in der Meidlinger Schönbrunnerstraße Quartier, in einem zweistöckigen Gründerzeithaus. Wie heute herrschte auf dieser Straße schon damals viel Verkehr, es war laut, es stank. Beinahe täglich fuhr auch Kaiser Franz Joseph in seinem Achtspänner direkt unter Stalins Fenstern vorbei, auf dem Weg von der Hofburg nach Schönbrunn.

Anderen Revolutionären konnte man in Wien damals ebenfalls begegnen. Nikolai Bucharin lebte hier, ging Frauen aus dem Weg, las Krimis und half Stalin als Dolmetscher (1938 ließ dieser ihn erschießen). Lew Dawidowitsch Bronstein, „Trotzki“ genannt, wohnte samt Kindern in einem ärmlichen Arbeiterquartier in der Rodlergasse, tagsüber zog er zum Schachspielen durch die Kaffehäuser, am liebsten ins Eisenbahnerheim am Margaretengürtel und ins Cafe Central in der Herrengasse (ihn ließ Stalin 1940 ermorden). Josip Broz „Tito“ war ab und zu in der Stadt – er wohnte 1913 in Neudörfl und arbeitete als Automechaniker in den  Daimler-Werken in Wiener Neustadt. Und Adolf Hitler natürlich – der schlief zur selben Zeit im Männerheim in der Meldemannstraße und verkaufte seine selbstgemalten Ansichtskarten.

An mehreren Stellen Wiens müssen sich die Wege all dieser Männer gekreuzt haben. Sie atmeten dieselbe Luft, lasen dieselben Schlagzeilen in den Zeitungen, benützten dieselben Straßenbahnen und bekamen in den Wirtshäusern ähnliches Essen aufgetischt. Sie planten Kriege und Umstürze, irgendwie müssen ihre Alltagserfahrungen darin eingeflossen sein – aber sie verhielten sich unauffällig. Inhaltlich war der Stadt egal, was diese Männer taten. Sie sorgte bloß für Kost und Logis und Ruhe.

Diese Tradition setzte man bis in die jüngere Geschichte fort. Manchmal konnte das stolz machen (etwa als Yoweri Museveni im Hinterzimmer eines Landgasthauses die Befreiung Ugandas plante). Manchmal war es beschämend (etwa als die Wiener Polizei die Mörder dreier iranischer Kurdenpolitiker davonkommen ließ). Immer jedoch hinterließen die Gäste subtile Spuren, die sich manchmal gar nicht mehr abstreifen lassen. Am Haus in der Schöbrunnerstraße etwa hängt heute noch eine Marmortafel mit einem schnauzbärtigen Mann, es dürfte sich um das allerletzte Stalin-Denkmal Europas handeln. 1949 wurde es von Bürgermeister Theodor Körner eingeweiht, als Schmeichelgeste an die sowjetischen Besatzer, 1956 restauriert, erhalten wird es seither von der Gemeinde Wien.

Schon in den 1960er Jahren erkundigte sich Nikita Chruschtshow, ob man es nicht entfernen könnte. Njet, sagten die Österreicher. Nach dem Fall der Mauer bat Aussenminister Edward Schewardnadse den Wiener Bürgermeister noch einmal, aber der stellte sich taub. Die Erhaltung der Sowjetdenkmäler steht nämlich im Staatsvertag. Stalin ist und bleibt eingeschreiben in die Stadt, immerwährend. Denn was wir einmal haben, das lassen wir nie mehr los.

 

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