Wenn Demographie und direkte Demokratie zusammenwirken, entsteht ein Problem: Dass die beharrenden Kräfte immer die Mehrheit haben werden.

Beinahe jeder Mensch macht das: sich die eigene Biographie nachträglich schönreden. Ob bewusste eigene Entscheidungen oder Schicksalsschläge – wir wollen die einzelnen Teile unseres Lebens so ineinanderfügen, dass sie Bedeutung bekommen. Sinn ergeben. Und weil es gut tut, sein Leben im Großen und Ganzen für geglückt zu halten, neigen wir dazu, Versatzstücke daraus zur allgemeinen Nachahmung zu empfehlen.

Diese Eigenheit hat zwar etwas im Kern Konservatives, aber sie funktioniert ziemlich unabhängig von der Weltanschauung. Ehemalige Weltreisende empfehlen Weltreisen, ehemalige Revoluzzer den Aufstand, Installateure eine Installateurlehre, Bequeme die Segnungen der Gemütlichkeit. Wer Kinder großzieht, freut sich, wenn auch andere welche kriegen; wer auf Familie verzichtet, sieht sich durch andere, die dieselbe Entscheidung treffen, bestätigt. Parallele Biographien tun wohl; Lebenspläne, die vom eigenen Vorbild abweichen, werden als Kritik empfunden – auch wenn’s gar nicht so gemeint ist.

71% der über-60jährigen Männer haben daher für die Wehrpflicht gestimmt. Entscheidende Motive: Die „eigenen Erfahrungen“, und dass es „ein wichtiger Beitrag der Jugend für die Gesellschaft“ sei. Wenn ich dienen hab müssen, wird’s anderen auch nicht schaden; was für mich gut war, wird für dich ebenfalls gut genug sein: Solche Sätze haben Jüngere wohl schon millionenfach von Älteren gehört. Überall auf der Welt.

Grundsätzlich ist das völlig okay. Zum Problem wird es erst, wenn die Kombination aus Demokratie und Demographie die Verhältnisse einzementiert. Wenn die beharrenden Kräfte sich quasi automatisch durchsetzen, weil sie zahlenmäßig im Vorteil sind. Wenn etwa eine Mehrheit von Pensionisten dauerhaft über eine Minderheit von Erwerbstätigen bestimmt.

Als Bruno Kreisky im Jahr 1970 seine absolute Mehrheit gewann, war vieles anders als heute. Man fand Plastik und Ringelpullover schick, hörte Elvis Presley, und noch einen Unterschied gab es: Der Durschnittsösterreicher, die Durchschnittsösterreicherin war 33,9 Jahre alt (heute ist er oder sie 42,6). Die unter-18jährigen waren doppelt so zahlreich wie die über-65-Jährigen. Heute sind beide Gruppen etwa gleich groß.

Selbstverständlich sagt das Alter allein nichts über politische Präferenzen aus. Dennoch hat die Demographie bei der Durchsetzung der gesellschaftlichen Reformenin den Siebziger Jahren ganz sicher eine Rolle gespielt. Es wird auch damals viele gegeben haben, die meinten: Warum müssen so viele studieren, wenn mir die Hauptschule gereicht hat, um erfolgreich zu sein? Und wenn ich’s in meiner Ehe bis zuletzt ausgehalten hab – warum sollte man den Jungen die Scheidung allzu einfach machen? Doch Kreisky ritt auf einer demographischen Welle. Hinter sich spürte er den Druck der aufstiegshungrigen Nachkriegsgeneration, die eben selbst Kinder in die Welt gesetzt hatte, an den Fortschritt glaubte. Sie fühlten sich stark genug, die geschwächte, kompromittierte Kriegsgeneration beiseitezuschieben und eigene Prioritäten durchzusetzen. Und weil sie mehr waren, schafften sie das auch.

Die Welle hat sich seither weiterbewegt. Die 25jährigen von damals sind inzwischen fast siebzig, immer noch zahlreich, immer noch selbstbewusst, und werden den heute 25jährigen wahrscheinlich empfehlen, es ähnlich zu machen wie sie damals.

Bloß geht sich das leider nicht aus, zahlenmäßig.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.